Stoiber-Nachfolger Huber Der ewige Kronprinz greift nach der Macht

Es ging dann doch alles ganz schnell für Erwin Huber. Jahrelang hatte er CSU-Chef Edmund Stoiber loyal gedient. Nun tritt er aus dem Schatten der Macht - und muss beweisen, dass er führen kann. Nach der Bundestagswahl 2009 will er dann nach Berlin wechseln.

Von , München


München – So schnell wie Erwin Huber stand wohl noch kein neu gewählter Parteivorsitzender auf dem Stuhl. Im Moment seines Sieges im Kampf um den CSU-Chefposten fällt alle Anspannung von ihm ab: Er klettert flink auf den Stuhl, reckt die Arme, jubelt ins Publikum und strahlt. Horst Seehofer holt ihn dann vom Stuhl runter: Um zu gratulieren.

Die Partei hat Huber mit einem Ergebnis von 58,2 Prozent ausgestattet, Gegenkandidat Seehofer erhielt 39,1 und Außenseiterin Gabriele Pauli 2,5 Prozent der Stimmen. Der Vorsitzende Edmund Stoiber ist nun Parteigeschichte.

Es ist ein Resultat, mit dem auch die unterlegenen Kandidaten sehr gut leben können: Agrarminister Seehofer, weil die Partei ihn bei der Chef-Wahl nicht abgestraft und dann bei der Entscheidung über die stellvertretenden Vorsitzenden mit sehr guten 91,8 Prozent versehen hat. Das Zeichen: Seehofer wird in den bevorstehenden Wahlkämpfen gebraucht, als ihr soziales Gewissen ist er der Stimmenmaximierer der CSU. Und die Fürther Landrätin Gabriele Pauli? Für sie zählt, das hat sie mehrfach betont, nicht die Zahl der Stimmen, sondern ihr Auftritt an sich.

Huber attackiert Pauli

Mit eben diesem Auftritt der Rebellin hat Erwin Huber in seiner Bewerbungsrede gepunktet: Wenn nötig, habe er seine Präferenzen in der Vergangenheit zurückgestellt, "um der Mannschaft zu dienen", ruft Huber in den Saal mit den tausend Delegierten. Die Partei könne nicht erfolgreich sein, "wenn jedes einzelne der 170.000 Mitglieder auf einen Selbstverwirklichungstrip geht", zielt er auf Pauli und ihre programmatischen Vorschläge - etwa die befristete Ehe - ab: "Es kann nicht jeder sein eigenes Programm präsentieren."

Dafür erntete Huber großen Jubel. Er hielt keine glänzende Rede, es war keine rhetorische Kraftnummer. Er verzichtete auch auf politische Visionen, entwickelte keine explizite Huber-Programmatik. Es war vielmehr eine grundsolide Rede an die Funktionäre: Sie handelte von seinen 40 absolvierten Parteitagen, den 35 Jahren im Kreistag daheim in Niederbayern, von "Verlässlichkeit und Beständigkeit" und natürlich vom Tandem mit dem designierten Ministerpräsidenten Günther Beckstein: "Wir werden zusammenstehen, wir werden zusammenhalten und ein Vorbild an Partnerschaft sein." Am Ende riefen die Delegierten "Bravo!". Das war Seehofer, der als erster in den Ring steigen musste, nicht vergönnt.

Bei der Rede von Gabriele Pauli, die nach Seehofer an die Mikros auf der CSU-Bühne musste, war der Saal meist völlig still. Kein Applaus, keine Zwischenrufe, auch kein boykottierendes Stühlerücken und Verlassen des Saals. Pauli kritisierte das "taktische Denken" der vergangenen Jahre in der CSU, sie dagegen trete an, "weil ich das Andere will". Immer mehr Bürger draußen seien es leid, wenn Politiker "immer nur das tun, was gut ankommt". Am Ende kriegt sie einen versöhnlichen Applaus.

Erwin Huber aber betritt schon unter Begrüßungsapplaus die Bühne, oder besser: Er erstürmt sie. Sichtlich angespannt und leicht erkältet drängt er zum Pult, um jene Rede zu halten, auf die er seit Januar gewartet hatte. Während Beckstein im Kampf um den Ministerpräsidentenposten keinen Gegenkandidaten fürchten musste, hatte Huber acht lange Monate des Bangens durchzustehen: Würde er der ewige Kronprinz und im Schatten Stoibers bleiben - oder selbst an die Spitze kommen?

Die Zeichen für Huber waren schon frühzeitig und von höchster Stelle auf den politischen Erfolg ausgerichtet: "… und jetzt Erwin Huber", heißt es im Kapitel "Bayern und die CSU", ganz am Ende des Mammutwerkes und politischen Vermächtnisses, das in christsozialen Haushalten gleich neben der Bibel steht. Es sind die Memoiren von Parteipatriarch Franz Josef Strauß. Auf den letzten Seiten nennt er die Namen jener, die ihm einmal nachfolgen sollen in seinen Ämtern. Die Generalsekretäre sieht er dabei als besondere Führungsreserve an - und kurz vor seinem Tod im Jahr 1988 hat er noch Erwin Huber als Parteimanager eingesetzt. Genau das erwähnt Huber heute auf dem Parteitag auch das ein oder andere Mal.

Aus ärmlichen Verhältnisse nach ganz oben

Erwin Huber ist ein Aufsteiger. Der 1946 Geborene wuchs auf einem niederbayerischen Einsiedlerhof auf: Mit zwei Geschwistern, als jüngster, unehelicher Sohn einer Kriegerwitwe.

61 Jahre später steht der Ehemann und Familienvater an der Spitze der bayerischen Staatspartei und regiert per Großer Koalition in Berlin mit. Schon am Montag wird er das erste Mal in neuer Funktion im Kanzleramt auftreten. Das ist eine Aufsteigergeschichte, wie sie für die alte Bundesrepublik typisch ist. Nur: Erwin Huber spricht nicht öffentlich über seine Herkunft aus einfachen, ja ärmlichen Verhältnissen.

Er umschmeichelt nicht die kleinen Leute, die "Leberkäs'-Etage", wie dies Stoiber immer getan hat. Huber (Motto: "Good, better, best, let us never rest, till our good is better and our better best") setzt auf Eigeninitiative: Aus seinem Leben habe er den Schluss gezogen, sagte er jüngst im Interview mit SPIEGEL ONLINE, "dass es zunächst auf die eigenen Anstrengungen ankommt und nicht auf die Forderungen an das Kollektiv". Man müsse natürlich jenen helfen, die ohne Hilfe nicht auskommen: "Aber Vorrang hat für mich die Stärkung und Entfaltung der freien Persönlichkeit", so Huber.

Diese Eigeninitative hat er bewiesen: Nach Volksschule und Realschule machte Huber erst eine Ausbildung beim Finanzamt, schließt als Jahresbester ab, besucht dann das Abendgymnasium und holt das Abitur nach. Voll berufstätig, studiert er danach auch noch Volkswirtschaft. Huber heute: "Ich habe mich selbst hingesetzt und meine Talente zur Entfaltung gebracht – natürlich mit der Hilfe der staatlichen Angebote." Er habe das getan in dem Bewusstsein: "Ich fordere von mir selber etwas."

1978 kam Huber erstmals in den Landtag, zehn Jahre später wurde er CSU-Generalsekretär, bekam in dieser Funktion den Ehrentitel vom "Wadlbeißer" verpasst. Er ging hart und vereinfachend in die Auseinandersetzungen. Ende der Achtziger verfügte die CSU auch noch über klare Feinbilder: "Deutschland braucht Freiheit statt Sozialismus", stand auf den Plakaten der Zeit. Genau dieses Motto will Huber nun reanimieren. Im nächsten Bundestagswahlkampf, so sagte er in seiner Bewerbungsrede auf dem Münchner Parteitag, "Freiheit oder Sozialismus - diese Frage werden wir 2009 stellen".

Stoiber machte Huber 1994 zum Leiter der Staatskanzlei. Zwei Jahre später hatte Huber dann seinen Traumjob: Er wurde Finanzminister. Doch schon 1998 holte ihn Stoiber zurück in die Staatskanzlei, ab 2003 musste Huber, loyaler Diener Stoibers, dessen gewünschte Verwaltungsreform durchdrücken. Das tat Huber dann sehr konsequent, sprach von Fröschen, die man nicht fragen dürfe, wenn ein Teich trocken gelegt werden solle – und büßte viele Sympathien in der Partei ein.

Das gereichte ihm nach der Bundestagswahl 2005 zum Nachteil: Als Stoiber verkündete, als Superminister für Wirtschaft in die Große Koalition eintreten zu wollen, entwickelte sich zwischen Huber und Bayerns Innenminister Günther Beckstein ein Kampf um die Stoiber-Nachfolge im Amt des Ministerpräsidenten. Beckstein war zu Anfang der bei der Landtagsfraktion beliebtere Kandidat, doch Huber kämpfte sich heran. Da aber floh Stoiber aus Berlin und blieb weiter im Bayern-Amt.

Als nun siebter Vorsitzender in der Geschichte der CSU muss der ewige Kronzprinz Huber beweisen, dass er führen kann. Im kommenden Jahr stehen Kommunal- und Landtagswahlen in Bayern an, außerdem muss Huber den bundespolitischen Einfluss der bayerischen Christenunion in der Berliner Koalition wahren. 2009 dann, kündigte er bereits an, will er nach Berlin in eine Unions-geführte Bundesregierung gehen. Er sei bereit, nach der Bundestagswahl in die Bundespolitik zu wechseln, "und zwar ohne Rückfahrtschein". Bis dahin aber, beruhigte er, wolle er noch in der bayerischen Landespolitik aktiv sein.



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