Standortschließung "Kaserne vor dem Aus - wir auch"

Jeder vierte Einwohner arbeitslos, jeder siebte bei der Bundeswehr. Was mit einer Kleinstadt passiert, wenn die Soldaten abziehen. Eine Reportage aus Stavenhagen in Mecklenburg-Vorpommern.

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Abmarsch: Rekruten in Stavenhagens Kaserne Mecklenburgische Schweiz
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Abmarsch: Rekruten in Stavenhagens Kaserne Mecklenburgische Schweiz

Stavenhagen - Der Geruch von geräucherter Wurst weht über den kleinen Bahnhof von Stavenhagen. Was vor der BSE-Krise Touristen das Wasser im Mund hat zusammenlaufen lassen, gibt jetzt einen Vorgeschmack auf die Krisenstimmung in der Region.

"Det is doch waahnsinnig", entrüstet sich ein Taxifahrer und meint nicht den Rinderwahnsinn, sondern Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Denn nach dessen Willen ist Stavenhagen einer von 39 Truppenstandorten, die der Bundeswehrreform zum Opfer fallen.

"Damit hat keiner gerechnet", erzählt der Fahrer. Am Wochenende hätten die Soldaten noch zum Neujahrsempfang geladen, einen Tag später dann das Ende. Ausgerechnet der Standort Stavenhagen, wundert sich der Alteingesessene. Wo doch dort in den letzten Jahren so viel gebaut wurde.

Millionen geflossen

Der Weg zur Kaserne führt vorbei an den großen Arbeitgebern der Region: der Wursthersteller Pommernland, die Kartoffelfabrik Pfanni, das Warenlager der Supermarktkette Netto. Die 800-jährige Stadt Stavenhagen hat die Wende gut überstanden.

Viele der mittelalterlichen Häuser sind restauriert, zuletzt das Stadtschloss, das mit seiner leuchtend gelben Fassade auf einem Hügel über der Stadt thront: Fritz Reuter, niederdeutscher Dichter im 19. Jahrhundert, hätte seine Freude daran. Seinetwegen nennt sich der Ort auch "Reuterstadt".

In den ehemaligen NVA-Standort ist viel Geld geflossen: Allein 8,5 Millionen Mark hat die neue Turnhalle gekostet
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In den ehemaligen NVA-Standort ist viel Geld geflossen: Allein 8,5 Millionen Mark hat die neue Turnhalle gekostet

Die Kaserne "Mecklenburgische Schweiz" liegt sechs Kilometer vor den Toren der Stadt: frisch gestrichene Soldatenheime, eine neue Turnhalle, eine neue Kläranlage. "Da sind wohl Millionen geflossen", mutmaßt ein Anwohner.

Genau 50 Millionen waren es seit 1991 - das hat Oberstleutnant Joachim Teichmann, der Kasernenkommandant, ausgerechnet. Noch einmal so viel sollte in den nächsten Jahren in den Standort fließen. Profitiert haben davon vor allem die lokalen Handwerker.

Allein im vergangenen Jahr hat der Standort Aufträge im Wert von über sechs Millionen Mark vergeben. Zuletzt hat ein lokaler Unternehmer die Fenster in den Gebäuden erneuert. Sie sind noch nicht verputzt.

Mitarbeiter müssen entlassen werden

"Wir haben im vergangenen Jahr fast 600.000 Mark Umsatz durch Arbeiten in der Kaserne gemacht", sagt Dachdeckermeister Christian Thamm. Wenn die Aufträge ausbleiben, wird er vier Mitarbeiter entlassen müssen. Die Beschwichtigungen von Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) kann er nicht verstehen. "Der macht sich doch keine Gedanken, was hier passiert", grollt er.

Oberstleutnant Joachim Smola, der so genannte Standortälteste, hält Gefühle und politische Ansichten zurück. Nur soviel: "Wir Soldaten fühlen uns nicht wohl dabei, aber das wird man umsetzen." Tut es nicht in der Seele weh? "Wäre gelogen, wenn man das nicht sagen würde."

Kommandeure Rabe, Smola: "Wir Soldaten fühlen uns nicht wohl dabei"
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Kommandeure Rabe, Smola: "Wir Soldaten fühlen uns nicht wohl dabei"

Smola hat Erfahrungen mit Kasernenschließungen. Kassel hat er miterlebt, Marburg und dann Göttingen. "Politisch war die Bundeswehr da nicht gewollt", erzählt Smola. Anders hier im Mecklenburg-Vorpommern: öffentliche Gelöbnisse, Neujahrsempfang, Zusammenarbeit mit der Arbeiterwohlfahrt. "Die Einbindung der Soldaten in die Zivilbevölkerung ist sehr intensiv", berichtet der Oberstleutnant.

Am härtesten trifft es die Zivilangestellten

Die Soldaten sind stolz auf das, wie sie den ehemaligen Standort der Nationalen Volksarmee herausgeputzt haben. So stolz, dass Oberfeldarzt Jürgen Rabe im Sanitätszentrum sogar die Spülanlage für die Bettpfannen präsentiert. "Acht Millionen haben wir hier investiert", seufzt der 57-Jährige. "Aber wir sind Soldaten, wir sind sozial abgesichert. Am härtesten trifft es die Zivilangestellten"

Rund 200 arbeiten auf dem Kasernengelände. Eine von ihnen ist Karola Ehrlicher. Die Schneiderin steht in der Auskleidekammer und reißt Schulterklappen von einer ausrangierten Uniform. Seit 23 Jahren arbeitet sie fürs Militär. Auch ihr Mann arbeitet hier, als Schumacher.

Zivilangestellte Karola Ehrlich: "Wir wissen nicht, was wir machen sollen"
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Zivilangestellte Karola Ehrlich: "Wir wissen nicht, was wir machen sollen"

"Wir wissen nicht, was wir machen sollen", sagt die 42-Jährige und ihre Stimme stockt. "Vor vier Jahren haben wir ein Haus gebaut; das müssen wir abbezahlen." Einen Job außerhalb der Bundeswehr? "Als Schneiderin? Als Schumacher? Das ist ganz schlecht."

Jeder Vierte arbeitslos

Bereits jetzt ist jeder vierte Erwerbstätige der Region arbeitslos. Der Landkreis habe die schwächste Kaufkraft der gesamten Bundesrepublik, sagt der Manager des Einkaufszentrums Reutereiche. Es ist einer dieser Kauftempel, wie sie nach der Wende im Osten in der Hoffnung auf die schnelle Mark zu Hunderten auf die grüne Wiese gestellt wurden.

Vor sein Büro hat der Centermanager einen Zeitungsartikel gehängt. "Kaserne vor dem Aus", lautet die Schlagzeile. "Und wir auch", hat er daneben geschrieben.

35 Millionen Mark Kaufkraft durch die Kaserne

Bürgermeister Mahnke: Protestbriefe von Handwerkern und Geschäftsleuten
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Bürgermeister Mahnke: Protestbriefe von Handwerkern und Geschäftsleuten

Auf 30 bis 35 Millionen Mark jährlich schätzt Bürgermeister Bernd Mahnke die Kaufkraft der Bundeswehrangestellten. Den ganzen Tag schon klingelt das Telefon, rufen Bürger an, die helfen wollen, beschweren sich Handwerker und Geschäftsleute.

Auf Mahnkes Schreibtisch häufen sich die Protestbriefe. 15 Jahre lang ist er schon Stadtoberhaupt von Stavenhagen - erst für die SED, dann parteilos, und jetzt für die CDU. Aber so etwas hat er noch nie erlebt.

"Für mich ist das die größte Herausforderung meines Lebens", sagt der Bürgermeister. Müde wirkt er und abgespannt, aber er will nicht aufgeben. Den "Druck der Straße" will er mobilisieren. Eine Resolution ist geplant, eine Sondersitzung der Stadtvertretung und eine Lichterkette vom Stadtzentrum zur Kaserne. "Sechstausend Leute brauchen wir dafür", hat der Bürgermeister ausgerechnet. Dann müssten fast alle Bürger von Stavenhagen auf die Straße gehen.

Mit Ringstorff hat er schon telefoniert. Beim öffentlichen Gelöbnis im vergangenen Jahr hatte der Ministerpräsident noch den Stavenhagenern versprochen, er werde für den Standort kämpfen. Jetzt sagt der Landesvater, Mecklenburg-Vorpommern sei im Vergleich zu den anderen Bundesländern gut weggekommen.

Das mag ja stimmen, sagt Mahnke. Aber innerhalb des Ostseelandes seien die Kasernenschließungen unausgewogen, findet er. Mahnkes Groll ist deutlich zu spüren. Offen kritisieren will er den Ministerpräsidenten jedoch nicht. Schließlich baut er auf seinen Besuch in der Landeshauptstadt am Freitag.

Reduzierung statt Schließung

Ehrenkreuz vom Verteidigungsminister für Bürgermeister Mahnke: "Ich werde das zurückgeben."
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Ehrenkreuz vom Verteidigungsminister für Bürgermeister Mahnke: "Ich werde das zurückgeben."

Bis dahin arbeitet der Bürgermeister an Alternativen. Das Ziel: "Nicht die Schließung von zwei Standorten in Mecklenburg-Vorpommern, sondern die Reduzierung von zehn." Die Kasernen in Eggesin hat er in seiner Rechnung wegen der geplanten Reduzierung von 1792 auf 55 Stellen gleichfalls abgeschrieben.

Auch wenn sich die Kommandeure nicht offiziell beteiligen dürfen - Oberstleutnant Teichmann hat dem Bürgermeister ein paar Vorschläge gefaxt. Bis zum 15. Februar können die Bundesländer mit dem Verteidigungsminister verhandeln. Mahnke will alles versuchen. "Ich würde rund um die Uhr arbeiten, wenn ich schon wüsste, dass wir das geschafft haben."

Erst jüngst erhielt er für seinen Einsatz um die "partnerschaftlichen Beziehungen" zwischen Stadt und Standort vom Verteidigungsminister das Goldene Ehrenkreuz. Noch liegt es vor ihm auf dem Schreibtisch. Wenn die Kaserne trotz seiner Bemühungen schließt, wird er es an Rudolf Scharping zurücksenden.



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