Stoibers Abschied Servus mit Spätfolgen

Edmund Stoiber dreht ein letztes Mal auf. Asien-Reise, Zukunftsprogramm, Multimilliarden-Entscheidungen - die Leidtragenden sind seine Nachfolger. Er könnte sie auf Jahre hinaus in seinen Schatten stellen. Mancher spekuliert schon über einen Rückzug vom Rückzug.

Von , München


München - Für Stoibers Ende verwendet Erwin Huber manchmal die Chiffre vom "Sturmdonnerstag". Damals im Januar 2007, nach der CSU-Klausur von Kreuth, kündigte Edmund Stoiber unter dem Druck der CSU-Landtagsfraktion seinen Rückzug an. Und draußen knickte Orkan "Kyrill" die stärksten Bäume um.

Noch-Bayern-Regent Stoiber mit südkoreanischer Ehrendoktorwürde: Rückzug vom Rückzug?
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Noch-Bayern-Regent Stoiber mit südkoreanischer Ehrendoktorwürde: Rückzug vom Rückzug?

Der Sturm verzog sich, Stoiber blieb. Denn sein Rückzug ist ein langfristig angelegter. Eine politische Schwangerschaft. Neun Monate hat sich Stoiber vom Januar an gesetzt. Am 28. September soll auf dem CSU-Parteitag in München entweder Erwin Huber oder Verbraucherminister Horst Seehofer zum neuen Parteichef gewählt werden. Kurz darauf dann darf Günther Beckstein den Job des Ministerpräsidenten von Stoiber übernehmen.

So ist es geplant.

Doch während bei der weiblichen Schwangerschaft die Übelkeit während des dritten Monats verschwindet, sind bei den Christsozialen zwischen März und April nun Komplikationen aufgetreten.

Stoiber gibt noch einmal den Politiker auf Weltniveau

Von Stoibers Rückzug vom Rückzug ist die Rede. Weil er in Kürze das Milliarden-Zukunftsprogramm "Bayern 2020" präsentieren wird, das - einmal beschlossen - seinen Nachfolgern im Freistaat auf Jahre hinaus die Linie vorgeben wird. Weil Stoiber auf seiner elftätigen Reise quer durch Asien (Südkorea, Vietnam, Singapur, Indien) vor Ostern den Politiker auf Weltniveau gegeben hat. Weil er überall betont, er sei fit und fühle sich gut. Weil sich einige der Januar-Kritiker in der Fraktion fragen, warum sie ihn eigentlich gestürzt haben, den Ministerpräsidenten mit der Zwei-Drittel-Mehrheit. Und, ja, auch weil die einst stärkste Stoiber-Kritikerin sich aktuell mehr mit der Ästhetik von Latex-Handschuhen in Magazin-Bilderstrecken beschäftigt.

Die massive Kritik aus den eigenen Reihen ist für Stoiber passé. Er tritt ja eh zurück. Im September. Oder nicht? An diesem Dienstag stellt Stoiber in der "Welt" zu seinem Rückzug klar: "An meiner Entscheidung wird nicht mehr gerüttelt." Für seine potentiellen Nachfolger hat er überdies einen Tipp: "Die sollen aufhören, sich an mir zu reiben!"

Beckstein hatte zuvor öffentlich gemutmaßt, dass sein Noch-Chef den angekündigten Rücktritt bereits bereue. Huber meinte derweil, Stoiber mache keine halben Sachen - und erinnerte mit feiner Ironie an jenen Stoiber-Ausspruch von den halben Sachen, den er in Bezug auf eine weitere Amtszeit bis 2013 in Kreuth getätigt hatte.

Stoiber-Nachfolger Stoiber?

Die Spekulationen über einen Stoiber-Nachfolger Stoiber sind wohl tatsächlich Unsinn. In einer aktuellen "Infratest dimap"-Umfrage halten 72 Prozent der Bayern Stoibers Entschluss zum Rücktritt nach wie vor für richtig. Und einen zweiten Rückzieher nach seiner Flucht vom Berliner Ministeramt im November 2005 würde Stoiber machtpolitisch keinesfalls überstehen.

Trotzdem mag ihn der Wirbel um seine Person heimlich freuen. Die "FAZ" meint, Stoiber stempele seine Nachfolger durch politischen Aktivismus zu Lame Ducks. "Bild" lästert über Beckstein: "Nur zwei Jahre jünger, kleiner, schwerhörig." Und Erwin Huber muss sich seines Kontrahenten Seehofer im Kampf um den Parteivorsitz erwehren.

Stoiber scheint in Vorhand. Günther Beckstein muss ja bis in den Oktober hinein betonen, dass er nur der Innenminister ist - "zu 100 Prozent", sagt er. Sonst würde er dem Votum der Fraktion vorgreifen. Damit hat er schlechte Erfahrungen gemacht: 2002 fühlte er sich schon als Bundesinnenminister - dann verlor Unionskanzlerkandidat Stoiber den Endspurt im Wahlkampf. 2005 sah sich Beckstein als Ministerpräsident - da kehrte Stoiber aus Berlin zurück.

"Ein Kaliber sondergleichen, der Edmund"

Trotzdem: Während Beckstein Urlaub macht in Griechenland, geben sich seine Anhänger im Freistaat gelassen. Stoiber stelle zwar das Zukunftsprogramm vor, vollzogen aber werde es erst nach dem September. Dann werde ein Ministerpräsident Beckstein gewiss eigene Akzente setzen, sagt einer. Ein anderer: Neben der ihm angestammten Innen- und Sicherheitspolitik nehme Beckstein - mehr noch denn bisher als stellvertretender Ministerpräsident - so einiges aus anderen Bereichen auf: "Er liest derzeit viel."

Beckstein fährt eine Strategie der Zurückhaltung. Stoiber darf nochmal auftrumpfen. Diese Arbeitsteilung begrüßen auch die Stoiber-Anhänger: "Ein Kaliber sondergleichen, der Edmund." Aber die Rückzug-vom-Rückzug-Geschichte, das sei nun wirklich "reine Spekulation". Man solle doch "lieber froh sein, dass er bis zuletzt ranklotzt wie ein Berserker". Natürlich würden es die Nachfolger "schwer haben". Na und? Man habe auch gedacht, Angela Merkel habe es in der Union als Nachfolgerin von Kanzler Kohl schwer. Und jetzt laufe das sehr gut.

Und Stoiber? "Er wird sicher in einer Form mitsprechen, vielleicht als Ehrenvorsitzender", sagt der Stoiber-Anhänger, ein CSU-Präside. Und Comedian Rick Kavanian hat da in der Onlineausgabe von "Vanity Fair" noch eine andere Idee: Stoiber solle Fußball-Kommentator beim ZDF werden. Oder "Wetten, dass..." moderieren.



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