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Steinbrücks Buchvorstellung Der nette Besserwisser

Peer Steinbrück in seinem Element: Der Ex-Finanzminister stellt in Hamburg sein Buch "Unterm Strich" vor und gibt den gewandten, umgänglichen Hanseaten. Er gefällt sich in der Rolle des finanzpolitischen Weltenretters - seine Karrierepläne lässt er offen.

Peer Steinbrück

Hamburg - Es ist ein bisschen gespielte Ungeduld, die mit nach Hamburg bringt. Die Fotografen hätten jetzt "doch schon so viele Aufnahmen gemacht", sagt der frühere Finanzminister. Dabei gehört das alles zum Ritual. Wie auch seine Antwort auf die Frage eines Journalisten, was er denn in Zukunft machen wolle, schließlich habe er doch Zeit. "Nee", entgegnet Steinbrück, "jetzt schreibe ich einen Roman", dazu breites Steinbrück-Lachen.

Donnerstag in der Villa des Hamburger Verlages Hoffmann und Campe an der Alster: Der SPD-Politiker stellt sein Buch "Unterm Strich" vor, und das Medieninteresse an diesem Termin ist groß.

Zuletzt war es eher still um den Mann, der nach dem Ende der Großen Koalition vom Ministerposten auf die Abgeordnetenbank wechselte. Die großen Reden im Bundestag hielten fortan andere. Lang vorbei auch die Zeiten des Bankencrashs, in denen er als Finanzminister fast täglich neben Angela Merkel in den Abendnachrichten zu sehen war und sich als Krisenmanager profilierte.

Selten war er so präsent wie im Herbst 2008 und wohl auch selten so uneingeschränkt respektiert. Die "Neue Zürcher Zeitung" schwärmte damals vom "brillanten Hanseaten Steinbrück", dessen Selbstbewusstsein "das so dringend erforderliche Vertrauen der Nation" stärke.

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Peer Steinbrück: Zurück auf der Bühne

Foto: CHRISTIAN CHARISIUS/ REUTERS

Nur einmal geriet Steinbrück in der jüngsten Vergangenheit in die Schlagzeilen. Aber die gefielen ihm nicht: Das Internetportal Abgeordnetenwatch.de hatte seine Nebeneinkünfte und seine Präsenz im Bundestag verglichen. Er habe bei Parlamentssitzungen gefehlt, dafür aber privat Vorträge gehalten, lautete die Kritik. Er sitze lediglich in einem Aufsichtsrat, sagt Steinbrück am Donnerstag. Das soll reichen als Entgegnung auf die Kritik.

Nach rund einem Jahr als Hinterbänkler ist Steinbrück jetzt zurück. Und man kann wohl sagen: mit ziemlicher Wucht. 480 Seiten hat er vorgelegt, die Startauflage seines Buchs beträgt 100.000 Exemplare, der SPIEGEL druckte diese Woche Auszüge vorab. Dazu kommen eine Lesetour durch die Republik und Fernsehauftritte bei Beckmann und Anne Will.

Als der Hoffmann-und-Campe-Mitarbeiter vom "ersten Enkel Helmut Schmidts" spricht, winkt Steinbrück am Donnerstag ab. "Jetzt habe ich einen anderen Termin", sagt er scherzend, als sei die Anspielung zu viel der Ehre. Ausgerechnet ein Vergleich mit dem inzwischen republikweit verehrten Altkanzler. Auch Steinbrück gehört zu den Schmidt-Fans, da überrascht es nicht, dass der 91-Jährige an einem Termin von Steinbrücks Lesereise teilnimmt: Am 23. September treten die beiden gemeinsam in Frankfurt am Main auf.

"Biegsam und windschlüpfrig"

Allein der Tag von Steinbrücks Buchpräsentation hat Symbolkraft: der 16. September. "Einer der dramatischsten Tage meines Politikerlebens", so schreibt es Steinbrück in seinem Buch über den 16. September 2008.

Es sind damals die Stunden, in denen die Finanzkrise eskaliert. Am Vortag war die Investmentbank Lehman Brothers zusammengebrochen. In einer Bundestagsrede sagt Steinbrück noch am Vormittag des 16. September, dass er die Auswirkungen der Finanzkrise "auf uns für begrenzt" halte. Aber bereits am Nachmittag telefoniert er - bedrängt von europäischen Zentralbankern - mit seinem US-Amtskollegen Hank Paulson, um ihn vor einem Kollaps des Finanzgiganten AIG zu warnen. Er "wäre zum Super-GAU geworden, vergleichbar einer Kernschmelze. Es gab Stimmen, die vom Ende des Kapitalismus sprachen", so Steinbrück.

Steinbrück wollte kein "Erinnerungsbuch mit autobiografischen Zügen" schreiben. Also analysiert er auch.

  • Etwa den Sozialstaat: Dem vor allem aus Abgaben finanzierten Modell geht Steinbrück zufolge "die Puste aus", künftig könne er nicht mehr als "'Ausfallbürge' sein, der in Not- und Bedarfsfällen ein Existenzminimum für ein Leben in Würde sicherstellt". Steinbrück plädiert dafür, den Sozialstaat stärker aus Steuermitteln zu finanzieren.
  • Europas Zukunft in der globalisierten Welt: Steinbrück skizziert angesichts boomender Länder wie China eine Verschiebung der wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse. Es stelle sich die Frage, ob Europa "in einer solchermaßen veränderten multipolaren Welt überhaupt noch in der höchsten Gewichtsklasse mithalten kann".
  • Das politische Personal in Deutschland: bestenfalls Durchschnitt. In den Parteien zähle bei der Personalauswahl weniger die Kompetenz als parteiinterne Verdienste. Das Ergebnis sei "jener biegsame und windschlüpfrige Typus, der sich nicht gleich festlegt, aber sich rechtzeitig dorthin schlägt, wo er die Mehrheitsmeinung vermutet".
  • Auch seine SPD muss sich deutliche Kritik anhören, Steinbrück hält "Empfehlungen für eine Revitalisierung" bereit. Die Partei sei zu sehr auf sozialpolitische Fragen konzentriert. Dort habe sie zwar die "größten Wohlfühlerlebnisse", dem stünden aber Defizite in der wirtschafts- und finanzpolitischen Kompetenz gegenüber. "Das Soziale in der Politik reicht nicht!" Vor allem müsse sich die SPD anderen Wählerschichten öffnen, um in Zukunft Erfolg zu haben. Der klassische Arbeitnehmer allein reiche dafür nicht aus. So müsse die Partei um "Wissensarbeiter, Mittelständler, disponierende Eliten" werben.

Keine Lust auf "Personalspielchen"

SPD

Die vergangenen Wochen haben offenbar nicht dazu beigetragen, dass Steinbrücks Befund über die eigene Partei besser ausfällt. Die habe mit ihrer Politik der letzten zwei Monate vor allem "Rentner und Transferempfänger" angesprochen, sagt Steinbrück am Donnerstag. Seine Kritik gilt der Entscheidung des SPD-Präsidiums zur Rente mit 67.

Natürlich wird Steinbrück am Donnerstag auch die Frage gestellt, ob er für die SPD als Kanzlerkandidat zur Verfügung stünde. Die Debatte hatte Sigmar Gabriel bereits vor Monaten ausgelöst. Damals betonte der SPD-Chef, er traue Steinbrück "jedes politische Amt in Deutschland sofort zu".

Es sei "unsinnig", sich drei Jahre vor einer Wahl mit "Personalspielchen" zu beschäftigen, sagt Steinbrück in Hamburg. Steinbrück, der Nörgler und Grummler.

Bei der Buchpräsentation lässt er weitgehend offen, wie er sich künftig engagieren will. Er habe nach dem Ende seiner Arbeit als Minister "Zeitsouveränität gewonnen" und könne auswählen, was er machen möchte.

Die Frage nach der Kanzlerkandidatur hat er auch zuletzt gegenüber dem SPIEGEL schnell beiseite gewischt. Für einen Rat an seine Parteifreunde stehe er zur Verfügung, habe aber keinen Ehrgeiz mehr für eine Führungsposition. Die letzten SPD-Kanzler seien während ihrer Regierungszeit mit dem "Mainstream der eigenen Partei in Konflikt geraten", bei ihm selbst würde dies möglicherweise schon vor der Wahl geschehen, sagte Steinbrück. "Ich halte es deshalb für äußerst unwahrscheinlich, dass sich die Frage jemals stellt."

Wer weiß. Steinbrück ist schon öfter überrascht worden - und hat selber überrascht.

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