Stefan Wisniewski Wie aus einem Provinzler die Furie der RAF wurde

Die Akte Wisniewski galt als geschlossen: Acht Jahre nach seiner Entlassung rückt der frühere RAF-Terrorist wieder ins Zentrum der Ermittlungen - als möglicher Buback-Mörder. Wer ist Stefan Wisniewski?
Von Björn Hengst und Alexander Schwabe

Hamburg - Dunkle, lange, strähnige Haare, Vollbart, schläfriger Blick: Das ist das Foto, das Stefan Wisniewski auf einem Fahndungsplakat aus dem Jahr 1978 zeigt. "1 Million DM Belohnung. Dringend gesuchte Terroristen", steht darauf zu lesen. Der damals 25-jährige Wisniewski wird in der Kategorie "Neu aufgenommen in die Fahndung" geführt. Wisniewski ist Mitglied der RAF, dabei hätte sein Leben selbst noch als Zwanzigjähriger "auch einen ganz anderen Weg gehen können", sagte er 1997 in einem Gespräch mit der "tageszeitung".

Ausführlich erzählt er darin von seinen Beweggründen und von seiner Kindheit in der baden-württembergischen Provinz. Am 8. April 1953 wird Wisniewski in Klosterreichenbach geboren, es ist ein Dorf im Schwarzwald bei Freudenstadt.

"Klein" und "idyllisch" sind die Attribute, die Wisniewski dazu einfallen, aber von der Idylle hat Wisniewski selbst nicht viel erfahren: Angst prägte für ihn und seine jüngere Schwester die Atmosphäre in dem Ort. Sein Vater war als polnischer Zwangsarbeiter in einem KZ-Außenlager interniert, in Klosterreichenbach habe es aber "etliche frühere SS- und SA-Männer" gegeben, "die zu den angesehenen Bürgern zählten". Deshalb habe ihn seine Mutter davor gewarnt, von der Vergangenheit seines Vaters zu sprechen: "Erzähl bloß nichts von der Geschichte deines Vaters, sonst kriegst du Ärger."

Der Ärger kam trotzdem, wenn auch auf anderem Wege. Wisniewski landet im Heim für schwererziehbare Kinder, "aus verschiedenen Gründen", wie er selbst sagt. Siebenmal flüchtet er - innerhalb eines Jahres. Die Polizei bringt ihn immer wieder zurück, aber seine Lehre als Elektroinstallateur wirft er in dem Heim dennoch hin.

Irgendwann wird er entlassen. Kurz darauf bricht Wisniewski aus der provinziellen Enge seiner Heimat aus: nach Hamburg. Maschinist. Raus auf die See. Dabei habe er "das Elend in der Dritten Welt kennengelernt".

Wisniewski bleibt in der Stadt, macht Bekanntschaft mit Leuten aus der linken Szene, engagiert sich für politische Gefangene, nimmt an einer Hausbesetzung und Protesten gegen die Springer-Presse teil. Das Leben in Hamburg ist für ihn die passende Antwort auf den Mief seines Heimatdorfs. "Die neuen Lebensformen, Wohngemeinschaften, Stones-Musik, lange Haare, das hatte auf mich enorme Anziehung. Dazu kam der Sozialismus und andere Theorien, vor allem der in der Revolte geborene Sinn für Gerechtigkeit", sagte Wisniewski im "taz"-Gespräch.

Was ihn antreibt, ist das Gefühl, "noch wirklich etwas verändern zu können". Es habe sich damals aber "der Rückzug der 68er" abgezeichnet, sagte Wisniewski und "der Repressionsapparat" habe "immer härter" zugeschlagen, so sei er letztlich zur RAF gekommen: "Immerhin setzten die Genossinnen ihr Leben für ihre Überzeugung ein."

So war es auch mit Holger Meins, Mitglied der ersten RAF-Generation, der 1974 an den Folgen eines wochenlangen Hungerstreiks starb. Für Wisniewski sollte der Tod von Meins zu einem Schlüsselerlebnis werden. Wisniewski erfuhr davon, als er in einem Berliner Jugendzentrum eine Rede halten wollte. "Wenn die anfangen, die Gefangenen umzubringen oder verrecken zu lassen, dann muss was anderes geschehen, dachten wir", erinnerte sich Wisniewski in der "taz": "So konnte es nicht weitergehen." Er half dabei, die Beerdigung von Meins zu organisieren. Es sei seine "letzte legale politische Tätigkeit gewesen". In der Rückschau beschreibt Wisniewksi diese Zeit so: "Das war für mich das Überschreiten einer Schwelle."

Wisniewskis terroristische Karriere bei der RAF

Fortan gehörte er zur zweiten Generation der RAF, zu jenen, die ihre Verbrechen zwischen 1977 und 1979 verübten: zuerst die Ermordung von Bundesanwalt Siegfried Buback, kurz darauf die Erschießung des Bankiers Jürgen Ponto, dann die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Er galt als einer der härtesten RAF-Terroristen, was ihm den Tarnnamen "Fury" (Die Furie) einbrachte. "Kein Intellektueller. Nie an der Uni. Aber ein entschlossener Macher", schreibt RAF-Experte Butz Peters über ihn.

Bisher wurde Wisniewski vornehmlich im Zusammenhang mit der Schleyer-Ermordung gesehen. Jetzt steht er in einer ganz anderen Frage im Mittelpunkt: Nach Aussagen des früheren RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock soll Wisniewski am 7. April 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschossen haben - dies sagte Boock dem SPIEGEL.

Nach bisheriger Rechtsprechung gehörte Wisniewski zu dem vierköpfigen Kommando der RAF, das Schleyer am 5. September 1977 entführte. Bei der Aktion erschossen die Täter den Fahrer Schleyers und drei Beamte des Begleitschutzes. Wisniewski war laut dem Vorsitzenden Richter am Düsseldorfer Oberlandesgericht der Fahrer des VW-Busses, in dem Schleyer verschleppt wurde.

Wisniewski soll es auch gewesen sein, der zusammen mit einem weiteren RAF-Komplizen Schleyer sechs Wochen später im Kofferraum eines Wagens vom Versteck in Brüssel über die belgisch-französische Grenze brachte. In einem Wald töteten sie den am Boden liegenden Schleyer mit drei Schüssen in den Hinterkopf.

Zur Finanzierung der Schleyer-Entführung, mit der elf inhaftierte Terroristen freigepresst werden sollten, hatte Wisniewski laut Anklage zusammen mit anderen RAF-Mitgliedern im August 1977 eine Bank in Essen überfallen und 463.000 Mark erbeutet.

Attacke auf Haftrichter

Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft war Wisniewski im Sommer 1976 in einem Ausbildungslager der "Volksfront für die Befreiung Palästinas" im Südjemen als Karateausbilder tätig. Der israelische Geheimdienst war dem unter dem Decknamen "Ali" firmierenden Wisniewski im Südjemen auf die Spur gekommen. Am 11. Mai 1978 schlugen die Fahnder zu: Wisniewski wurde auf dem Pariser Flughafen Orly festgenommen und gleich an die Bundesrepublik ausgeliefert.

Von Anfang an zeigte sich der Festgenommene rabiat. Bei einer Vernehmung schlug er den Haftrichter des Bundesgerichtshofs nieder, nachdem er über zwei Tische gesprungen war, als der Richter gerade in den Akten blätterte. Ein Sicherheitsmann überwältigte Wisniewski. Die Strafe: acht Monate Haft.

Wenige Monate nach der Festnahme versuchte Wisniewski am 28. März 1980 den Ausbruch aus der Haftanstalt Frankenthal in Rheinland-Pfalz. Laut Polizeibericht war es dem Häftling gelungen, an ein Messer und eine Schere zu kommen. Während der Freistunde in einem Block hatte sich Wisniewski von den anderen Häftlingen, die sich im Fernsehraum aufhielten, abgesetzt. Er überwältigte einen 27-jährigen Wärter, indem er ihm das Messer an die Kehle setzte.

Ausbruchversuch mit Batterien gefülltem Strumpf

Mit vorbereiteten Handtuchstreifen fesselte Wisniewski den Beamten so, dass er bewegungsunfähig war, knebelte ihn und schob ihn unter das Bett in einer der Zellen. Er nahm dem Wärter sämtliche Schlüssel und den Geldbeutel ab. Zuvor hatte Wisniewski mit einer von der Wand gerissenen Leiste, die er durch das Fenstergitter schob und hin und her schwenkte, Zeichen nach draußen gegeben. Während des Ausbruchversuchs trug er unter der Häftlingskleidung bereits zivil.

Auf seinem Weg in die Freiheit fiel Wisniewski einem Beamten auf, der Alarm schlug. Den herbeigeholten Anstaltsleiter, der den Terroristen aufforderte, in seine Zelle zurückzugehen, griff Wisniewski mit einem mit Batterien gefüllten Strumpf an.

Während der sich über Monate hinziehenden Verhandlung (RAF-Mitgliedschaft - "Das ist mein Beruf") - trat Wisniewski in den Hungerstreik. Im März 1981 verweigerte er bereits seit fünf Wochen die Nahrung und wurde dreimal wöchentlich zwangsernährt. Hatte er zuvor den 120 Minuten dauernden Freigang genutzt, um sich im Hof der Haftanstalt Ulmer Höh' bei jedem Wetter mit Joggen fit zu halten, brach er nun das Training ab, weil er bereits zu sehr geschwächt war.

"Das Urteil interessiert mich nicht"

Am 4. Dezember 1981 sprach der 4. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf Wisniewski des Mordes, des erpresserischen Menschenraubs in Tateinheit mit Geiselnahme, räuberischer Erpressung, Nötigung eines Verfassungsorgans und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung für schuldig. Die Richter verhängten eine lebenslange Freiheitsstrafe über den damals 28-Jährigen. Dessen Kommentar: "Das Urteil interessiert mich nicht!"

Als Wisniewski wegen der Tumulte von rund 30 Sympathisanten im Gerichtssaal ("Revolutionäre könnt ihr einsperren und töten, die Idee nie"), den Raum verlassen musste, öffnete er seine verwaschene blaue Anstaltsjacke. Zum Vorschein kam ein rotes T-Shirt, auf das er neben den fünfzackigen Stern geschrieben hatte: "Macht nichts". In seinem Schlusswort hatte er davor den bewaffneten Kampf der RAF verteidigt: "Die Gewalt ist das letzte und äußerste Mittel, aber verdammt notwendig."

Als das Oberlandesgericht Düsseldorf im Frühjahr 1999 die lebenslange Freiheitsstrafe unter Auflagen zur Bewährung aussetzte, hieß es in der Begründung der Richter, Wisniewski habe sich "glaubhaft davon distanziert, politische Ziele mit gewalttätigen Mitteln durchzusetzen".

Im "taz"-Interview 1997 kommentierte der zu diesem Zeitpunkt 44-jährige Wisniewski seine Mitgliedschaft in der RAF: "Wir hätten sagen müssen, der bewaffnete Kampf, so wie er gelaufen ist, geht nicht."

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