Stasi-Recycling Der lautlose Transfer der DDR-Spione

Das Handwerk haben sie bei der Stasi gelernt, nach dem Mauerfall wurden sie arbeitslos. Zehntausende Ex-DDR-Spione fanden in der neuen Republik Arbeit: als Privatdetektive, Polizisten oder Spitzel. Im Dienst der Telekom und der Großkonzerne Allianz und Rewe, wie DER SPIEGEL berichtet.


Dass ihr Know-how auch einmal im wirklich demokratischen Deutschland gefragt sein würde, ahnten Klaus-Dieter Baier und Frank Hendrik John 1989 wohl noch nicht. 19 Jahre nach dem Mauerfall sind die beiden gut im Geschäft - als Privatermittler. Baier und John haben sich auf Wirtschafts- und Betriebskriminalität spezialisiert. Ihre Auftraggeber: Großkonzerne. Ihre Mission: Die "Observierung" von Kunden, Managern und Journalisten. Man könnte auch Bespitzelung sagen.

Ex-Stasi-Zentrale in Berlin: "Ein Großteil von ihnen ist schnell wieder untergekommen"
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Ex-Stasi-Zentrale in Berlin: "Ein Großteil von ihnen ist schnell wieder untergekommen"

Die von den zwei Ex-Stasi-Mitarbeitern gegründete Detektei Desa Investigation & Risk Protection spielte nicht nur in der von der Deutschen Telekom beauftragen Bespitzelung eines Wirtschaftsjournalisten eine zentrale Rolle. Auch andere deutsche Großkonzerne betrauten die Berliner Schnüffler mit heiklen Missionen: Für den Versicherungskonzern Allianz ermittelt die Desa derzeit in Berlin in einem Fall von Versicherungsbetrug. Für den Einzelhandelsriesen Rewe wurde ein insolventer Kunde des Großhandels observiert und gegen eine Bande, die Warenlager ausgeräumt hatte, ermittelt. Das berichtet DER SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe.

"Die geschäftsführenden Gesellschafter Klaus-Dieter Baier und Frank Hendrik John absolvierten eine Ausbildung in Polizei und Sicherheitsbehörden", heißt es auf der Homepage der Berliner Wirtschaftsdetektei Desa Investigation & Risk Protection. Die beiden brachten offenbar mehr Schnüffelkompetenz mit in den Job, als die nüchtern-seriösen Worte vermuten lassen. Die Stasi-Akten der Desa-Männer lesen sich jedenfalls wie ein Empfehlungsschreiben: Dort wird der eine von ihnen schon 1986 für seine "kompromisslose Aufgabenerfüllung", der andere im Jahr 1988 als "treu ergebener Genosse" gelobt.

Baier und John hatten ihre auf Wirtschafts- und Betriebskriminalität spezialisierte Unternehmensberatung kurz nach dem Mauerfall gegründet - vor der Wende sollen sie hauptamtlich für die Spionageabwehr der Staatssicherheit gearbeitet haben; angestellt in der Hauptabteilung II (HA II), Jahresgehalt jeweils gut 19.000 Ostmark. Hinweise darauf finden sich auch im Archiv des Berliner Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk. Baier hat in der vergangenen Woche laut "Financial Times Deutschland" (FTD) seine Stasi-Vergangenheit bereits eingeräumt. John war bislang nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Die kleine Agentur aus Berlin-Friedrichshain ist in einen der größten Spitzelskandale Deutschlands verstrickt. Desa-Mitarbeiter sollen im Jahr 2000 für die Telekom den damaligen "FTD"-Chefreporter Tasso Enzweiler ausspioniert haben, um dessen Informanten zu enttarnen. Der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) zufolge spähten die Detektive den Journalisten wochenlang aus - anschließend soll das 16-seitige Dossier druckfrisch an den Konzern gegangen sein.

Die Detektei selbst weist zurück, jemals von der Telekom angeheuert worden zu sein. Vielmehr habe eigentlich die Berliner Firma Control Risks den Auftrag angenommen und einen Teil an Desa-Mitarbeiter delegiert. Während des Auftrags soll nie die Privatsphäre Enzweilers verletzt worden sein, zitiert die "SZ" Geschäftsführer John.

"Die meisten sind schnell untergekommen"

Ganz gleich welche Rolle die Agentur in der Telekom-Affäre spielt: Das Beispiel der Berliner Privatdetektei zeigt, dass in bestimmten Branchen die Expertise von DDR-Spähern offenbar auch nach 1989 gefragt war – und anscheinend noch immer gefragt ist.

Schätzungsweise 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter waren zum Zeitpunkt des Mauerfalls für die Stasi tätig, nicht eingerechnet die etwa 189.000 Inoffiziellen Mitarbeiter. "Stasi-Leute waren nach dem Zusammenbruch der DDR die ersten, die ihren Job verloren haben", sagt Historiker Kowalczuk, "ein Großteil von ihnen ist schnell wieder untergekommen." Heute gebe es noch etwa 60.000 ehemalige Hauptamtliche unter 65 Jahren, schätzt der Forscher. Unter dem ironischen Motto "Stasi in die Produktion" sollten mit dem Zusammenbruch der DDR das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) aufgelöst und seine Offiziere von sensiblen Bereichen der Gesellschaft – etwa Schulen, Unis, Gerichte oder Staatsgrenzen - ferngehalten werden. "Aber sie finden ehemalige Stasi-Mitarbeiter heute noch überall", sagt Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbands SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Allen Überprüfungsaktionen zum Trotz: "Die Netzwerke existieren weiter."

Nach Ansicht von Johannes Beleites, Redakteur des Magazins "Horch und Guck", das sich der Aufarbeitung der SED-Diktatur widmet, gibt es Branchen, in denen Stasi-Mitarbeiter besonders einfach Zuflucht fanden. Versicherungen gehören dazu, auch Maklerbüros für Immobilien, Wach- und Sicherheitsfirmen – und Detekteien. Nach der Wende war der Bedarf von Investoren aus dem Westen nach anpassungsfähigen, gut vernetzten Arbeitskräften groß, sagt Beleites. Gefragt waren "Leute mit Stabserfahrung" und logistischem Know-how. "Teilweise suchten Firmen gezielt nach den Stützen des DDR-Systems, nach Stasi-Leuten, Polizisten oder Soldaten" – und rekrutierten diese reichlich.

Im Dienste des einstigen Klassenfeinds

Die DDR-Ideologie wich plötzlich einem schlichten Pragmatismus. Schnell hätten die Zehntausenden, die über Nacht aus dem gigantischen Spionage-Staatsapparat entlassen wurden, "begriffen, dass es nicht mehr um die Macht des Geheimdienstes, sondern um Wirtschaftsmacht geht", sagt Beleites. Mit einem Job als Versicherungsvertreter oder Immobilienverkäufer konnte man unkompliziert Geld verdienen und sich lautlos in die neue, mauerfreie Republik einfügen. Wenn auch im Dienste des einstigen Klassenfeinds.

  • Fünf Jahre nach dem Mauerfall beschäftigte der Bund in seiner Verwaltung, in seinen Ministerien und Behörden noch über 2500 ehemalige Stasi-Mitarbeiter.
  • 2006 arbeiteten nach Information der Birthler-Behörde in den Polizeibehörden

Eine übergreifende Aufschlüsselung über den heutigen Einsatz früherer MfS-Leute ist aber anscheinend selbst auf höchster Ebene schwierig: Die Bundesregierung reagierte 2007 auf eine kleine Anfrage aus dem Bundestag recht hilflos. Eine "detaillierte Auswertung" zu ehemaligen Stasi-Mitarbeiter in den Bundesbehörden sei nicht machbar - mangels statistischer Erfassung sei "nicht davon auszugehen, dass alle gewünschten Angaben von 1990 bis heute vollständig ermittelbar sind".

Vor allem die Tätigkeit von MfS-Leuten in privaten Unternehmen "ist eine Grauzone", sagt Klaus Schroeder. Klar ist nur: Nicht wenige gründeten direkt nach dem Mauerfall mit dem Handwerk, das sie bei der Stasi erlernt hatten, ein eigenes Gewerbe – so wie Detektei-Chef Baier.

Statistisch erfasst sind die zweiten Karrieren der früheren Stasi-Mitarbeiter nicht. Zu undurchsichtig ist die Kaderaktenlage, die Jobwechsel in den Aufbaujahren sind schwer zu rekonstruieren. Gefragt nach der Ausstattung von ostdeutschen Ermittlerbüros, Wach- oder Immobilienfirmen mit ehemaligem Stasi-Personal schätzt Redakteur Beleites: "Flächendeckend."



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