SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück ruft die Genossen zur Treue auf

Der erste Auftritt als Kanzlerkandidat: Auf dem Parteitag der nordrhein-westfälischen SPD doziert Peer Steinbrück über die Finanzkrise und gesellschaftliche Verwerfungen. Der Hoffnungsträger der Genossen ist witzig und meinungsstark - mitreißend aber nicht.

Von , Münster


Als Peer Steinbrück in diesem Frühjahr zum letzten Mal auf einem Parteitag der nordrhein-westfälischen SPD war, stand er eine ganze Zeit lang grummelnd in einer Nische der Messehalle und wehrte seine Fans ab. Immer wieder pirschten sich Genossen heran, baten um ein Foto, lechzten nach einer freundlichen Geste ihres ehemaligen Ministerpräsidenten. Man kann nicht sagen, dass Steinbrück Spaß daran hatte.

Jetzt aber ist er Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten - mehr als das, er ist ihr Hoffnungsträger. Am Freitag hat ihn der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel als Angela Merkels Herausforderer ausgerufen, und keine 24 Stunden später tritt Steinbrück, 65, an der Basis an, auf dem Landesparteitag der NRW-SPD in der Halle Münsterland. Das sei eine "besondere Ehre" für ihn, schmeichelt Steinbrück. Schließlich sei er hier seit 1975 zu Hause. Zuletzt aber hat man ihn selten gesehen.

Es ist kein einfacher Termin für Steinbrück, die nordrhein-westfälische SPD ist nach der gewonnenen Landtagswahl so selbstbewusst wie lange nicht. Mancher witzelt, die Genossen im Westen könnten gerade vor lauter Kraft nicht mehr laufen. Hinzu kommt, dass sich viele im Land durchaus noch an Steinbrücks Zeit als Regierungschef am Rhein erinnern können und auch daran, wie der Ministerpräsident 2005 die Wahl gegen den CDU-Mann Jürgen Rüttgers verloren hat.

Demütiger Start

Steinbrück beginnt daher demütig. Er habe den "rheinischen Sprachgebrauch" auch nach vielen Jahren in NRW leider immer noch nicht übernommen. Es ist ein Witz, doch nur wenige Delegierte lachen, eine sagt sogar abfällig "Fischkopp". Ziemlich schnell wird deutlich, dass das kein Spaziergang für Steinbrück wird. Die Partei ist von Hannelore Kraft eine deftige, klare Sprache gewöhnt, Steinbrück hingegen doziert wie damals, als er seine Antrittsvorlesung als Duisburger Honorarprofessor hielt, feinsinnig, aber auch abgehoben.

Wenn Kraft sagt, "die Armen werden immer ärmer, und die Reichen immer reicher", spricht Steinbrück unter Berufung auf das deutsche Statistikamt vom "Drift in der Einkommens- und Vermögenssubstanz". Wenn Kraft sagt, sie lasse kein Kind zurück, beruft sich Steinbrück auf die jüngste OECD-Studie und problematisiert "erhebliche Bildungsbarrieren". Wenn Kraft sagt, "Frau Merkel kommt nicht zu Potte", kritisiert Steinbrück das "atemlose Krisenmanagement" der Bundesregierung.

Peer Steinbrück ist ein guter Redner, auch in Münster - klug, komisch und dosiert charmant. Doch sein Vortrag zielt auf das Hirn der Partei, nicht auf deren Herz. Die Frage ist daher, ob sie ihm durch den langen Wahlkampf folgen wird. Steinbrück weiß das, er mahnt: Ein Erfolg sei nur mit "größtmöglicher Geschlossenheit" möglich. Und er bittet, die Genossen müssten dem "Kandidaten auch etwas Beinfreiheit einräumen". Das Programm müsse "zu dem Kandidaten passen und umgekehrt der Kandidat zum Programm." Da geht ein Raunen durch den Saal.

Mit der Helmut-Schmidt-Masche

Der gebürtige Hamburger konnte lange gegen Sprachregelungen verstoßen, ohne dass es allzu schwerwiegende Folgen hatte. Nicht selten zog er in einem herablassend-knarzigen Ton über die Politik her, ganz so, als gehöre er als einfacher Abgeordneter in Berlin nicht mehr dazu, als stehe er inzwischen über den Dingen und könne Tacheles reden: Es war diese Helmut-Schmidt-Masche, die bei seinen Zuhörern verfing und ihn so populär machte, dass er schließlich Kanzlerkandidat werden konnte.

Inhaltlich aber scheint Steinbrück nun eingeschwenkt zu sein auf einen politischen Kurs, den auch die nordrhein-westfälische SPD fährt. Dabei hatte der ehemalige Bundesfinanzminister einst in der "Zeit" die Frage gestellt, "ob wir uns der Droge der Verschuldung entwöhnen können. Sonst wird es eine harte Landung geben." Jetzt betont Steinbrück in Münster, er habe ja schon vor Jahren ein Buch über den "vorsorgenden Sozialstaat" geschrieben. "Ihr müsst mich nicht neu konfirmieren", ruft er den 463 Delegierten zu.

Die zentralen Probleme seien die Spaltung des Arbeitsmarkts, die Finanznot der Kommunen, der Vertrauensverlust der Bürger gegenüber der Politik und die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland. "Wir wollen nicht alle Steuern für alle erhöhen, aber manche Steuern für einige", so Steinbrück. Für einen Ministerposten in einer Großen Koalition unter Merkel stehe er nicht zur Verfügung: "Ich bin nicht zu gewinnen für ein Kabinett Merkel." Das Ziel sei, einen vollständigen Politikwechsel zu erzwingen. "Wir wollen sie nicht halb ablösen. Wir wollen alle drei rausschmeißen aus dieser Regierung", sagt der Herausforderer.

In einer Ecke der Halle Münsterland hängt ein Plakat, auf dem ein halbes Dutzend Blondinen Schirmchendrinks halten und "Europas größte Kegelparty" anpreisen. Davor wiederum stehen drei Kaffee trinkende Genossen, die nun Steinbrücks halbstündigen Auftritt nachbesprechen. "Er wird den Konservativen große Probleme machen", sagt der Erste. "Der SPD aber auch", sagt der Zweite. Und der Dritte, ein Vertrauter der Ministerpräsidentin Kraft, fasst zusammen: "Er ist der Beste." Pause. "Der Beste."

insgesamt 128 Beiträge
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Pandora0611 29.09.2012
1. Die SPD und ihr Projekt 18%
... oder: Der letzte K(R)amf der aSPD. Die sogenannte Troika gibt es nicht mehr. Übriggeblieben ist der Schröderianer und Selbstdarsteller Steinbrück. Dabei gibt es bessere Kandidaten als ihn: ■ Nahles - ewige Studentin ohne Abschluß ■ Wowereit - Erfolgsstory BBI ■ Beck - Erfolgsstory Nürburgring ■ Platzeck - ebenfalls Erfolgsstory BBI Die haben doch alle die Qualifikation, die SPD zu "marginalisieren". *Auch die 5%-Hürde ist dann in greifbarer Nähe.*
carlo02 29.09.2012
2.
Steinbrück wähl ich. Der hat die Finanzen im Griff. Da muß ich mir keine Sorgen machen.
tommahawk 29.09.2012
3. Ein 66-jähriger will Kanzler?
Bei zwei Wahlperioden wäre Kanzler Steinbrück dann 74. hat die SPD 'nen Knall? Solch einen rhethorischer Schaumschläger hat Deutschland gerade gebraucht. Ich fange an, Merkel gut zu finden, hätte ich nicht für möglich gehalten!
graphicdog 29.09.2012
4. Ganz ruhig
Zitat von Pandora0611... oder: Der letzte K(R)amf der aSPD. Die sogenannte Troika gibt es nicht mehr. Übriggeblieben ist der Schröderianer und Selbstdarsteller Steinbrück. Dabei gibt es bessere Kandidaten als ihn: ■ Nahles - ewige Studentin ohne Abschluß ■ Wowereit - Erfolgsstory BBI ■ Beck - Erfolgsstory Nürburgring ■ Platzeck - ebenfalls Erfolgsstory BBI Die haben doch alle die Qualifikation, die SPD zu "marginalisieren". *Auch die 5%-Hürde ist dann in greifbarer Nähe.*
Schäube-Erfolgsstory unbegrenzte Haftung EZB Merkel-unbegrenzte Haftung ESM Dagegen ist alles andere Peanuts. graphicdog
Dette 29.09.2012
5.
Zitat von sysopDPADer erste Auftritt als Kanzlerkandidat: Auf dem Parteitag der nordrhein-westfälischen SPD doziert Peer Steinbrück über die Finanzkrise und gesellschaftliche Verwerfungen. Der Hoffnungsträger der Genossen ist witzig und meinungsstark - mitreißend aber nicht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/rede-von-peer-steinbrueck-auf-spd-parteitag-xxxxxxxxxxxx-a-858740.html
Wäre schon schön, wenn die SPD wieder ein paar Jahre machen würde. Allerdings, lieber nach der Krise, die Kompetenz diese zu stemmen haben sie nicht. Wenn Steinbrück das Beste ist, was sie zustande bringen, wird es nichts. Charisma Null. Und gelbe Zähne hat er auch.
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