TV-Duell mit Merkel Steinbrücks letzte Chance

90 Minuten sollen die Wende bringen: Das TV-Duell am Sonntag ist Peer Steinbrücks große Hoffnung, die Stimmung im Wahlkampf zu drehen. Intensiv haben ihn seine Leute vorbereitet. Aber kann er Angela Merkel in dem streng regulierten Format überhaupt packen?
SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: "Trete nicht als Randalierer auf"

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: "Trete nicht als Randalierer auf"

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Berlin - Vor den Bildschirmen sitzen Millionen, im Hintergrund lauern die Faktenchecker auf jeden noch so kleinen Fehler, Blitzumfragen entscheiden innerhalb von Minuten über Sieger und Verlierer. Mehr Druck geht nicht. Aber Bammel? Nö. "Ich bin ja nicht erst seit vorgestern auf der Rennbahn", sagt Peer Steinbrück.

Bei aller Gelassenheit, die der Kanzlerkandidat dieser Tage zeigt, wenn er auf das TV-Duell mit Angela Merkel angesprochen wird: In der SPD weiß man, dass der Fernsehtermin am Sonntag seine letzte Chance ist, die politische Stimmung zu drehen. Entsprechend nervös ist man in seinem Umfeld. Strauchelt Steinbrück, dürfte das auch die letzten drei Wochen bis zur Wahl verhageln. Schlägt er sich hingegen gut, könnte das die eigenen Anhänger noch einmal mobilisieren und Unentschlossene ins SPD-Lager holen, so jedenfalls das Kalkül seiner Wahlkampfstrategen.

An eine Kanzlerschaft Steinbrücks glaubt zwar kaum noch jemand in der Partei, dazu ist der Abstand zur Union schlicht zu groß. Aber einen letzten Aufschwung in den Umfragen, darauf hoffen die Sozialdemokraten schon.

Dass der Kandidat bei den Meinungsforschern weit hinter der Kanzlerin liegt, hält man in seinem Team ausnahmsweise mal für einen Vorteil. Die Erwartungen für das TV-Duell am Sonntag seien entsprechend niedrig, heißt es. Ein Überraschungserfolg, das ist es, wonach die SPD sich sehnt. Klar ist: Er müsste deutlich ausfallen. Sonst ist der TV-Termin nach zwei, drei Tagen vergessen.

Bloß nicht so wie gegen Rüttgers

Steinbrück ist 66 Jahre alt, er war Landesminister, Regierungschef, Bundesminister. Fernsehtermine sind für ihn kein Neuland. Dennoch hat er sich - nach allem, was zu hören ist - gründlich vorbereitet.

Seit Jahresbeginn schon soll er an seinen TV-Auftritten feilen. Nach seinem Sommerurlaub hat Steinbrück das Training intensiviert. In der Woche vor dem "Deutschlandfest" am Brandenburger Tor probte er dem Vernehmen nach zwei Tage in einem professionellen Studio. Seine Helfer schauten sich zudem noch einmal Steinbrücks TV-Duell mit CDU-Mann Jürgen Rüttgers aus dem Jahr 2005 an. Als Negativbeispiel gewissermaßen. Zu fahrig, zu arrogant - Steinbrück sah damals nicht gut aus.

Bestätigen will die Details naturgemäß niemand. Dass auch ein Kanzlerkandidat noch Training braucht, muss ja nicht unbedingt publik gemacht werden. Überhaupt ist ja unklar, was die Vorbereitung bringt. Spätestens seit Gerhard Schröders Liebeserklärung an seine Frau im Jahr 2005 weiß man: Vor allem spontane Momente kommen im Fernsehduell gut an. Und die lassen sich nun mal nicht antrainieren.

Es wird nicht einfach, Merkel zu schlagen. Das liegt schon am Format selbst. Alles ist fein säuberlich geregelt, für Überraschungen ist wenig Platz. Steinbrück bekommt im Studio in Berlin-Adlershof die erste Frage, die Kanzlerin hat dafür das Schlusswort. Es gibt mit Maybrit Illner, Peter Kloeppel, Anne Will und Stefan Raab vier Moderatoren, die untereinander zwei Frageteams bilden. Inhaltlich geht es einmal quer durch den Gemüsegarten. Aktuelles, Arbeit und Soziales, Finanzen sowie Sicherheit - das sind die vereinbarten Themenblöcke.

Für die einzelnen Antworten haben Steinbrück und Merkel nicht mehr als 90 Sekunden Zeit. Ihr Redeanteil wird genau gemessen. Mehr als eine Minute Unterschied darf es zwischen ihnen am Ende nicht geben. Die beiden Kontrahenten stehen parallel zueinander und blicken in Richtung der Moderatoren. Streit auf offener Bühne ist eher nicht zu erwarten.

Angriffslustig - aber nicht aggressiv

Wie die Kanzlerin im Duell agieren wird, ist relativ absehbar. Merkel dürfte all das hervorheben, was es im Moment an schönen Nachrichten gibt in diesem Land. Stabile Wirtschaft, überschaubare Arbeitslosigkeit, sprudelnde Steuereinnahmen. Land gut, Partei gut, ich gut - das dürfte Merkels Wohlfühlbotschaft sein, und es wäre nicht überraschend, würde sie ihren Herausforderer weitgehend ignorieren. Allenfalls in Sachen Steuererhöhungen ist ein deutliches Wort von ihr zu erwarten.

Das ist für Steinbrück keine einfach Lage. Aber immerhin: Erstmals in diesem Wahlkampf ist er bei einem Termin mit Merkel auf Augenhöhe, und das vor 15 bis 20 Millionen Zuschauern.

Es spricht sogar einiges dafür, dass das Duell nicht ganz so zäh verläuft wie der großkoalitionäre Kaffeeklatsch zwischen Merkel und Frank-Walter Steinmeier vor vier Jahren. Steinbrück ist Opposition, er kann glaubwürdiger angreifen und leichter die Unterschiede zur Union herausstellen. Aber wie das so ist im Fernsehen: Nicht nur was er sagt, wird entscheidend sein, sondern auch wie er es sagt. Und mit dem Temperament ist das bei Steinbrück so eine Sache, jedenfalls stehen Angriffslust und Aggressivität, Kritik und Besserwisserei bei ihm nicht immer in einem angemessenen Verhältnis.

Auch Steinbrück kennt seine Schwächen. Und er will sich offenbar zügeln. "Klar ist, dass ich nicht als Randalierer auftrete", sagte er der "Stuttgarter Zeitung". "Dass mitteleuropäische Verhaltensnormen eingehalten werden, garantiere ich gerne."