Stoiber in Hamburg "Wer Weltmeister werden will, muss Brasilien schlagen"

Kalter Empfang für Edmund Stoiber in Hamburg: Während der Kanzler sich bei Sonnenschein in einem Münchner Biergarten ein Weißbier schmecken ließ, musste sich Bayerns Ministerpräsident bei Kälte und Nieselregen warm reden. Die Hand voll Störer brachte ihn nicht aus dem Konzept.

Von


Edmund Stoiber in Hamburg: "Wir brauchen die vernünftigen Leute"
DPA

Edmund Stoiber in Hamburg: "Wir brauchen die vernünftigen Leute"

Hamburg - Das wird den zuletzt chronisch gut gelaunten Bundeskanzler gefreut haben. Gerhard Schröder hatte sich nach Bayern aufgemacht, ins Stoiber-Land, ins ewige Krisengebiet seiner Partei, traf sich im noblen Münchner "Seehaus" im Englischen Garten mit ohnehin eher wohl geneigten Unterstützern aus Wirtschaft und Kultur und durfte anschließend noch im Biergarten des Hauses mit der Sonne bei angenehmen Temperaturen um die Wette strahlen.

Der bayerische Regierungschef dagegen musste beim Wahlkampf im Norden der Republik zittern. Gefühlte zehn Grad auf dem zugigen Platz vor der Hamburger Petrikirche und pünktlich zur Rede einsetzender Regen - "Hamburger Schmuddelwetter" eben, wie Stoiber feststellte - machten seinen Auftritt nicht gerade zur gemütlichen Abendveranstaltung. Und dann sitzt auch noch der Kanzler "zu Hause" und lacht sich einen.

Dazu versuchte eine Hand voll Störer direkt vor der Bühne, dem CSU-Chef die Redelaune zu vermiesen. Ihr Rufen und Pfeifen ließ Stoiber aber nur durch die ersten Sätze stolpern. Dann setzte er zum Vortrag über das Versagen von Rot-Grün und das Programm der Union an. Nicht alle der rund 600 Zuhörer hielten es bis zum Ende der einstündigen Rede aus, zumal der Ministerpräsident die Anhänger zuvor eine halbe Stunde im Regen hatte stehen lassen.

Stoiber ist ein Mann der Zahlen, der Statistik: Er kennt die Arbeitslosenquoten sämtlicher Staaten der Europäischen Union und aller großen Industrienationen auswendig, referiert ohne Blick ins Manuskript die monatlichen Deckungslücken in der Rentenkasse, die Defizite des Haushalts und die Anzahl der Arbeitsgerichtsprozesse in allen wichtigen Staaten der Erde, ja sogar, dass das deutsche Steuerrecht mit seinen 418 Ausnahmeregeln 60 Prozent der weltweiten Steuerliteratur ausmacht, hat er jederzeit parat.

Mehrwertsteuererhöhung ist eine "problematische Entscheidung"

So flogen den frierenden Zuhörern auch in Hamburg die Zahlen und Daten nur so um die Ohren, um Stoibers Schlussfolgerungen in seinem liebsten rhetorischen Mittel verpackt serviert zu bekommen: dem Fußballvergleich. Deutschland stehe am Tabellenende. "Und wenn jemand als Trainer eine Mannschaft auf den letzten Tabellenplatz geführt hat und dort bleibt, dann kann er nicht sagen, wir hätten eine tolle Mannschaft", sagte Stoiber mit Blick auf den Kanzler. Wer Weltmeister werden wolle, müsse Brasilien schlagen und nicht gegen Brasilien demonstrieren, so zieht er die Lehre aus den Herausforderungen der wirtschaftlichen Globalisierung. Und starke Gewerkschaften und Kündigungsschutz würden zum "Stein im Rucksack der Spieler".

Die Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte nannte der CSU-Chef eine "sehr, sehr problematische Entscheidung". Das Eigenlob folgte hinterher: Man sage es den Wählern aber vor der Wahl. Durch die Mehrwertsteuererhöhung würden die Importe verteuert und die Arbeitskosten gesenkt, was die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft verbessere.

Am Rand der Veranstaltung hatte sich auch ein Grüppchen Greenpeace-Aktivisten postiert. "Herr Stoiber, wir wollen keine Atomkraft", lautete ihre Botschaft. Der antwortete mit der erneuten Ankündigung längerer Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke. Stoiber kritisierte, dass es in Deutschland keinen Nachwuchs an Atomwissenschaftlern gebe, wodurch man bei Aufträgen für den Bau neuer Kraftwerke etwa in China außen vor bleibe.

Heftig beklatscht wurde Stoibers erneute Ablehnung eines türkischen EU-Beitritts. Die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sei "ein schwerer Fehler". Er sprach sich wieder für die sogenannte "privilegierte Partnerschaft" aus, Vollmitglied könne die Türkei "niemals" werden, aus kulturellen und aus wirtschaftlichen Gründen.

Das Linksbündnis ging Stoiber scharf an. Gerade die SPD solle sich stärker mit denen, "die nur Proteststimmen fischen", auseinander setzen. Oskar Lafontaine sei als "Superminister" aus der Bundesregierung abgehauen. "Leute, die aus der politischen Verantwortung fliehen, dürfen nie wieder politische Verantwortung bekommen", rief der CSU-Politiker. Die Anhänger applaudierten, die Störer riefen "Hau ab!"

Da hatte Stoiber dann auch für die Krakeeler noch ein paar warme Worte übrig: "Sie gehören ja zu denen, die alles bestreiten, außer ihren Lebensunterhalt." Die Menge jubelte, die Störer freuten sich über die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde - und später in der Überprüfung ihrer Personalien durch die Polizei mündete. Sollen die Krakeeler doch Gysi oder Lafontaine wählen, ließ Stoiber die Menge wissen. "Die brauchen wir nicht. Wir brauchen die vernünftigen Leute."



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.