Stoiber über potentielle Nachfolger Zu alt, zu jung, zu unbeliebt

Es kann nur einen geben: Nach Auffassung von Edmund Stoiber sind seine möglichen Nachfolger für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten nur bedingt geeignet. Beckstein, Herrmann oder Huber - alle fallen beim angeschlagenen CSU-Chef durch.


München - Was will Edmund Stoiber? Gestern Abend noch hatte der angeschlagene bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef während der Sitzung des Fraktionsvorstands die Möglichkeit eines Abschieds offen ins Spiel gebracht. Er ließ erstmals seine Bereitschaft zum Rückzug erkennen, wenn die Fraktion das wolle. Er wolle zur Landtagswahl 2008 wieder antreten, aber er müsse nicht, sagte Stoiber. Sein Vorschlag: Ein vorgezogener Parteitag im September soll die endgültige Entscheidung treffen.

Bayerns Ministerpräsident Stoiber: Kritisches Urteil über seine möglichen Nachfolger
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Bayerns Ministerpräsident Stoiber: Kritisches Urteil über seine möglichen Nachfolger

Möglicherweise ist Stoibers Vorstoß allerdings nur der Versuch, auf Zeit zu spielen. Für diese These spricht etwa das Urteil Stoibers über diverse Hoffnungsträger der Partei: In Telefonaten mit mehreren CSU-Vorstandsmitgliedern sowie führenden Vertretern der bayerischen CSU-Landtagsfraktion soll der CSU-Chef in den vergangenen Tagen die Eignung seiner möglichen Nachfolger für das Amt des Ministerpräsidenten in Frage gestellt haben. So sei Günther Beckstein mit seinen 63 Jahren zu alt, soll Stoiber nach Informationen des "Stern" über den bayerischen Innenminister gesagt haben.

Joachim Herrmann, CSU-Fraktionschef im bayerischen Landtag, sei mit seinen 50 Jahren zu jung, um ihn zum jetzigen Zeitpunkt zu beerben, wird Stoiber unter Berufung auf Gesprächsteilnehmer zitiert. Auch Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber kommt nach Auffassung von Stoiber nicht als Nachfolger in Frage: Huber sei bei der CSU-Basis und in der Bevölkerung zu unbeliebt, weil er eine unpopuläre Verwaltungsreform habe durchsetzen müssen.

Beckstein, Huber und Herrmann werden in der aktuellen Debatte um Stoiber als mögliche Nachfolger für das Ministerpräsidentenamt gehandelt. Bundesagrarminister Horst Seehofer gilt als Favorit für die Nachfolge Stoibers als Parteivorsitzender.

Der Druck auf Stoiber, den Weg für einen personellen Neuanfang in der CSU frei zu machen, hält indes weiter an. Die CSU-Landtagsfraktion erwartet nach den Worten Herrmanns noch vor dem im Herbst anstehenden Parteitag eine Entscheidung über die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2008. Eine so aufgeregte Diskussion wie derzeit sei für die CSU nicht noch ein Dreivierteljahr auszuhalten, sagte Herrmann heute in Wildbad Kreuth vor Journalisten. Deshalb müsse nun in einem "überschaubaren Zeitraum" die Kandidatur geklärt werden.

Herrmann ließ anklingen, dass eine Mehrheit der Fraktionsspitze sich einen anderen Spitzenkandidaten als Stoiber wünscht. In den gestrigen Beratungen sei deutlich geworden, dass eine Mehrheit vom amtierenden Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden erwarte, "dass er zum richtigen Zeitpunkt den Weg für eine Erneuerung freimacht". Mit seiner Ankündigung, erneut kandidieren zu wollen, dies aber nicht zu müssen, habe Stoiber für eine Lösung die "Tür einen Spalt breit geöffnet". "Wir müssen jetzt Klarheit schaffen, wohin die Reise geht", sagte Herrmann.

Stoiber will heute nach seinen Gesprächen mit dem Fraktionsvorstand auch mit der vollständigen Landtagsfraktion über die Spitzenkandidatur beraten.

Stoiber unter Druck: Die Spieler in der CSU-Krise Fotostrecke starten: Klicken Sie auf ein Bild (7 Bilder)Mehrere Landtagsabgeordnete forderten inzwischen offen den Rücktritt Stoibers. Nach Angaben des Lindauer Abgeordneten Eberhard Rotter ist auch die Mehrheit der CSU-Fraktionsspitze gegen eine erneute Spitzenkandidatur des Parteichefs. Bei den Krisengesprächen des Fraktionsvorstands mit Stoiber am Montag hätten die meisten geäußert, "dass wir zumindest 2008 eine andere Lösung brauchen", sagte Rotter in Kreuth.

Der Landtagsabgeordnete Sebastian Freiherr von Rotenhan forderte Stoiber mit deutlichen Worten zum Rücktritt auf. Alle Verlautbarungen aus der Partei- und Fraktionsführung seien doch "letztendlich heuchlerisch, denn wir wissen alle ganz genau, dass Edmund Stoiber nicht mehr zu halten ist", sagte von Rotenhan im RBB-Inforadio. Es werde nun allerhöchste Zeit, dass Stoiber nicht nur sage, auf irgendeinem Parteitag wolle er sich dem Votum der Basis stellen, "sondern er soll erklären, dass er zurücktritt." Der Abgeordnete Hermann Imhof sagte im ZDF, Stoiber solle 2008 nicht noch einmal antreten, weil er "vom Rückhalt der Bevölkerung weitestgehend nicht mehr getragen wird".

Die Fürther Landrätin und Stoiber-Kritikerin Gabriele Pauli bedauerte das Zögern Stoibers. Es sei traurig, dass verdiente Politiker nicht erkennen, "wie die Stimmung in der Bevölkerung ist und dann auch rechtzeitig gehen, bevor dann das Ansehen verletzt wird", sagte Pauli im NDR. Das erinnere auch an die Zeit des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU).

In einer Umfrage des ARD-Deutschlandtrends sprachen sich knapp zwei Drittel (64 Prozent) gegen eine weitere Amtszeit Stoibers aus. Die CSU sinkt zudem nach der Infratest-dimap-Umfrage auf 50 Prozent und verliert damit binnen zehn Tagen vier Punkte. Sollte sich Stoiber tatsächlich nicht noch einmal zur Wahl stellen, wäre Beckstein klarer Favorit für die Nachfolge: Von den Befragten, die spontan einen Nachfolger nennen konnten, sprachen sich 47 Prozent für den bayerischen Innenminister aus. Für die Umfrage wurden am Montag tausend Wahlberechtigte in Bayern befragt.

hen/dpa/AFP/AP/ddp

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