Steinmeiers Wahlkampfhelfer Steg Marathonmann auf Abwegen

Er ist geschmeidig. Er ist Sozialdemokrat - und hat trotzdem vier Jahre lang Kanzlerin Merkel bestens verkauft. Doch jetzt soll Vize-Regierungssprecher Thomas Steg als Steinmeiers oberster Wahlkampfhelfer ihre Schwachstelle finden. Die Geschichte eines Grenzgängers.

Von Christoph Schwennicke


Berlin - Das Leben des Thomas Steg strebt derzeit zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen im September zu. Und noch ist nicht ausgemacht, welcher der beiden Tage für ihn eher Triumph und welcher eher Niederlage bereithält - der Berlin-Marathon oder die Bundestagswahl.

Thomas Steg (Archivbild): Keiner überlebte das Leid der SPD in der Großen Koalition so gut wie er
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Thomas Steg (Archivbild): Keiner überlebte das Leid der SPD in der Großen Koalition so gut wie er

Vielleicht klärt sich das aber auch ganz einfach, wenn auch auf unangenehme Weise. Vielleicht, sagt er und fasst sich sorgenvoll an die Ferse des linken Fußes, "vielleicht ist das ja ein Zeichen". Eine Knochenhautentzündung unter der Achillessehne, sehr schmerzhaft und auf dem besten Wege, chronisch zu werden, hat jedenfalls der Orthopäde gesagt.

Bisher hatte der Marathonläufer Steg vor, am 20. September in Berlin seine persönliche Bestleistung auf dem Asphalt der Hauptstadt hinzulegen. Jetzt wird er all seine Kraft in einen heftigen politischen Sprint legen müssen, der die drohende krachende Wahlniederlage des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier am 27. September abwenden soll. Und die Ferse kann in Ruhe ausheilen.

Das Leben des Thomas Steg, 49, ist in den vergangenen vier Jahren in sehr geordneten Bahnen verlaufen, so geordnet, dass er sich seine Herausforderungen auf der 42,195 Kilometer langen Distanz gesucht hatte. Nun hat das geordnete Leben in dieser Woche eine abrupte Wende genommen, die sich in genüsslichen Schlagzeilen niederschlug. Wahlweise "Merkels Genosse" oder "Merkels Sprecher wird Steinmeiers Wahlkampfmanager", lauteten die Zeilen.

Die Position des stellvertretenden Regierungssprechers, entsandt von der SPD, aber mit der Mission, Merkel gut aussehen zu lassen, war eigentlich ein Schleudersitz. Steg hat daraus einen Ohrensessel gemacht. Keiner überlebte das Leid der SPD in der Großen Koalition so klag- und skrupellos wie er, der jede Woche dreimal in der Bundespressekonferenz zu verkünden hatte, was die Kanzlerin denkt, meint und für richtig erachtet. Jedenfalls immer dann, wenn Regierungssprecher Ulrich Wilhelm von der CSU nicht an der Reihe war. Keiner ging in einer unmöglichen Rolle so auf wie Thomas Steg.

Was er fortan äußerst geschmeidig tat, das lag nach seinen eigenen Worten eigentlich "außerhalb jeder Vorstellung", war eigentlich "völlig ausgeschlossen" - jedenfalls zu jener Zeit, als er einer der engsten Vertrauten von Gerhard Schröder war, dessen Reden schrieb, ihm als Fraktionssprecher in Niedersachsen und später als Regierungssprecher in Berlin diente. Steg schrieb nicht nur schön auf, was Gerhard Schröder sagen wollte. Er verarztete als Erste-Hilfe-Ambulanz auch mal junge Korrespondenten, wenn diese Gerhard Schröder zum falschen Zeitpunkt eine falsche Frage gestellt hatten und Schröder das als willkommene Gelegenheit ansah, ein paar aufgestaute Aggressionen abzubauen.

Steg schätzte die kühle Analytik der Merkel

Steg war Schröders Schönredner. Wenn Schröder eine Rede gehalten hatte, die sich nicht ganz so schön anhörte, wie Steg meinte, sie aufgeschrieben zu haben, dann stromerte er hernach durch die Flure eines Parteitags oder des Bundestages und wies alle darauf hin, um was für ein gewichtiges Wort des Kanzlers es sich da wieder gehandelt hatte.

Als Schröder noch seine aussichtslose Schlacht um das Kanzleramt in den Koalitionsverhandlungen 2005 schlug, da wandte sich Steg schon dem Machbaren zu, "Nicht am Tag der Bundestagswahl 2005, aber bald danach", bekannte er später einmal. Und das Machbare, die Große Koalition mit einer Kanzlerin Angela Merkel, wies ihm den unmöglichsten Posten direkt an der Seite der Kanzlerin zu.

Was sich dann ereignete, erstaunte Steg vermutlich selbst in mindestens dem Maße wie viele seiner Beobachter. Innerhalb sehr kurzer Zeit fand die CDU-Kanzlerin Gefallen an den Fähigkeiten des geschmeidigen Sozialdemokraten, dessen politische Analysefähigkeit und ruhiger Umgang auch Merkels Büroleiterin Beate Baumann alsbald angenehm auffiel.

Dieser Respekt und die Wertschätzung waren beileibe keine einseitige Geschichte. Ebenso wie anfangs Franz Müntefering schätzte Steg alsbald den Pragmatismus, die Ruhe und die kühle Analytik seiner neuen Chefin. Im Unterschied zu Müntefering hält das bei Steg bis heute an.

Es dürfte jenseits von Peer Steinbrück keinen Sozialdemokraten in der Regierung geben, der besser von Merkel denkt als eben jener Mann, der nun in den verbleibenden drei Monaten dafür sorgen soll, dass Steinmeier sie erfolgreich schlechtmacht, wo er nur kann.

Sanft im Wesen, sanft in der Stimme, sanft im Blick

"Verräter...", das Wort wiederholt Steg und senkt seinen Schädel, der vor allem aus Stirn besteht, die er in tiefe Furchen legen kann. "Ja, ja..." Er weiß, dass ihm in der SPD in den vergangenen Jahren viele dieses Wort hinterhergezischt haben, so wie ihn in der Union viele als Maulwurf der SPD betrachteten. In seinem Büro im Bundespresseamt hat er aus seinem Dasein mitten auf der Erdbebenspalte der Großen Koalition ein kleines innenarchitektonisches Stillleben gemacht. In seiner Sitzecke stehen sich ein kleines Zweisitzer-Ledersofa in Knallrot und ein baugleiches in Schwarz gegenüber. Dazwischen steht ein kleiner Glastisch.

"Ich setz mich mal da hin", sagt Steg und lässt sich auf dem roten Sofa nieder. "Das ist angemessen."

Gespräche mit Steg sind immer wieder ein Erlebnis eigener Art. Dieser Mann ist so sanft im Wesen, so sanft in der Stimme, so sanft im Blick, dass man sich fragt, wie das mit einem Berserker wie Schröder gutgehen konnte. Steg erstickt Aggressionen im Keim, er ist wie ein großes Daunenkissen, noch bei dem größten Unsympathen würde er sich keine Blöße geben oder ihn spüren lassen, dass er ihn nicht leiden kann.

Aber geht das? So sanft und so erfolgreich in diesem beinharten Politikgeschäft? Oder wohnt das Verschlagene nur hinter einer Fassade immerwährender Freundlichkeit, die leicht in Gefahr gerät, beliebig zu werden?



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