Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Verschont den Tod!

Sterbehilfe gehört verboten. Der Tod auf Bestellung nimmt dem Leben die Würde. Er passt zu einer Gesellschaft, die überall und immer Optimierung und Effizienz anstrebt. Wenigstens das Lebensende sollte davon verschont bleiben.
Trost für einen Sterbenden: Demut üben

Trost für einen Sterbenden: Demut üben

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Albert Camus hat gesagt: "Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie." Die Debatte über die Sterbehilfe zeigt: Wir sind von einer Antwort weit entfernt. Denn hinter dem sanften Wort Sterbehilfe verbirgt sich ja nichts anderes als die Anleitung zum Selbstmord. Ja, der Schmerz und die Furcht des Kranken, das Leid der Angehörigen, das Recht auf Selbstbestimmung, das alles hat großes Gewicht. Niemand macht es sich hier leicht. Aber am Ende sollten wir im Tod etwas üben, was wir im Leben leicht verlernen: Demut. Das Leben ist nicht beherrschbar, der Tod sollte es auch nicht sein.

Mehr noch als ein Rätsel war der Selbstmord immer ein Tabu. Unsere Debatte über das Recht der Ärzte, unheilbar Kranken beim Suizid zu assistieren, wäre zu anderen Zeiten schwer vorstellbar gewesen. Selbstmord war regelrecht verboten. Im Mittelalter wurden die Leichen der Selbstmörder durch die Straßen geschleift und danach gehenkt.

Kirche und Staat wollten nicht von ihren Subjekten lassen. Eine Frage der Herrschaft, der Kontrolle.

Die Französische Revolution stellte den Selbstmord dann straffrei. Das ist er auch heute noch. In Frankreich ist Anstiftung und Beihilfe dazu dennoch verboten. Eine juristische Kuriosität, die das zwiespältige Verhältnis ausdrückt, das immer noch zu jenen besteht, die selber entscheiden, wann sie gehen - aus welchen Gründen auch immer. In Deutschland sind Anstiftung und Beihilfe straffrei. Darum dürfen hierzulande Vereine für Suizidhilfe tätig sein.

Der Tod auf Bestellung ist kein Gewinn an Freiheit

Das deutsche Modell ist juristisch konsequent - ethisch aber nicht. Die ausdrücklich geregelte Suizidhilfe durch Ärzte ist das Einfallstor für eine gefährliche Entwicklung: Sterbehilfe als übliche Behandlungsmethode.

Wenn das Schule macht, wird die Frage "Wohin mit Oma?" bald einen anderen Tonfall bekommen. Wer schützt Alte und Kranke vor dem äußeren - oder inneren - Druck, die anderen und sich selbst von der Last und den Lasten des eigenen Leids zu befreien? In Wahrheit ist der Tod auf Bestellung kein Gewinn an Freiheit. Sondern eine Kapitulation - vor dem Leben und vor dem Geist des Zwecks. Ärzte und Konzerne helfen uns mit chirurgischen und kosmetischen Mitteln dabei, das Altern zu verlernen. Nun sollen wir uns von Schmerz und Leid abwenden. Es lebe die Effizienz, es lebe die Optimierung!

Die Debatte über die Sterbehilfe zeigt: Es kann für die Gesellschaft falsch sein, was für den Einzelnen richtig sein mag. Bundesgesundheitsminister Gröhe hat darum recht: Die Suizidhilfe sollte verboten werden, die Versorgung der unheilbar Kranken jedoch verbessert.

Erinnern wir uns an das öffentliche Sterben von Johannes Paul II. im Jahr 2005. Von Anfang Februar bis Anfang April ließ der Papst alle Menschen an seinem Leid, an seiner Krankheit, an seinem Verfall teilhaben und zeigte seinen kommenden Tod. Der geduldete Tod wurde zu einem Zeichen für die Würde des Lebens.