Steinbrücks Nebenverdienste Der Büßer

Peer Steinbrücks Start in die Kanzlerkandidatur gilt selbst parteiintern als missglückt - jetzt hat er sich ungewöhnlich offen zu seinen Nebeneinkünften geäußert. Beim 25.000-Euro-Honorar der Bochumer Stadtwerke habe ihm "das Fingerspitzengefühl" gefehlt.

Designierter SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Debatte über seine Nebenverdienste
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Designierter SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Debatte über seine Nebenverdienste

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Hamburg - Es gibt zwei Begriffe, mit denen Peer Steinbrück wohl auch in Zukunft in Verbindung gebracht werden wird - ganz gleich, ob der designierte Spitzenkandidat der SPD im kommenden Jahr Regierungschefin Angela Merkel aus dem Kanzleramt drängen oder die Bundestagswahl verlieren wird. Erstens: Beinfreiheit. Zweitens: Stadtwerke Bochum.

Um die Beinfreiheit des 65-Jährigen ist es am Sonntag gut bestellt, jedenfalls rein medizinisch. Steinbrück hat zusammen mit IG-Metall-Vize Detlef Wetzel und SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo auf der Bühne im Theater von Hamburg-Altona Platz genommen und fühlt sich in dem dunklen Ledersessel sichtlich wohl. Ob er gut sitze, fragt ihn Mascolo. Steinbrück streckt kurz die Beine nach vorn, zieht sie dann wieder zurück, dazu ein breites Grinsen. Wunderbar, sagt die Geste des Mannes, der von seinen Parteifreunden verlangt hatte, ihm "an der einen oder anderen Stelle auch etwas Beinfreiheit" einzuräumen. Ein Hinweis, der sehr wenig mit Orthopädie, dafür aber viel mit der Forderung nach Richtlinienkompetenz zu tun hatte.

Wetzels Buch "Mehr Gerechtigkeit wagen" ist der Anlass des von Mascolo moderierten Treffens zwischen Steinbrück und dem Gewerkschaftsfunktionär. Es wird dann aber ein Termin, bei dem es weniger um den Buchautoren Wetzel geht als um den Vortragsredner und designierten Kanzlerkandidaten Steinbrück. Wegen der seit Wochen schwelenden Debatte über seine Nebeneinkünfte gilt Steinbrücks Start selbst in der SPD inzwischen als missglückt.

25.000 Euro für eine Stunde Arbeit? Unanständig!

Und damit ist man dann auch schon bei den Bochumer Stadtwerken. "Sind 25.000 Euro für eine Stunde Arbeit angemessen?", fragt Mascolo Steinbrück, nachdem die Runde zuvor über Jahresgehälter von Managern geplaudert hat. Die 25.000 Euro sind nicht eine beliebige Zahl. Es ist die Honorarsumme, die der frühere Finanzminister 2011 für einen Vortrag beim sogenannten Atrium-Talk von den Stadtwerken des hochverschuldeten Bochum erhalten hatte.

Steinbrück ist nicht nach Hamburg gekommen, um herumzudrucksen: "Unverhältnismäßig!", sagt er - und erklärt dann, dass er zunächst nicht gewusst habe, dass es um die Stadtwerke Bochum gehe. Eine Agentur habe den Termin vereinbart, erst später sei für ihn klar gewesen, wer hinter der Einladung stecke.

Dies hätte doch "der Moment des Erschreckens" sein können, sagt Mascolo, schließlich dürften dem früheren Finanzminister die Geldsorgen der Ruhrgebietsstadt klar gewesen sein. Ihm habe in dem Fall "das Fingerspitzengefühl gefehlt", räumt Steinbrück ein. Mit der Spende des Honorars an drei gemeinnützige Organisationen in Bochum habe er diesen Fehler auch bereits indirekt eingestanden.

Steinbrück, der Büßer. Es ist eine Haltung, die man von dem als äußerst selbstbewusst bis notorisch besserwisserisch geltenden Mann nicht jeden Tag erlebt. Der SPD-Mann steckt in einer unangenehmen Lage, die Sympathien für den designierten Merkel-Herausforderer schwinden beträchtlich: In einer Untersuchung von Infratest dimap für die ARD waren zuletzt nur noch 50 Prozent mit der Arbeit Steinbrücks zufrieden, neun Punkte weniger als im Vormonat. 67 Prozent der Befragten waren zudem der Auffassung, dass ihm die Diskussion über seine Nebeneinkünfte bei der Bundestagswahl schaden wird. Steinbrück ärgert sich über die Debatte: "Warum soll ich da lange rumeiern. Es hat der SPD geschadet."

Und dann sind da noch die Kritiker in den eigenen Reihen: Nach SPIEGEL-Informationen empfinden es einzelne Genossen als Instinktlosigkeit, dass Steinbrück noch 2012 als Teil der SPD-Troika und möglicher Kanzlerkandidat Vorträge gegen Geld hielt. Vereinzelt ist demnach von "Gier" die Rede.

"Warum dürfen immer nur die anderen Geld verdienen?"

Hat Steinbrück das Projekt Kanzleramt schon vermasselt, bevor er am 9. Dezember offiziell zum Kandidaten nominiert werden soll? In Hamburg geht er nicht nur offen mit den Vorwürfen um, sondern auch offensiv. Seine diversen Vorträge auf Honorarbasis seien allein dadurch zu erklären, dass er nach dem schwarz-gelben Erfolg bei der Bundestagswahl 2009 nicht mehr damit gerechnet habe, noch einmal in eine "exponierte Lage" in der Politik zu kommen. Mit anderen Worten: Steinbrück glaubte nicht mehr an die gutdotierte, große politische Karriere. Er habe seine Vorträge auch nicht abrupt beenden können, als er Teil der SPD-Troika wurde, sagt Steinbrück: "Man unterzeichnet Verträge", die Vortragstermine würden sechs bis neun Monate im Voraus festgelegt. Er habe dann aber dafür gesorgt, dass das Geld an gemeinnützige Einrichtungen geht.

"Was ich nicht verstanden habe: Warum dürfen immer nur die anderen Geld verdienen, aber nicht die Sozialdemokraten?", fragt Steinbrück in Hamburg und bekommt dafür viel Applaus vom Publikum.

Steinbrück wird für die SPD ein unbequemer Kandidat bleiben, das wird auch an anderer Stelle deutlich - besonders für Wetzel. Der hat zwar ebenfalls ein SPD-Parteibuch, die beiden gehen ausgesprochen freundlich miteinander um, trotzdem liegen in manchen Fragen Welten zwischen ihnen. Etwa bei der Bewertung der Agenda 2010 und der Schlussfolgerungen für die Zukunft. Die Agenda-Reformen der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hätten zu "gesellschaftlichen Verwerfungen" geführt, sagt der IG-Metall-Vize, es gehe jetzt darum, einzelnen "neoliberalen Überzeichnungen Einhalt zu gebieten" und Korrekturen vorzunehmen - unter anderem beim Niedriglohnsektor und der Rentengesetzgebung. "Die Verwerfungen waren bereits da", entgegnet Steinbrück und nennt Zahlen, wie sich in der Rentenversicherung das Verhältnis von Einzahlern und Empfängern entwickelt hat: "1957 kamen neun Einzahler auf einen Empfänger, heute liegt das Verhältnis bei 3,3 zu 1." Man könne sich der Mathematik nicht entziehen.

Es ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Steinbrück nicht viel von dem Rentenkonzept hält, das die Genossen auf einem Konvent Ende November beschließen wollen. Viele wollen einem Modell des Deutschen Gewerkschaftsbundes folgen, wonach unter anderem die Rente mit 67 ausgesetzt werden soll. "Der Druck der Demografie zwingt zum Handeln", sagt dagegen Steinbrück in Hamburg.

Und ja, ein Honorar gab es für den Auftritt in der Hansestadt auch nicht. Nur ein warmes Essen, wie Steinbrück erklärt. Großes Gelächter im Publikum. Na dann Mahlzeit.

insgesamt 176 Beiträge
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Seite 1
achja?! 11.11.2012
1. Herr Köster aus Dortmund,...
... hat sich der Kandidat da nicht mit Ihnen abgestimmt? Sie haben das Ganze doch gestern im Blog "Der angekratzte Kandidat" noch als "peanuts" abgetan... Da hat sich der gute Herr Steinbrück wohl mittlerweile - auch Dank neuer Umfragen - wohl ein wenig weiter entwickelt...
hairforce 11.11.2012
2. Dumm gelaufen
Zitat von sysopDPADer Start des designierten Kanzlerkandidaten Steinbrück gilt selbst parteiintern bereits als missglückt, jetzt hat sich der SPD-Politiker ungewöhnlich offen zu seinen Nebeneinkünften geäußert: Beim Honorar der Bochumer Stadtwerke habe ihm "das Fingerspitzengefühl" gefehlt, gestand der 65-Jährige ein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-uebt-selbstkritik-fuer-honorar-von-bochumer-stadtwerken-a-866570.html
Nachdem Herr Steinbrück auf der Spendenquittung gelesen hatte das er seinen Vortrag bei den maroden "Stadtwerke Bochum" gehalten hatte sagte ihm sein "Fingerspitzengefühl" besser 25000 als garnichts.
tatwort 11.11.2012
3. Steinis Geld in der Schweiz
Wie die Schweizer Sonntagspresse rapportiert, hat Steinbrück ja auch - als Vorhut der Kavallerie? - in der Schweiz gedampfplauder, allerdings habe er kein Geld bekommen - das sei "gespendet" worden. An wen wohl? An ihn?
karsten68 11.11.2012
4.
Zitat von sysopDPADer Start des designierten Kanzlerkandidaten Steinbrück gilt selbst parteiintern bereits als missglückt, jetzt hat sich der SPD-Politiker ungewöhnlich offen zu seinen Nebeneinkünften geäußert: Beim Honorar der Bochumer Stadtwerke habe ihm "das Fingerspitzengefühl" gefehlt, gestand der 65-Jährige ein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-uebt-selbstkritik-fuer-honorar-von-bochumer-stadtwerken-a-866570.html
Habe 25 Jahre in Illusion der Verbesserung der Welt die SPD gewählt, nach 1917 wurden wir von Schröder verraten, jetzt von Steinbrück, danke.
matt1981bav 11.11.2012
5. Da triffts die Richtigen.
Die SPD ist doch Urheberin aller Neiddebatten, weil sie damit Stimmung machen auf Kosten von allen Leuten die was leisten. Selbst der Normalverdiener scheint für die SPD ein willkommenes Opfer für steuerliche Abzocke. So nun triffts die SPD selber, was für ein Pech aber auch.
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