Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Kugelschreiberterror

Im Angesicht des Terrors raten Experten, Trost in der Statistik zu suchen: Jedes Jahr sterben im Westen mehr Menschen an verschluckten Fischgräten als bei islamistischen Anschlägen.

Ich bin ein großer Fan von Statistiken. Zahlen helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Wenn man zum Beispiel weiß, dass im Jahr nur jede 20. Begegnung zwischen einem Hai und einem Menschen tödlich für den Menschen verläuft, hat man gleich weniger Angst, auch dort ins Wasser zu steigen, wo sich der Hai tummelt.

Die Methode der Selbstberuhigung durch Mathematik lässt sich auf andere Bedrohungen wie islamistische Selbstmordattentäter übertragen. Der Terror ist für uns Europäer ja derzeit, was der Hai für den Australier ist: eine unerfreuliche, aber offenbar unvermeidbare Begleiterscheinung des Lebens.

Ich habe vor Jahren bei dem Kollegen Harald Martenstein gelesen, dass das statistische Risiko, in einem westlichen Land beim Verschlucken eines Kugelschreiberteilchens zu ersticken um ein vielfaches höher ist als das, an einer Terroristenbombe zu sterben. Jedes Jahr kommen allein in Deutschland ungefähr 300 Menschen wegen verschluckter Kugelschreiberteile ums Leben.

Kugelschreiber als Gefahrenquelle zu wenig präsent

Ich hatte keine Ahnung, wie gefährlich Kugelschreiber sind. Ich vermute, in dieser Hinsicht geht es mir wie den meisten meiner Leser. Vielleicht sollte die Bundesregierung mehr für den Kampf gegen Kugelschreiber tun. Damit will ich um Gottes Willen nicht den Einsatz unserer Geheimdienste schmälern, aber der Kugelschreiber scheint mir im öffentlichen Bewusstsein als Gefahrenquelle zu wenig präsent.

Auch die Fischgräte wird, was die Mortalität angeht, regelmäßig unterschätzt. Einem Kommentar zu den Anschlägen von Brüssel habe ich entnommen, dass in Deutschland 500 Menschen an verschluckten Fischgräten verenden, und zwar pro Jahr. Das stellt den islamistischen Terror ebenfalls weit in den Schatten. Seit dem Anschlag auf das World Trade Center haben die Terroristen in den USA und Westeuropa ca. 450 Menschen umgebracht. Selbst die Gefahr, vom Blitz erschlagen zu werden, ist größer als die, bei einem Selbstmordattentat ums Leben zu kommen.

Überall kann man jetzt lesen, dass die Terroristen gewonnen haben, wenn wir unser Leben ändern. Es wird empfohlen, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen und keine Angst zu zeigen. Wer Angst zeige, habe schon verloren, heißt es.

Die Bedrohung "entdramatisieren"

Bei Twitter kann man sich unter #zeigkeineangst mit anderen zusammenschließen, die auch nicht wollen, dass der Terror gewinnt. Unter dem Hashtag wird ein Dr. Gerd Gigerenzer von der Max-Planck-Gesellschaft zitiert, der von sich sagt, dass er sich persönlich viel mehr fürchte, "auf der Straße durch einen Fahrer ums Leben zu kommen, der am Steuer Texte schreibt oder auf WhatsApp oder Twitter schaut, als durch einen Terroristen ums Leben gebracht zu werden".

Auf Sueddeutsche.de, kam dieser Tage der Soziologe Wolfgang Bonß zu Wort, der dazu riet, die Bedrohung zu "entdramatisieren", weil nichts gefährlicher sei, als jetzt in eine "Sicherheitsspirale" zu geraten. Ich war etwas überrascht, den Appell zur Entdramatisierung ausgerechnet bei den Kollegen aus München zu lesen. Normalerweise gewinnt dort immer die Fraktion die Oberhand, die überall Gefahren sieht. Neulich wurde sogar vom Genuss von Kräutertee abgeraten, weil Kräutertee angeblich Substanzen enthält, die krebserregend sein könnten.

Ich begrüße es sehr, dass bei der Risikoeinschätzung in Deutschland endlich mehr Realismus Einzug hält. Ich frage mich nur, wo die Experten waren, als die Leute schier verrückt vor Angst wurden, als in 8900 Kilometer Entfernung ein Atomkraftwerk unter Wasser stand. Die Wahrscheinlichkeit, einem GAU zum Opfer zu fallen, rangiert statistisch deutlich unter dem Kugelschreiber- oder Grätentod. Dennoch verdanken wir der Angst vor dem Atomtod nicht nur eine eigene Partei im Deutschen Bundestag, sondern auch die energiepolitisch fragwürdige Entscheidung, uns als Industrienation langfristig von Naturkräften wie Wind und Sonne abhängig zu machen.

Wir hätten uns viel erspart, wenn sich die Leute, die jetzt Gelassenheit predigen, die Mühe gemacht hätten, dies schon nach dem Unfall von Fukushima zu tun. Bis heute glauben viele Menschen, in Japan wären an den Folgen des Reaktorunglücks Tausende ums Leben gekommen, dabei gehen die Toten der Katastrophe auf das Konto des Tsunami, der im März vor fünf Jahren die japanische Küste traf.

Statistisch irgendwo zwischen Fischgräte und Blitzschlag

Ist Angst nützlich? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Bundeskanzlerin hat neulich gesagt, dass Angst immer ein schlechter Ratgeber sei. "Kulturen und Gesellschaften, die von Angst geprägt sind, werden mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern", sagte sie. Gut möglich, dass die Kanzlerin, was Gesellschaften als Ganzes angeht, recht hat. Auf der persönlichen Ebene bin ich mir nicht so sicher.

Es ist zum Beispiel nicht ratsam, in ein Gebiet zu reisen, in dem gerade das Ebolavirus grassiert. Ich würde auch jedem davon abraten, zu einer Treckingtour ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet aufzubrechen. Manchmal kann Angst durchaus lebensverlängernd wirken.

Ich verbringe den Osterurlaub mit der Familie in den Vereinigten Arabischen Emiraten. "Reisenden wird empfohlen, sich insbesondere in größeren Menschenansammlungen sicherheitsbewusst und situationsgerecht zu verhalten", heißt es auf der Seite des Auswärtigen Amts. Die meiste Zeit sind wir im Hotel. Was das Terrorrisiko angeht, befinde ich mich damit statistisch irgendwo zwischen Fischgräte und Blitzschlag.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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