SPD-Kanzlerkandidatenfrage Steinbrück schiebt sich in die Pole-Position

Sein Bankenpapier sorgt für mächtig Wirbel: Peer Steinbrück heimst mit den Vorschlägen zur Reform des Finanzsektors Lob aus allen Richtungen ein - und avanciert in der SPD wieder einmal zum Favoriten in der Kanzlerkandidatenfrage. Kann er das Rennen jetzt entscheiden?

Peer Steinbrück: Er gilt wieder einmal als Favorit für die SPD-Kanzlerkandidatur
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Peer Steinbrück: Er gilt wieder einmal als Favorit für die SPD-Kanzlerkandidatur

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Berlin - Manchmal blitzt es doch noch auf, das Original. Peer Steinbrück hat gerade sein Papier zur Bankenregulierung vorgestellt, da wird der Ex-Finanzminister gefragt, ob er sich vorstellen könne, den SPD-Linken im Rentenstreit entgegenzukommen. Das passt ihm gar nicht. "Sie wollen jetzt von mir einen dieser Peer-Steinbrück-schließt-nicht-aus-Sätze hören", sagt er. "Steinbrück schließt nicht aus, dass er Hundefutter isst. Kriegen Sie aber nicht." Großes Gelächter im völlig überfüllten SPD-Pressesaal unter der Reichstagskuppel.

Seit sich Steinbrück ins Kanzlerkandidatengerangel seiner Partei stürzte, hat er einige Positionen korrigiert. Er ist deutlich in die Mitte der SPD gerückt. Aber diese steinbrücksche Schnoddrigkeit, sein Markenzeichen, hat er beibehalten. Er weiß, das kommt gut an bei den Leuten. Und: Authentizität ist wichtig. Gerade jetzt, da sich die Dinge wieder einmal in seine Richtung zu drehen scheinen.

Der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen schiebt sich in Sachen SPD-Kanzlerkandidatur in die Pole-Position. Das große K-Finale in der SPD kann beginnen. Während Parteichef Sigmar Gabriel sich nach Lesart der meisten Beobachter mit Blick auf seine geringe Beliebtheit in der Bevölkerung selbst aus dem Rennen verabschiedet hat und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier eher zurückhaltend agiert, ist der Ex-Finanzminister omnipräsent: Gleich zwei neue Steinbrück-Biografien erschienen zuletzt binnen weniger Tage - und nun prescht er mit seinem Konzept zur Finanzmarkt-Regulierung vor.

Seine Vorschläge, die Geschäfts- und Investmentsparten von Banken zu trennen, Geldinstituten einen eigenen Rettungsfonds aufzudrücken und die Ratingagenturen zu reformieren, haben es in sich. Die eigenen Leute jubeln, der politische Gegner ist irritiert, aus der Bankenwelt gibt es laute Kritik, aber auch Zustimmung. Maximale Aufmerksamkeit ist Steinbrück sicher.

"Das ist nicht meine Bewerbungsmappe"

Natürlich geht es ihm nicht um seine Person. Behauptet er. "Das ist nicht meine Bewerbungsmappe", sagt Steinbrück bei der Vorstellung des Papiers. "Es geht darum, die Funktionsfähigkeiten von Banken zu erhalten." Das klingt schön sachlich. Soll bloß niemand denken, hier mache einer Wahlkampf für sich selbst. Aber Steinbrück weiß auch: So aufmerksam, wie jede Wendung in der K-Frage in den vergangenen Monaten begleitet wurde, wäre es naiv zu glauben, ausgerechnet sein Bankenpapier würde rein sachlich betrachtet. Tatsächlich ist sein Konzept nur ein weiteres Indiz, das nahe legt, dass sich bei den Sozialdemokraten gerade etwas zu verfestigen scheint. Der gefühlte Genossen-Trend bewegt sich Richtung Steinbrück - in diesem Moment.

  • Klare Kante

Steinbrück gibt den Genossen eine klare Perspektive. Das klingt im O-Ton so: "Peer Steinbrück wird nie wieder in einem Kabinett von Frau Merkel zu finden sein." Mit anderen Worten: Mich kriegt Ihr nur ganz oder gar nicht. Steinbrück schließt aus, dass er die SPD als Juniorpartner in eine Große Koalition führt. So deutlich ist das von Steinmeier nicht zu hören. Wenn dieser also wie neulich auf dem Konvent seiner Fraktion davon redet, die SPD werde "auf Sieg, nicht auf Platz" spielen, hat dafür kaum noch jemand den Kanzlerkandidaten Steinmeier vor Augen - sondern Steinbrück. Steinbrück sucht mit seinem Bankenpapier die offene Konfrontation mit der Kanzlerin.

  • Zahme Kritiker

Auch die linken Sozialdemokraten, mit denen Steinbrück sich traditionell zankt, wollen am Ende natürlich den Kandidaten, mit dem die SPD die größten Chancen auf das Kanzleramt hat - und der ihnen ihre Mandate im Bundestag sichert. Als Steinbrück am Dienstag in der SPD-Fraktion sein Finanzpapier vorstellte, gab es nicht eine kritische Nachfrage. Thorsten Schäfer-Gümbel, Fraktions- und Landesvorsitzender in Hessen und einer der führenden SPD-Linken, sprach am Mittwoch von einem "wegweisenden Beitrag zu einer Stabilisierung einer maroden Finanzmarktarchitektur". Fehlt eigentlich nur noch, dass Steinbrücks Intimfeind Ralf Stegner - SPD-Chef von Schleswig-Holstein - in die Lobeshymnen einstimmt.

  • Er will es

Gabriel hat aufgegeben, Steinmeier wartet ab - und Steinbrück will. Wer den früheren Finanzminister bei seinen jüngsten Auftritten beobachtet hat, findet dafür immer wieder kleine Belege. Offensichtlich ist die Lust, mit der sich Steinbrück wieder in politische Debatten wirft. Hier brennt einer, hier hat einer nochmals ein großes Ziel. Fraktionschef Steinmeier hat mancher vor drei Jahren schon nicht den unbedingten Willen abgenommen, Kanzler werden zu wollen. Bei Steinbrück hätte daran niemand Zweifel, falls ihn die SPD tatsächlich zum Kanzlerkandidaten macht.

Keine Frage, es läuft gut für ihn. Aber natürlich ist diese neuerliche Steinbrück-Welle auch nicht ganz ohne Risiko. Sie legt offen, wie thematisch eng er bislang auftritt. Finanzfachmann, Krisenkönner - alles schön und gut. Ein Kanzlerkandidat muss breiter aufgestellt sein. Er muss auch etwas zu Afghanistan sagen können, zu den transatlantischen Beziehungen und zur Vorratsdatenspeicherung. Das alles kann wiederum Steinmeier. Als Fraktionschef hat er in den vergangenen Jahren maßgeblich die SPD-Positionen geprägt, er kennt sich in allen innen- und außenpolitischen Themen bestens aus. Steinbrück war in dieser Zeit eher als Vortragsreisender unterwegs - also weiter weg vom Berliner Polit-Betrieb.

Auch wenn Steinmeier sich dieser Tage zurückhält: Abschreiben sollte man ihn deshalb sicher nicht. Unisono heißt es in der SPD, vor dem 24. November, wenn die SPD ihren Rentenstreit auf einem Parteikonvent befrieden will, sei keine Entscheidung in der K-Frage zu erwarten. Wenn Steinmeier endlich zu erkennen geben würde, dass er die Kandidatur unbedingt will, hätte er wohl gute Chancen. Steinmeier genießt inzwischen Vertrauen bei den Parteilinken, wichtige Landesverbände stützen ihn.

Hinzu kommt bei Steinbrück stets das Risiko, dass er über seine Eitelkeit stolpert. Schon einmal schien er die Nase innerhalb der Troika vorne zu haben, vor einem Jahr war das. Steinbrück stürmte von Talkshow zu Talkshow, er ließ sich von Helmut Schmidt zum Kanzlerkandidaten ausrufen - doch plötzlich hatte das Publikum genug von ihm.

Peer Steinbrück weiß, er muss es jetzt etwas behutsamer angehen. Am Mittwoch versuchte er sich in ungewohnter Demut. Lobte immer wieder Gabriel und Steinmeier, mit Blick auf die Rentendebatte warb er für Deeskalation auf beiden Seiten. Aber Steinbrück wäre nicht Steinbrück, wenn er am Schluss nicht noch eine kleine Warnung parat gehabt hätte: Person und Positionen müssten zueinander passen, sagte er. "Der Kandidat im Schaufenster muss authentisch sein."

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
aprilapril 26.09.2012
1. Nach meinem bescheidenen Urteil....
Zitat von sysopDPASein Bankenpapier sorgt für mächtig Wirbel: Peer Steinbrück heimst mit den Vorschlägen zur Reform des Finanzsektors Lob aus allen Richtungen ein - und avanciert in der SPD wieder einmal zum Favoriten in der Kanzlerkandidatenfrage. Kann er das Rennen jetzt entscheiden? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-schiebt-sich-in-die-favoritenposition-in-der-k-frage-der-spd-a-858099.html
wäre Steinbrück der richtige Kanzlerkandidat. Und alle, die ihm Fehler in der Vergangenheit vorwerfen, die er sicher gemacht hat, sollten wissen: Alles hat seine Zeit! So auch der Atomausstieg von Murksel, der zuvor absolut tabu war. Ich finde, er hat hinzugelernt - aus Fehlern, woraus sonst. Solche Leute sind mir allemal lieber als sture Konservative mit ihren Dogmen und ohne Perspektive. Außerdem traue ich Steinbrück mehr Wirtschafts- und Finanzkompetenz zu als einer Physikerin und Funktionärin des bankrotten Arbeiter- und Bauernstaates.
Liberalitärer 26.09.2012
2. Der sozialere Kandidat
Zitat von sysopDPASein Bankenpapier sorgt für mächtig Wirbel: Peer Steinbrück heimst mit den Vorschlägen zur Reform des Finanzsektors Lob aus allen Richtungen ein - und avanciert in der SPD wieder einmal zum Favoriten in der Kanzlerkandidatenfrage. Kann er das Rennen jetzt entscheiden? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-schiebt-sich-in-die-favoritenposition-in-der-k-frage-der-spd-a-858099.html
Lob von wem und wofür? Steinbrück erwähnt nicht die spanischen Caixas, Sparkassen, WestLB, HSH Nordbank, Sachsen LB, Hypo Alpe Adria, HRE, IKB, da fehlt doch was? Merkwürdig, da rutscht ihm doch ein ganzes Segment so durch - bei diesem innovativen Konzept. Nun wahrscheinlich wird er nachbessern, immerhin wurde ja die WestLB durch die EU zerschlagen. Einem "Profi" wie ihm ist diese segensreiche Leistung nicht entgangen. Abgesehen von diesen Kleinigkeiten,ergibt es natürlich Sinn die staatliche Deutsche Bank viel stärker an die politische Kandarre zu legen. Schließlich waren es Beamte wie dieser "Ackermann", die verantwortlich für die Krise waren. Steinbrück konnte da nichts dafür. Insofern ist es gut das Kasino zu schließen und eine neue, seriöse WestLB aufzubauen - politisch kontrolliert natürlich, schließlich müssen endlich wieder seriöse Investitionen wie der Nürburgringfreizeitpark, der BER und Fannie Mae und Freddie Mac tüchtig unterstützt werden, denn das ist sozial - wie dieser prädestinierte Kandidat./Ironie aus
Tahlos 26.09.2012
3. optional
"Krisenkönner"... Das er Krisen auslösen kann, wissen wir doch schon lange. Aber ob das jetzt unbedingt eine positive Sache ist....
germanos-elinas 26.09.2012
4. Der Herr Steinbrück,
Bin SPD Anhänger, habe über Jahre SPD gewählt. Der Herr war Finanzminister unter Frau Merkel, und hat etlichen Banken Steurgeld im Ars... geschoben, und nun will er die finanzmärkte bändigen??? Sie werden Ihn bändigen, so bald er Kanzler ist. Nicht wählbar, leider.
stranzjoseffrauss 26.09.2012
5. Nur wer ein Schachbrett richtig aufstellen kann ....
... sollte auch Kanzler werden. Scheinbrück kann es bewiesenermassen nicht.
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