Stimmenzuwachs bei Europawahl Kleine Parteien laufen zu großer Form auf

Die Volksparteien schwächeln, die kleinen Parteien sind die großen Gewinner: Die Liberalen holen ihr bisher bestes Resultat bei einer Europawahl, die Grünen halten ihr gutes Ergebnis - und auch der Fundamentaloppositions-Kurs der Linken scheint sich auszuzahlen.

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Berlin - Guido Westerwelle hat inzwischen Übung im Feiern. Zuletzt durfte er im Frühjahr über die großen Zuwächse in Hessen jubeln, diesmal über die bei der Europawahl. Natürlich könne man das Ergebnis nicht direkt auf den Bund übertragen, sagt er. Aber es sei eine "herausragende Grundlage" für weitere "herausragende Zuwächse". Darauf setze die FDP.

FDP-Spitzenkandidatin Koch-Mehrin herzt ihren Parteichef Westerwelle: "Herausragende Zuwächse"
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FDP-Spitzenkandidatin Koch-Mehrin herzt ihren Parteichef Westerwelle: "Herausragende Zuwächse"

20 Minuten zuvor hatten ARD und ZDF in ihren ersten Prognosen den Liberalen über 10 Prozent gegeben - vor fünf Jahren erreichte die FDP mit 6,1 Prozent den Wiedereinzug ins Europaparlament - nach zehn Jahren der Abstinenz. Schon damals eine Rekordmarke. Die Zitterpartien vergangener Zeiten sind für die Partei jetzt vergessen. Neben Westerwelle strahlt auch Silvana Koch-Mehrin, die Spitzenkandidatin bei dieser Europawahl. Auf großformatigen Wahlplakaten hatte die FDP in der Republik für sie geworben. Keine andere Partei hatte die Europawahl derart auf eine Person ausgerichtet - und das hat sie auch angreifbar gemacht.

In den letzten Tagen wurde sie wegen ihrer angeblich mangelhaften Präsenz im EU-Parlament angegangen. Westerwelle hat ihr beigestanden. An diesem Abend sagt der FDP-Chef, er freue sich "richtig", dass die Bürgerinnen und Bürger "sich von den Schmutzkampagnen in den letzten Tagen vor der Wahl in keiner Weise beeindrucken ließen". Da jubeln die zumeist jungen Anhänger im Thomas-Dehler-Haus in Berlin, wo - wie immer auf Wahlpartys der FDP - geraucht werden darf. Vorne auf dem Podest, umnebelt, steht Koch-Mehrin im weißen Hosenanzug und violetten Shirt neben Westerwelle und anderen Granden. Die 38-Jährige wirkt ehrlich erleichtert.

Sie sagt ein paar nichtssagende Dankessätze, aber einer fällt doch auf: Die FDP habe den "besten Bundesvorsitzenden, den eine Partei in Deutschland hat". Da wird Westerwelle für einen Augenblick verlegen und hält abwehrend die Hand in die Luft. Die Anhänger aber jubeln und lachen.

Der FDP-Partei- und Fraktionschef ist an diesem verregneten Sonntagabend in Berlin seinem Meisterstück, mit der Union im Herbst regieren zu können, näher gekommen. Wieder haben seine Liberalen zugelegt, die CDU hat verloren. Ein Stück weit habe die FDP die Verluste der Union auffangen können, merkt er trocken an. Auch an diesem Sonntag bekräftigt er sein Ziel: Die FDP wolle in einer bürgerlichen Koalition regieren. Doch zu verschenken hat Westerwelle nichts. Selbstbewusst fügt er sogleich an, sie wolle in einer solchen Konstellation eine "sehr starke FDP sein, damit die Sozialdemokratisierung der Union gestoppt wird".

Grüne wollen "der FDP den dritten Platz wegnehmen"

Nur ein paar hundert Meter entfern sieht man sich an diesem Abend darin bestärkt, Westerwelles Triumph am 27. September verhindern zu können. Bei der Grünen-Wahlparty im Haus der Heinrich-Böll-Stiftung wird es sehr laut, als um 18 Uhr die erste Prognose über die Leinwände und Fernseher läuft: "Jaah" und "Juhuu", als der Balken der Grünen auf 11,5 Prozent steigt, "Buh" und "Pfui" als elf Prozent für die FDP angezeigt werden.

Dass man vor den Liberalen liegt - damit ist das wichtigste Grünen-Ziel für diesen Abend erreicht. Das vorläufige Endergebnis weist für die Grünen 12,1 Prozent, für die FDP 11 Prozent aus.

Und genau das wird nun als Ziel für den September ausgegeben. "Auch bei der Bundestagswahl der FDP den dritten Platz wegnehmen, das ist mein Ansporn", sagt Europa-Vormann und Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer, als er sich auf der Bühne gemeinsam mit Co-Spitzenfrau Rebecca Harms feiern lässt.

Wenige hatten noch vor Wochen damit gerechnet, dass die Grünen erneut auf 13 Mandate im Europäischen Parlament kommen könnten. "Vielleicht schaffen wir jetzt sogar noch das 14.", sagt der Berliner Europaabgeordnete Michael Cramer, ein Sektglas in der Hand und Schweißtropfen auf der Stirn, vom ausgiebigen Jubeln. Er ist mit Listenplatz sechs sicher wieder im Europaparlament.

Man lobt die eigene Kampagne, den klaren europapolischen Kurs, die gute Mobilisierung. Und weidet sich daran, wieder vor der FDP zu liegen. Auch Jürgen Trittin, Spitzenkandidat für die Bundestagswahl. Er ruft von der Bühne, neben sich Renate Künast in einem gelben Mäntelchen: "Diese Wahl ist offen, wir streiten um die dritte Kraft in Deutschland." Künast strahlt.

Kurz darauf, da steht sie wieder neben der Bühne, ist SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier im TV-Interview zu sehen - neben seinem Parteichef Franz Müntefering wohl der Verlierer des Abends. "Das ist schwer für den", sagt Künast, es klingt nach Mitleid. Ein Grünen-Spitzenmann kommentiert den abermaligen SPD-Absturz so: "Die sind fertig."

Das katastrophale SPD-Ergebnis ist allerdings auch für die Grünen ein schwerer Schlag: Denn mit diesen schwachen Sozialdemokraten wird für die Bundestagswahl selbst eine Dreierkoalition samt FDP unrealistisch. In den kommenden Tagen dürfte das zu interessanten Strategiegesprächen in der Grünen-Spitze führen. Denn die Aussage "Wir können auch Opposition" klingt zwar gut - aber ernst meint das kaum einer von ihnen.

Linkspartei punktet mit Fundamentalopposition

In dieser Hinsicht haben es die Linken leicht - denn sie wollen ohnehin nicht regieren. Und dass Fundamentalopposition Stimmen bringt, zeigt auch dieser Abend. Trotz des Flügelstreits der vergangenen Wochen legt die Linke sogar noch ein bisschen zu. Auch wenn man dennoch deutlich unter den nationalen Umfragezahlen liegt, ist das ein Erfolg. Und so sind bei der Wahlparty in der Berliner Kulturbrauerei sehr entspannte Spitzenleute zu beobachten. Die Fundamental-Linke und Europa-Abgeordnete Sahra Wagenknecht, wie immer ganz in Schwarz, posiert sanft lächelnd für einen Fotografen, ein paar Meter weiter wird Parteichef und Europa-Spitzenkandidat Lothar Bisky vor einigen Mikrofonen gestoppt. Ach, diese Lager-Streitereien, sagt er, im Gesicht noch die Schminke von seinem ZDF-Auftritt, die seien nun vorüber, "da geht's doch immer nur um Mandate".

Drinnen im Kesselhaus hält Gregor Gysi locker eine seiner üblichen Semi-Kabarett-Reden. Am Ende ruft er in den ziemlich ruhigen Saal: "Feiert mal ein bisschen." Man könne doch sehr zufrieden sein mit dem Ergebnis, "die Niederlage der SPD ist das eigentliche Thema heute Abend".

Er bleibe dabei, sagt Gysi: "Zehn plus X für die Bundestagswahl - und die drei Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und dem Saarland werden uns dafür in eine gute Stimmung bringen."

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