Kanzlerkandidat der SPD Steinbrücks größte Schwachpunkte

Im Rennen gegen Angela Merkel kann Ex-Finanzminister Peer Steinbrück viele Stärken ausspielen, er hat aber auch mehrere Schwachpunkte - zum Beispiel seinen Hang zur Besserwisserei. Und kann er bei Frauen und im Osten punkten? Der Kandidat im Check.

Designierter SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Er hat auch eklatante Schwächen
dapd

Designierter SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Er hat auch eklatante Schwächen

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Berlin - Es wird ernst für Peer Steinbrück. Als Favorit auf die SPD-Kanzlerkandidatur galt er bereits seit einiger Zeit - doch nun ist die Entscheidung gefallen: Steinbrück soll seine Partei in den kommenden Bundestagswahlkampf führen. Nach dem Rückzug von Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, dem man lange Zeit Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur nachgesagt hatte, wird Parteichef Sigmar Gabriel den Ex-Finanzminister als sozialdemokratischen Vor-Kämpfer für die Wahl im Herbst 2013 vorschlagen.

Steinbrück soll es für die Sozialdemokraten 2013 richten. Immer mehr Genossen hatten zuletzt den Eindruck gewonnen, dass er der erfolgversprechendste Kandidat wäre. Der Druck auf die Parteispitze, den Zeitplan zur Nominierung vorzuziehen, war innerparteilich von Tag zu Tag stärker geworden. Und der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen selbst hinterließ bei vielen Parteifreunden den Eindruck, dass er unbedingt will. Zuletzt besetzte er mit seinem Bankenpapier ein Thema, das auch im Wahlkampf eine zentrale Rolle spielen dürfte.

Offiziell hatte der Parteichef die Linie vorgegeben, die Kandidatenfrage werde erst Ende des Jahres, Anfang kommenden Jahres angegangen. Auf jeden Fall, so Gabriel, solle vor der Personalie zunächst der Rentenstreit geklärt werden. Von dieser Linie habe sich die Sozialdemokraten jetzt verabschiedet.

Ein riskanter Schritt: Steinbrücks innerparteilichen Gegnern in der SPD-Linken könnte nun noch stärker daran gelegen sein, wenigstens einen inhaltlichen Triumph davonzutragen. Ein starker Linksruck in Sachen Rente aber würde Steinbrücks Kandidatur vom Fleck weg beschädigen.

Er könnte tief ins bürgerlicher Lager wirken

Steinbrück hat aus Sicht vieler Genossen einen großen Vorteil: Mit seinem Pragmatismus, so hoffen sie, könnte er tief ins bürgerliche Lager wirken. Genau wie einst sein großes sozialdemokratisches Vorbild Helmut Schmidt, der zu seinen Kanzlerzeiten mitunter beliebter beim politischen Gegner als in der SPD war. Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef im Kieler Landtag, erzählte kürzlich davon, dass Steinbrück einst als schleswig-holsteinischer Wirtschaftsminister oft mehr Beifall von der Opposition als seinen eigenen Leuten bekam. "Steinbrück wäre für uns der gefährlichste Gegner", so zitieren seine Biografen Eckart Lohse und Markus Wehner einen führenden CDU-Politiker.

Gleichzeitig ist der Ex-Finanzminister ein Freund klarer Botschaften. Ein erneuter Einschlaf-Wahlkampf, wie ihn Merkel 2009 gegen den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier führte, dürfte mit dem Herausforderer Steinbrück schwieriger werden, glauben die SPD-Strategen.

Nie mehr werde er Minister in einem Kabinett Merkel, sagt Steinbrück. Damit ist klar: Er stellt die Wähler vor eine deutliche Alternative. Ihr müsst Euch entscheiden - entweder ihr nehmt mich ganz oder gar nicht. Es ist verblüffend: War er bis 2009 für viele noch die Verkörperung der Großen Koalition, steht Steinbrück jetzt wie kaum ein anderer Genosse für den Widerstand gegen eine Neuauflage dieser in der SPD unbeliebten Konstellation.

Er ist für die SPD die beste Wahl. Gleichwohl hat er auch Schwächen.

  • Portfolio

Als Finanz-Fachmann ist Peer Steinbrück der Kanzlerin weit überlegen. Aber dann? Merkel, seit sieben Jahren Kanzlerin und zuvor bereits Chefin der Unionsfraktion im Bundestag, ist eine absolute Allrounderin. Morgens Energiewende, mittags Unternehmertag, abends eine Runde zur Gleichstellungspolitik, die Kanzlerin deckt alle Themen ab. Da kann Steinbrück (noch) nicht mithalten, auch wenn er einige Jahre Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war. Um aufzuholen, muss er dringend an seinem Portfolio arbeiten. Besonders eklatant ist das in der internationalen Politik: Obama, Putin, Singh - die Kanzlerin ist bestens vernetzt mit den internationalen Playern und inzwischen eine feste Größe als Staatsfrau. Ob es um die Probleme mit Transnistrien oder die Lage in Syrien geht, Merkel ist jederzeit sprachfähig. Hier muss Steinbrück rasch nacharbeiten.

  • Vergangenheit

Erfolg kann ein Kandidat nur haben, wenn er glaubwürdig ist. Und sauber. Keine Skandale, keine Affären. In den letzten Wochen bekam Steinbrück bereits einen Vorgeschmack darauf, wie sehr nun in seiner Biografie gewühlt werden dürfte. Für Schreiben, die er als Finanzminister an große Firmen aufsetzte, um Gelder für ein Schachturnier einzuwerben, musste er sich tagelang rechtfertigen. Ein Vortrag in einem Schweizer Luxushotel, gesponsert von großen Finanzfondsanbietern und Versicherungen, warf Fragen auf. Mancher Genosse fürchtet, dass in den kommenden Wochen und Monaten noch einiges ans Tageslicht kommen könnte, was seiner Glaubwürdigkeit schaden könnte. Was ist zum Beispiel mit den unzähligen und teilweise sehr hochdotierten Vorträgen, die Steinbrück als einfacher Bundestagsabgeordneter seit 2009 hielt?

  • Polarisierung

Steinbrücks Schnoddrigkeit, sein Hang zu klaren Worten - das kommt bei vielen Menschen an. Aber er polarisiert: Man kann ihn auch selbstverliebt und arrogant finden. Merkel dagegen wirkt trotz siebenjähriger Kanzlerschaft unprätentiös; Besserwisserei ist ihr fremd. In gewisser Weise ist sie die Regierungschefin für die ganze Familie: Frauen finden die Kanzlerin sympathisch, weil sie nicht perfekt ist, Männer mögen ihre Kumpelhaftigkeit, jüngere Menschen Merkels direkte Art im Umgang. Und sie punktet bei Ostdeutschen und Westdeutschen. Steinbrück wirkt wie die Verkörperung des typischen Westdeutschen.

  • Gewerkschaftsferne

Er war kein Mitglied der rot-grünen Bundesregierung - aber Peer Steinbrück gilt dennoch als klarer Vertreter der Agenda-2010-Politik. Als Ministerpräsident in Düsseldorf stützte er den Kurs von SPD-Kanzler Gerhard Schröder, später verteidigte Steinbrück die Reformen aus seiner Position als Bundesfinanzminister. Die Gewerkschaften haben der SPD die Agenda 2010 bis heute nicht verziehen - aber sie braucht es, um eine Chance gegen Merkel zu haben. IG-Metall-Vize Detlef Wetzel antwortete neulich auf die Frage, wie seine Gewerkschaft mit einem Kanzlerkandidaten Steinbrück umgehen würde: "Wir kennen ihn gar nicht." Das spricht für sich.

  • Linker Wiederbeleber

Mit vorsichtigen sozialpolitischen Korrekturen nimmt die SPD für sich in Anspruch, der Linkspartei in den letzten Jahren das Wasser abgegraben zu haben. Doch auch an dieser Front ist Steinbrück ein Risiko: Nicht wenige Genossen glauben, dass der Ex-Finanzminister eine Art Wiederbelebungsprogramm für die Linkspartei sein könnte. Steinbrücks Pragmatismus erinnert in Teilen an Gerhard Schröder, und dessen Reformen waren für die Linken jahrelang das Hauptangriffsziel in Wahlkämpfen. Die Gefahr: So viele Stimmen, wie Steinbrück in der Mitte gewinnt, könnte er links wieder verlieren.

insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
kahabe 28.09.2012
1. Mega-Schwachpunkt
Zitat von sysopdapdIm Rennen gegen Angela Merkel kann Ex-Finanzminister Peer Steinbrück mit vielen Stärken punkten, er hat aber auch mehrere Schwachpunkte - zum Beispiel seinen Hang zur Besserwisserei. Und kann er bei Frauen und im Osten punkten? Der Kandidat im Check. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-soll-kanzlerkandidat-der-spd-werden-a-858349.html
Er hat eine große Klappe und kann keine Wahlen gewinnen. Z. B. bei uns Sozen in NRW. Allerdings war das damalige Resultat beschämend: Rüttgers Teer-Verwertung. Ich wiederhole mich: Glückwunsch, Mutti! Wenn auch demnächst mit einem Finanzminister an der Seite, den die SPD stellt, ohne Berücksichtigung des Schmidt'schen Favoriten.
andre_jordan 28.09.2012
2. Äh, Verzeihung
Zitat von sysopdapdIm Rennen gegen Angela Merkel kann Ex-Finanzminister Peer Steinbrück mit vielen Stärken punkten, er hat aber auch mehrere Schwachpunkte - zum Beispiel seinen Hang zur Besserwisserei. Und kann er bei Frauen und im Osten punkten? Der Kandidat im Check. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-soll-kanzlerkandidat-der-spd-werden-a-858349.html
Wenn man etwas als "alternativlos" bezeichnet, dann ist das Besserwisserei und das ist besonders lustig, denn angenommende Alternativlosigkeit zeugt allenfalls von Unkenntnis.
DieterJakobi 28.09.2012
3. Schon wieder...
...so ein Basta-Typ wie Gerhard Schröder? Nee, niemals...
sitcom 28.09.2012
4. Gute wahl
Er ist der einzige der gegen Merkel eine Chance hat... Da er damals die NRW Wahl verloren hat lag wohl eher daran das er damals noch unbekannt war bzw. nicht bewiesen hat das er was kann... Sein Handel in der Finanzkrise hat bewiese das er was kann... Hoffen wir mal das Rot/Grün mit ihm eine weitere Chance bekommt..
mocodelpavo 28.09.2012
5. Lieber eine Meinung als keine
Zitat von DieterJakobi...so ein Basta-Typ wie Gerhard Schröder? Nee, niemals...
...also liegt Ihnen ein Fähnchen im Wind wie Frau Merkel eher? Ich weiß lieber wo ich dran bin, das ist bei Steinbrück sicher. Meine Stimme wird er bekommen.
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