Steinmeier beim Holocaust-Gedenken Der Bundespräsident spricht... englisch?

Ein Kommentar von Stefan Berg
Ein Kommentar von Stefan Berg

Bei seiner Rede in Yad Vashem begrüßte Frank-Walter Steinmeier die Anwesenden auf Hebräisch und hielt seine Rede dann auf Englisch. Das war rücksichtsvoll gemeint - und trotzdem kann man es falsch finden.

Bundespräsident Steinmeier in Yad Vashem

Bundespräsident Steinmeier in Yad Vashem

Foto: POOL/ REUTERS

Der Bundespräsident hat in Israel gesprochen. Und er hat deutsch gesprochen. Er hat seine Rede mit den Worten begonnen: "Ich weiß, was es für manchen von Ihnen bedeutet, in diesem Hohen Haus heute die deutsche Sprache zu hören. Ihre Entscheidung, mich einzuladen, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Ich empfinde sie als Zeichen, des Willens, Geschichte niemals zu verdrängen, und des Mutes, die Schreckenslähmung dieser Geschichte dennoch zu überwinden."  So begann Bundespräsident Johannes Rau am 16. Februar 2000 seine Rede vor der Knesset, dem israelischen Parlament.  Ein Teil der Abgeordneten war nicht erschienen, einige kamen erst verspätet. Am Ende klatschten viele.

Bundespräsident Horst Köhler begann 2005 seine Rede vor der Knesset auf Hebräisch, dann sprach er deutsch. Zuvor hatte es darüber Streit gegeben, in dem der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki Köhler beigesprungen war. Es sei blanker Unsinn, wenn in Israel behauptet werde, die deutsche Sprache sei durch die Sprache der Nazis diskreditiert. "Wahr ist vielmehr, dass die deutsche Sprache von den Nazis missbraucht und von Hitler und vielen seiner engsten Mitarbeiter verhunzt wurde." Reich-Ranicki war in doppeltem Sinn ein guter Zeuge – der "Literaturpapst" hatte das Warschauer Getto überlebt.

Nun musste sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier entscheiden, welcher Sprache er sich bedient, in der Gedenkstätte Yad Vaschem, am 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers in Ausschwitz: Er entschied sich komplett gegen die deutsche Sprache. Er begrüßte die Anwesenden auf Hebräisch und sprach dann englisch weiter. Er habe den verbliebenen Opfern ersparen wollen, die Sprache der Täter hören zu müssen, hieß es zur Begründung.

Frank Walter Steinmeier hat damit Streit vermieden. Das ist gut so. Denn am Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz reichte es, dass ein Disput zwischen russischem und polnischem Präsidenten die Feierlichkeiten überschattete. Steinmeier hat den Blick auf die zu Ehrenden nicht verstellt. Das ehrt ihn.

Man kann die Entscheidung Steinmeiers aber auch ganz anders sehen, ohne ihn bösartig falsch zu interpretieren.

Ist Deutsch immer noch die Sprache der Täter?

Ist die deutsche Sprache, 75 Jahre nach der totalen Niederlage der Nazis, immer noch die Sprache der Täter, gewissermaßen unbefreit die letzte Geisel der Nationalsozialisten? Aber was ist dann mit Thomas Mann, mit Erich Kästner, Bert Brecht? Um nur einige zu nennen, die sich an ihre Muttersprache klammerten. Sie verhinderten doch gerade das, was Steinmeier behauptet: dass Deutsch zur Täter-Sprache wurde. Indem sie die deutsche Sprache bewahrten, retteten sie ein gutes Stück Deutschland vor dem Zugriff des NS-Regimes.

Und sprachen nicht auch viele Juden deutsch?

Johannes Rau hat einmal gesagt: "Ein Patriot ist jemand, der sein eigenes Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet. Hüten wir uns daher vor allen nationalistischen Tönen - genauso wie vor der Versuchung, den politischen Gegner dadurch herabzusetzen, dass man ihn in die Nähe rechtsextremer Vorstellungen rückt!"

Die Liebe zum eigenen Land aber ist kaum vorstellbar ohne die Liebe zur eigenen Sprache. Und der deutsche Bundespräsident bleibt doch ein Deutscher – egal, in welcher Sprache er gerade spricht.