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Steinmeier auf SPD-Parteitag Im Schatten des Altkanzlers

Drei Tage, drei Kandidaten: Der SPD-Parteitag ist ein Schaulaufen der möglichen Merkel-Herausforderer Steinmeier, Gabriel, Steinbrück. Als erster war der Fraktionschef dran - dummerweise im Anschluss an die große Helmut-Schmidt-Show. Da konnte er nicht mithalten.

Berlin - In der heikelsten Frage sind sich die Genossen seit diesem Sonntag einig. Die Sache mit der Kanzlerkandidatur, heißt es in den großen und kleinen Hallen des SPD-Parteitags, sei ja wohl jetzt entschieden. Der Schmidt mache es.

Nur ein Witz, klar. Aber für Euphorie hat der morgendliche Auftritt von Helmut Schmidt schon gesorgt, und zwar bei so ziemlich allen anwesenden Sozialdemokraten. Parteichef Sigmar Gabriel läuft grinsend durch die Flure, den Auftakt des Parteitags hält er für sehr gelungen. Und selbst bei den Jusos scheinen plötzlich die alten Widerstände gegen den autoritären Altkanzler zu fallen. "Was hatten wir eigentlich gegen den?", fragt ein Berliner Jungsozialist einen Kollegen im Parteitags-Foyer. "Keine Ahnung", erwidert der und geht sich erstmal ein Bier holen.

Der erste Tag des SPD-Bundestreffens ist zum Schmidt-Tag geworden. Damit hatte man im Vorfeld des Parteitags so nicht gerechnet. Als der Altkanzler sich in der K-Frage auf die Seite von Peer Steinbrück schlug, runzelten nicht wenige Sozialdemokraten die Stirn. Davon ist plötzlich nichts mehr zu sehen. Mit seinem emotionalen und sehr persönlichen Plädoyer für ein vereintes Europa begeisterte Schmidt seine Partei in einer Weise, wie es schon seit längerem kein Sozialdemokrat mehr geschafft hat. Und das mit 92 Jahren.

Schmidt war packend, möglicherweise ein bisschen zu sehr. Denn einer muss darunter leiden: Frank-Walter Steinmeier. Der Fraktionschef hat am Mittag nicht nur die undankbare Aufgabe, kurz nach Schmidt sprechen zu müssen, sondern auch noch zum gleichen Thema: Europa in der Krise.

Das alles wäre an sich nicht weiter tragisch - wenn es für Steinmeier nicht auch ein bisschen darum gehen würde, im inoffiziellen Schaulaufen der drei möglichen SPD-Kanzlerkandidaten zu glänzen. Da ist ein alles überstrahlender Auftritt des Altkanzlers natürlich wenig hilfreich. Alle Nachredner wirken winzig. Selbst wenn sie selbst schon mal fast Kanzler waren.

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SPD-Parteitag: "Kein normales Land"

Foto: Sebastian Kahnert/ dpa

Steinmeier hat sich trotzdem viel vorgenommen. Er tut sein Bestes und man kann sagen, dass er unter den gegebenen Umständen besteht. "Schön, dass Ihr zum zweiten Advent auch nichts besseres zu tun hattet", begrüßt er die Delegierten. Die danken es mit einem Lacher, das war's dann aber auch in Sachen Lockerheit. Schon bei den nächsten Sätzen wird klar, dass es Steinmeier in der großen Halle des ehemaligen Postgüterbahnhofs am Berliner Gleisdreieck sehr ernst meint: Es geht um die Krise des Kontinents, die Zukunft Europas. Es ist sein Thema, Steinmeier bringt dazu den Leitantrag ein.

"Wir sind die Europa-Partei"

Aber es geht für Steinmeier eben auch ein wenig um seine eigene Zukunft. Er dröhnt und knattert, wie man es bei ihm schon lange nicht erlebt hat. "Ganz schön laut war die Rede" wird im Anschluss eine prominente Sozialdemokratin sagen. Inhaltlich, da sind sich viele einig, war es eine seiner gelungeneren Reden. Nur wäre sie eben noch um einiges besser angekommen, wenn nicht der Europa-Altmeister Schmidt vorgelegt hätte. Das ist ein bisschen ärgerlich aus Sicht des Fraktionschefs.

Steinmeier appelliert an die Sozialdemokraten. "Ich will, dass von diesem Parteitag eine klare Botschaft ausgeht: Wir sind die deutsche Europa-Partei." Die EU, ruft er, gehöre "nicht den Konservativen, nicht den Experten und nicht den Märkten, sondern den Menschen". Das hören alle Sozialdemokraten gerne, vor allem die linken.

Auch die Bundesregierung geht Steinmeier hart an. Er muss das tun, Attacken auf den Gegner gehen immer. Auf Schwarz-Gelb sei noch nie Verlass gewesen, erst recht nicht in der Europa-Politik, poltert Steinmeier. Stattdessen demonstriere die Kanzlerin in der Euro-Krise "Heuchelei" und "penetrante und doppelzüngige Schulmeisterei". Seine Forderungen: ein eigener Europäischer Währungsfonds auf Basis des geplanten permanenten Rettungsschirms ESM. Ein Modell zur Reduzierung der Altschulden für die Krisenländer mit strengen Auflagen, orientiert am Erblastentilgungsfonds nach der deutschen Einheit. Und ein Aufbauprogramm für EU-Staaten.

Steinmeier, der Mann fürs Praktische

Schmidt liefert die große Europa-Erzählung, und Steinmeier würde da gerne mitmachen. Deshalb sagt er einmal: "Ich weiß, ihr traut mir das nicht zu, aber erlaubt mir ein bisschen Pathos." Dann folgen ein paar aufgeladene Sätze zur historischen Bedeutung des europäischen Projekts und zur deutschen Verantwortung. Das klingt dann etwas wie bei Schmidt. Nur nicht ganz so bedeutsam.

Ansonsten gibt Steinmeier eher den Mann für die praktischen Handlungsanweisungen. Das macht die Sache mitunter etwas mühsam für die Zuhörer. Es klingt alles recht technisch, und wie das so ist beim Thema Europa: Steinmeier sagt viele Dinge, die so gut wie jeder im Saal genauso sieht. Deshalb wird häufig und brav geklatscht - aber richtige Begeisterung will nicht aufkommen.

Die SPD, sagt Steinmeier zum Abschluss, sei auf einem guten Weg, um ab 2013 wieder Verantwortung im Bund zu übernehmen. "Dafür muss ein Sozialdemokrat ins Kanzleramt", sagt er. Und so stellt sich mancher nach einer guten Dreiviertelstunde Steinmeier die Frage: Hat das gereicht, um gegen Steinbrück und Gabriel zu punkten?

Er hat jedenfalls vorgelegt. Am Montag ist der Parteichef dran.