Stasi-Fall Marquardt Verklärung statt Aufklärung

Der Immunitätsausschuss des Bundestages hat beschlossen, die Stasi-Verstrickung der PDS-Abgeordneten Angela Marquardt zu überprüfen. Die Politikerin hält die Angelegenheit nur für eine Familienaffäre. Aber sie klärt die Widersprüche zwischen dem Akten-Inhalt und ihren eigenen Erzählungen nicht auf.

Von Holger Kulick


Nur ein Opfer der Stasi? Angela Marquardt (PDS)
DDP

Nur ein Opfer der Stasi? Angela Marquardt (PDS)

Berlin - "Ich erklärte, dass man nur dann angreifbar werde, wenn man unbequeme Wahrheiten vertuschte, statt sie auszusprechen. Diese Offenheit vermisste ich in der PDS." So habe sie vor zehn Jahren auf dem Geschichtsplenum des PDS-Parteitags argumentiert, zitiert die heute 30-jährige Angela Marquardt sich selbst. Nachzulesen ist der Satz in ihrem Buch "Was ich bin, was mir stinkt, was mir fehlt", das 1999 erschien.

Heute muss die Punkerin in der PDS deshalb die Häme einiger ihrer Parteigenossen ertragen, die wie die Dresdner Bundestagsabgeordnete Christine Ostrowoski im Berliner "Tagesspiegel" lästern: "Vielleicht hätte sich die Angela nicht ganz so sehr zur Vorreiterin in der innerparteilichen Debatte zur Stasi-Aufarbeitung machen sollen." Denn zwölf Jahre sind seit der Wende vergangen, ohne dass die Jungpolitikerin jemals das Thema Stasi in ihrer eigenen Geschichte thematisierte oder einen Überprüfungsantrag in eigener Sache an die Gauck-Behörde stellte. Das hatte Fachleute misstrauisch gemacht.

Drei verräterische Dokumente

Mit der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit beschloss der Immunitätsausschuss des Bundestags am Donnerstag, die offizielle Überprüfung der Stasi-Verstrickung von Angela Marquardt zu veranlassen. Dem Vernehmen nach stimmten die Vertreter von SPD, CDU, FDP und Grünen dem Antrag zu. Grundlage sind jene drei Stasi-Dokumente, die SPIEGEL ONLINE am Dienstag veröffentlicht hat:

Zum einen Angela Marquardts Verpflichtungserklärung vom 3.4.1987 unter dem Decknamen Katrin Brandt ("Ich möchte, dass Feinde unschädlich gemacht werden und Menschen, die auf dem falschen Weg sind, geholfen wird").

Des Weiteren ein Aktenvermerk der Stasi-Kreisdienststelle Greifswald über zwei - offenbar konspirative - Treffs mit ihr am 6. und 7.9.1989 ("in der Zeit von 15 - 16 Uhr im PKW (Helmshagen)...zur Instruktion und Einflußnahme...").

Das dritte Dokument entstand am 27.9.89 rund zwei Wochen vor Erich Honeckers Sturz und dem Anfang der Wende in der DDR. In Vertretung hat ein Major "Hille" zusammengefasst, was ihm der "IMS Katrin Brandt" über Debatten in der Klasse 12b der Erweiterten Oberschule berichtete und über eine abgebrochene Flucht eines namentlich genannten 20-Jährigen.

"IMS Katrin Brandt"

"Ich möchte, dass Feinde unschädlich gemacht werden..." - Verpflichtungserklärung oder nur Schweigeverpflichtung vom 3.4.1987?
SPIEGEL ONLINE

"Ich möchte, dass Feinde unschädlich gemacht werden..." - Verpflichtungserklärung oder nur Schweigeverpflichtung vom 3.4.1987?

Das Kürzel "IMS" stand im steifen Stasi-Jargon für "Inoffizieller Mitarbeiter zur politisch-operativen Durchdringung und Sicherung eines eigenen Verantwortungsbereichs." Wäre sie nur abgeschöpft worden, hätte sie die Stasi nur als "Quelle" benannt, ein "IMS" war aber üblicherweise ein Akteur. Der mit diesem Kürzel bezeichnete Spitzel handelte im Rahmen einer festgelegten Mitarbeiter-Kategorie der Staatssicherheit.

Die Auseinandersetzung darüber war der jungen PDS-Politikerin offenkundig unangenehm. Im Vorfeld von der Redaktion schriftlich und per E-Mail gestellte Fragen mochte sie nicht beantworten. "Diese Mail hätten Sie sich offensichtlich klemmen können..." mailte sie an die Redaktion. Anderntags fügte sie hinzu: "Sie müssen mir zumindest das Recht zugestehen jetzt erst einmal in meiner eigenen Familie Fragen zu stellen...". In den Folgewochen erschienen dann zwei Interviews mit ihr in Berliner Zeitungen, in denen sie hervorhob, dass"die Akten eine andere Realtität zeigen", als sie sie in Erinnerung habe: "Es steht da so konkret, ich müsste mich eigentlich erinnern".

In der PDS falsch beraten?

Die Aufregung der Abgeordneten ist gut zu verstehen, weil sie nun unter Schlagzeilen leiden muss, die vermeidbar gewesen wären, wenn sie offenkundig nicht in der PDS falsch beraten worden wäre. Dort war das belastende Material schon seit zwei Wochen bekannt, nachdem der Bundestag über die neuen Funde der Rostocker Stasi-Unterlagenbehörde informiert worden war. Claus hatte die Parlamentarierin zwar über den Fund benachrichtigt, aber sie erhielt nicht den Rat, umgehend in die Offensive zu gehen. Er halte die Akten auch heute noch nicht für bedeutsam, äußerte Claus gegenüber SPIEGEL ONLINE, denn Angela Marquardt habe aus seiner Sicht eindeutig "unwissentlich" mit der Stasi kooperiert.

So argumentiert mittlerweile auch Angela Marquardt. Verspätet holt sie die offene Aussprache in eigener Sache nach - allerdings mit zahlreichen Widersprüchen. Dienstagabend teilte sie zunächst in einer schriftlichen Erklärung mit, "wissentlich zu keiner Zeit" mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet zu haben. Sie sei offenbar durch einen Bekannten abgeschöpft worden, deutete sie an, und ihre Mutter habe sie bewogen, "eine Art Schweigeverpflichtung" zu unterzeichnen, damit sie Stasi-Verbindungen der Eltern nicht ausplaudere.

Eine noch weitergehende Schilderung lieferte sie am Mittwoch der "Berliner Zeitung", der sie sowohl ihre Mutter, ihren Stiefvater und einen vom Jugendamt gestellten Vormund als inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter beschrieb. Der Hintergrund: Ihre Eltern ließen sich 1979 scheiden, danach wuchs sie bei ihrer Mutter in Greifswald auf. Im Sommer 1987 zog die ohne ihre Tochter nach Frankfurt an der Oder. Bis dahin seien im elterlichen Haus hauptamtliche Mitarbeiter der Staatssicherheit als Freunde der Familie ein- und ausgegangen, schilderte Angela Marquardt der Reporterin. Einer dieser Herren, ein "Jörg V.", sei als 20-Jähriger zum guten Kumpel von ihr geworden - und "wie Angela Marquardt heute weiß, zu ihrem Führungsoffizier" ("Berliner Zeitung"). Ihm habe sie sicherlich auch über Mitschüler berichtet.

"Es gab jedenfalls keine Aufträge an mich"

In der Donnerstagausgabe der ehemaligen SED-Zeitung "Neues Deutschland" beschreibt sie das MfS sogar als eine Alltagserfahrung. "Es war für mich Teil des familiären Alltags. Eltern von zwei Mitschülerinnen waren beim MfS. Dass einige Freunde meiner Eltern, die bei uns ein- und ausgingen, beim MfS arbeiteten, wusste ich anfangs natürlich nicht ... Eines Tages traf ich einen dieser Freunde zufällig im Bus und wollte mit ihm reden. Daraufhin erklärten mir meine Eltern und zwei dieser Bekannten, dass ich die Familienfreunde in der Öffentlichkeit nicht kennen darf und über diese Kontakte nicht sprechen darf. Und offenbar ließen sie mich diese Schweigerklärung schreiben, die jetzt gefunden wurde. Ich weiß es nicht mehr. Meine Mutter hat mir dieser Tage erklärt, dass mir die Erklärung diktiert wurde." Es habe "jedenfalls keine Aufträge an mich" gegeben.

Bislang hatte Angela Marquardt ihre Mutter zwar als SED-Parteigängerin beschrieben, aber nie als so intensiv mit dem DDR-System verwoben. Die Stasi galt als "Schild und Schwert" der Sozialistischen Einheitspartei. In Marquardts Buch heißt es schlicht: "Meine Mutter war zwar in der Partei. Es ist aber fraglich ob sie sich darin wohl gefühlt hat. Jedenfalls musste sie zwei Parteiverfahren über sich ergehen lassen".

Angst als Versager dazustehen?

Treffbericht von Stasi-Major "Hille" rund einen Monat vor der Wende
SPIEGEL ONLINE

Treffbericht von Stasi-Major "Hille" rund einen Monat vor der Wende

Ob nun Mutter und Tochter solidarisch an einer gemeinsamen Legende stricken, oder Marquardts Schilderung zutrifft, ist in dieser Stasi-Affäre jedoch unerheblich. Fakt ist, dass sie ihre Verpflichtungserklärung als 15-Jährige unterzeichnete, dass kann ihr wahrlich nicht nachgetragen werden. Deshalb gibt die Stasi-Unterlagenbehörde auch keine Berichte heraus, die in die Zeit von Angela Marquardts Minderjährigkeit fallen.

Der erwähnte Aktenvermerk über einen Treff mit ihr zwecks "Instruktion und Einflußnahme im Zusammenhang mit der beabsichtigten op (operativen) Perspektive des IM" entstand aber, als sie bereits volljährig war. Darunter ist ein "nächster vereinbarter Termin am 15.9.89" vermerkt. Auch der Bericht über die Stimmung in ihrer Schulklasse und der Verrat an einem potenziellen Flüchtling entstand, als sie bereits 18 war.

Rund 12 Jahre sind seitdem vergangen, ein Zeitraum, in dem Erinnerung an die näheren Zusammenhänge noch möglich sein müsste - sofern sie gewollt wird. Warum das so schwer fällt, hat Marquardt am 21. Januar 1995 im "Neuen Deutschland" beschrieben, als sie sich über kommunistische Hardliner in der PDS aufgeregt hat:

"Wie immer ist auch Psychologie im Spiel. Denn die Vergangenheit wird ja auch deshalb verklärt, um sich nicht als Verlierer und Versager fühlen und das gesamte eigene Leben in Frage stellen zu müssen. Aber egal, ob sie ihre Vergangenheit nun verklären oder offensiv damit umgehen, fühlen sie sich als Versager. Was ich aber will, ist der offensive Umgang mit der persönlichen Geschichte, ohne sich dabei ständig als Verlierer zu betrachten".

Diesen Schritt hat offenbar auch Angela Marquardt nicht geschafft.



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