Stasi im Westen Birthler weist Vorwürfe gegen ihre Behörde zurück

Defizite beim Aufarbeiten der Stasi-Aktivitäten im Westen? Von wegen, sagt Behörden-Chefin Birthler, keinem anderen Thema widme man sich so intensiv. Der Ohnesorg-Todesschütze Kurras sei erst jetzt enttarnt worden, weil niemand diese Akte angefordert habe.

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Berlin - Es läuft nicht alles rund in diesen Tagen für Marianne Birthler. Erst erfuhr sie nur über Umwege von einem der brisantesten Funde, die ihrer Behörde in den letzten Jahren gelungen ist: Der Westberliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, wurde als Spion der Staatssicherheit enttarnt., Danach wurde Birthler von den üblichen Verdächtigen öffentlich hart angegangen, weil ihre Behörde die Aufarbeitung der Stasi-Verstrickungen verschleppe. Und nun steht sie an diesem Dienstagmittag im Eingang der Bundespressekonferenz und kommt nicht weiter.

Stasi-Chefaufklärerin Birthler: "Nach wie vor wissen viele viel zu wenig"
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Stasi-Chefaufklärerin Birthler: "Nach wie vor wissen viele viel zu wenig"

"Mein Name ist Birthler", sagt sie zu dem pflichtbewussten Pförtner und nimmt die schwarze Sonnenbrille ab. "Aha", sagt er. Und? Sie habe doch jetzt hier einen Termin, sagt die Leiterin der Bundesbehörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, kurz Stasiunterlagen-Behörde. Ach so, na dann bitte.

Entschädigt wird Marianne Birthler durch das journalistische Aufgebot, dem sie wenige Minuten später gegenübersitzt. Viele Fragen sind zu klären: Gibt es weitere brisante Details in der Sache Kurras? Warum kam die Sache erst jetzt heraus? Und war möglicherweise auch der Attentäter des Studentenführers Rudi Dutschke ein Stasi-Mann, worüber nun erneut spekuliert wird?

Aber zunächst macht Marianne Birthler, was die Behörden-Chefin alle zwei Jahre zu tun hat - und präsentiert ihren Tätigkeitsbericht. "Nach wie vor wissen viele viel zu wenig", sagt sie, die Arbeit der Behörde sei deshalb nach wie vor zwingend. Aber die falle zunehmend schwer, weil man mit immer weniger Personal zurecht kommen müsse. 3200 Mitarbeiter waren es zu Beginn der Neunziger Jahre, heute nur noch rund 1700. Aktenerschließung, Forschung, Bildungsarbeit - "meine Leute leisten Beachtliches", sagt Birthler.

Aber sie leisten eben auch Überraschendes - mitunter selbst für die Chefin. Denn von der Kurras-Sensation erfuhr Birthler am vergangenen Donnerstag tatsächlich erst, nachdem einige Medien darüber berichtet hatten. "Ich kann nicht wirklich eine Erklärung dafür geben", sagt sie, "ich bin noch auf der Suche". Die Enthüllung zweier Behörden-Forscher, die in einem wissenschaftlichen Artikel in diesen Tagen veröffentlicht werden sollte, war vorab Journalisten zugespielt worden. "Ich hätte es schon schön gefunden, wenn ich davon vorher erfahren hätte."

"Das hat mich schon alleine deshalb nicht gefreut, weil das nicht unser Stil ist", sagt Birthler. "Ich kann mich dafür nur entschuldigen." Sie könne sich das nur mit einem "gewissen Übereifer" der Kollegen erklären.

"Unsereins wäre für so was geflogen", flüstert da ein Journalist zu seinem Kollegen.

An der Art der Kurras-Enttarnung und deren Zeitpunkt kann die Behördenchefin dagegen nichts finden. Die beiden Kollegen seien per Zufall auf die Akten gestoßen. Dabei seien sie stets zugänglich gewesen, "aber diese Akten sind nie angefragt worden". Sie wolle das niemandem zum Vorwurf machen, sagt Birthler und lächelt milde. "Keiner kam auf die Idee, dass Kurras für die Stasi gearbeitet hat."

Den Vorwurf, ihr Haus würde die Aufarbeitung der Stasi-Aktivitäten im Westen vernachlässigen, findet Birthler "wirklich erstaunlich". Im Vergleich zu anderen Themen sei die "Westarbeit" der Stasi "wahrscheinlich am intensivsten bearbeitet worden". Auch für die Überprüfung von West-Politkern sei sie offen. "Aber wenn man das seriös macht, muss man sehr weite Kreise ziehen."

Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, hatte anlässlich des Kurras-Funds die Archivarbeit der Behörde scharf attackiert. Der Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag, Arnold Vaatz, nannte die zögerliche Aufarbeitung der Stasi-Westarbeit das "wesentliche Hemmnis" einer zügigen Aufklärung der deutsch-deutschen Verstrickungen. Marianne Birthler lassen solche Attacken nach außen kalt: "Es ist ja nicht neu, was Sie sagen." Gleiches gelte für die Forderung ihrer Kritiker, die Aufgaben der Behörde an das Bundesarchiv zu überführen, was beispielsweise auch der SED-Forscher Klaus Schroeder verlangt. Birthlers Antwort: "Den Nachweis, dass es das Bundesarchiv besser könnte, haben Sie nicht."

Ob es hinsichtlich der Stasi-Westaktivitäten noch weitere Überraschungen geben könnte, ist für Birthler "Spekulation". Fakten gibt es dagegen zum Fall Dutschke. Über dessen Attentäter Josef Bachmann liegen keine Unterlagen vor. "Es gibt zu Bachmann keine IM-Akte", sagt die Behördenchefin.

Grundsätzlich sei aber klar, so viel zeige der Fall Kurras, "dass die Stasi oft Einsichten hatte, wo man sich sicher wähnte".

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