Stoibers Aschermittwoch-Abschied "Danke für die geile Zeit, Edi!"

Edmund-Stoiber-Show in Passau: Die CSU feiert den letzten Politischen Aschermittwoch mit ihrem Noch-Vorsitzenden. Er zelebrierte den Anfang vom Abschied mit einer Generalabrechnung - von RAF bis Atomausstieg, von Künast bis Gesundheitsreform.

Passau/Hamburg - Rosamunde Pilcher würde das nicht besser hinkriegen. Das Paar ist in warmes Licht getaucht, es läuft süßliche Musik, die irgendwie das Herz erweichen soll, beide winken in die Ferne. Sie lächeln versonnen, und manchmal legt die Frau ihren Kopf auf die Schulter des Mannes. Was für ein Glück! Was für ein Paar! Bald werden sie mehr Zeit miteinander verbringen. Dann flattert da noch diese weiß-blaue Fahne. Willkommen in Bayern, willkommen in Passau beim 55. Politischen Aschermittwoch der CSU. Stoibers letzter als CSU-Chef.

Als der kurze Film über Edmund Stoiber und seine Frau Karin auf dem großen Bildschirm in der Passauer Dreiländerhalle ausgeblendet wird, steigt der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident auf die Bühne des mit rund 6000 Zuschauern gefüllten Saales. "Der größte Aschermittwoch dieses Jahrzehnts", hatte Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber kurz zuvor stolz ins Mikrofon gehämmert. Viele Gäste seien "nur wegen eines Mannes gekommen".

Das sieht man schon an den Plakaten: "Vielen Dank, Edmund Stoiber", "Edmund, halt durch, Bayern braucht dich", "Danke für die geile Zeit, Edi". Dutzendfach sind sie zu sehen. Es ist Stoiber-Tag. Stoiber-wir-lieben-dich-und-sind-jetzt-schon-traurig-Tag. Im September scheidet er aus seinen Ämtern, und vielleicht wirkt er deshalb jetzt so gelöst. Ausführlich schüttelt er Hände von Parteifreunden und winkt und winkt, lächelt und lächelt.

"Edmund, Edmund", rufen die Leute. Man erwarte eine "emotionale Rede" von Stoiber, sagt der n-tv-Reporter, als Stoiber sich seinen Weg zum Rednerpult bahnt. Dabei seien Gefühle bisher ja nicht die Sache des CSU-Chefs gewesen. Man dürfe gespannt sein.

Aber Stoiber ist dann auch an diesem Mittwoch Stoiber und nicht Pilcher. Natürlich streichelt und feiert er seine eigene Partei und sein Bundesland. Die CSU sei "singulär": 57 Jahre habe sie in Bayern regiert und mitregiert, die vergangenen vier Jahrzehnte mit absoluter Mehrheit, das habe diesem "wunderbaren Land" gut getan.

Trotzdem ist es erstaunlich, wie Stoiber danach seinen Auftritt, von dem die Besucher krachlederne Politsalven und schmissige Formeln erwarten, zu einem Referat aufbaut. Wird es ein politisches Vermächtnis? Er lässt fast nichts aus:

  • die Debatte über die Freilassung der früheren RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt ("ich verstehe die vorzeitige Freilassung nicht", "ich fordere öffentlich-rechtliche Sender auf, keine Bühne für die Lebensgeschichte der Terroristen zu bieten", die CSU werde "den Terroristen-Verstehern und anderen Wirrköpfen wie Herrn Ströbele niemals nachgeben"),
  • den Atomausstieg ("absoluter Schmarrn", die sichersten Kraftwerke der Welt dicht zu machen),
  • den Beitritt der Türkei zur EU ("Die Türkei ist und bleibt Partner, aber sie ist für uns nicht Europa"),
  • die Globalisierung ("von den Chinesen nicht die Butter vom Brot nehmen lassen"),
  • den Klimawandel ("vielleicht kein Thema für den politischen Aschermittwoch", aber wichtig, "wir müssen darauf Antworten geben"),
  • die Gesundheitsreform (er habe "stundenlang mit der CDU" um einen Bayern-Bonus gerungen"),
  • sich selbst ("Ich bin gern Dr. No, wenn ich Steuern verhindern kann"),
  • Russland ("deutsche Politik muss immer auch darauf gerichtet sein, ein vernünftiges Verhältnis zu Russland zu behalten"),
  • Franz-Josef Straußs Treffen mit Leonid Breschnew und den Mauerfall,
  • PC-Killerspiele ("Dreckszeug hat in Kinderzimmern nichts verloren"),
  • den Wahlkampf in Frankreich,
  • Ehe und Familie (konservative Werte verteidigen),
  • kriminelle islamische Mitbürger ("bei uns gilt das Grundgesetz und nicht die Scharia")
  • und Grünen-Politikerin Claudia Roth ("die grüne Nervensäge", "hat nicht mehr alle Nadeln an der grünen Tanne").

Stoibers Rede ist in weiten Teilen ein technokratischer Abriss. Sie schleppt sich. Nur wenn er das Bild vom modernen und erfolgreichen Bayern zeichnet oder sich an Gegnern abarbeitet, prasselt ihm Beifall entgegen. Mal weniger, mal mehr, manchmal auch tosend. Die SPD halte ihren Politischen Aschermittwoch im Vilshofener "Wolferstetter Keller" ab, sagt er. Der sei für die CSU bereits vor 32 Jahren zu klein gewesen. Aber Sozialdemokraten stünden eben in Bayern unter Minderheitenschutz.

Wenig Worte über Seehofer - viel Lob für Huber

Vor allem die Grünen-Politikerin und frühere Verbraucherschutzministerin Renate Künast, die kürzlich zum Kauf spritsparender Hybrid-Autos von Toyota aufgerufen hatte, ist Stoibers Zielscheibe: "Spinnt die jetzt komplett?" Man sei von Künast einiges gewohnt, aber der "Boykottaufruf gegen deutsche Autos" sei der "letzte Schwachsinn einer grünen Ideologie", sagt Stoiber unter dem Applaus der Besucher.

Einen Namen nennt Stoiber in Passau nur am Rand, obwohl er doch in den vergangenen Wochen Schlagzeilen macht: Horst Seehofer. Der Bundeslandwirtschaftsminister, der sich mit Erwin Huber einen Wettstreit um den Posten des CSU-Chefs leistet, ist im Unterschied zu Huber auch nicht in der Halle. Dafür lobt Stoiber immer wieder den "Erwin": Huber habe bei ihm Erfahrungen gesammelt, "die du morgen und übermorgen brauchen wirst".

Stoiber erzählt noch eine Anekdote von seinem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Der habe von ihm wissen wollen, warum sich Stoiber von seinen Ämtern zurückziehe. Im Kreml habe ihm das niemand sagen können.

Putin verstand gar nicht, warum Stoiber aufgab

Er schaue eben nicht zurück, habe er Putin entgegnet. "Ich blicke nur nach vorn." Es gehe nicht um Personen und Ämter, es gehe nur um Bayern und die Partei.

Den wochenlangen Kampf um sein politisches Überleben - darüber verliert Stoiber heute kein Wort. Es geht ihm blendend, das soll die Botschaft sein: "Edmund Stoiber ist 65, aber fit und munter", ruft er in die Halle. Dann wieder CSU, CSU, CSU. Er wolle ihr auch in Zukunft zur Seite stehen, sagt er.

Zum Abschluss gibt es noch ein bisschen Pilcher: Sie sei oft allein mit den Kindern gewesen, sagt Stoiber an seine Frau Karin gewandt. Sie habe aber auch dazu beigetragen, dass Bayern eine gute Figur abgegeben habe. Auf seinem Schreibtisch stünden Bilder von Kinder und Enkelkindern. Es sei ein Zeichen dafür, dass es immer auch um die Zukunft seiner Heimat Bayern gehe. "Dafür werde ich mich immer einbringen", sagt er.

2 Stunden 45 Minuten dauert der Auftritt. Am Ende feiert die CSU Stoiber ein letztes Mal auf der Aschermittwochs-Bühne.

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