Stoibers Aschermittwoch Ein Kandidat sucht die Mitte

Polemik gegen Rot-Grün und Rot-Rot, Lobpreisung von Familie und Vaterland – mit seiner Rolle als Mann der Mitte tat sich Edmund Stoiber am Aschermittwoch in Passau schwer.

Aus Passau berichtet


Stoiber in Passau: "Der muss so reden"
AP

Stoiber in Passau: "Der muss so reden"

Passau - Um 10.09 hält es Willi Fischer nicht mehr auf seinem Stuhl. Auf der Großleinwand in der Nibelungenhalle erscheint endlich Edmund Stoiber. Der Kanzlerkandidat ist nur für Augenblicke zu erkennen, so eng ist der Kordon der Kameramänner. Fahnen werden geschwungen, Schwarz-rot-gold und blau-weiß, Transparente hochgehalten.

Willi Fischer jubelt, er klatscht, er hält sein Plakat hoch, auf dem steht: "Nur die CSU kann Deutschland retten." Derweil bahnt sich der Retter den Weg zum Podium, hinter dem eine riesige Videoleinwand den Einzug überträgt. Plötzlich ist Edmund Stoiber wirklich zu sehen. Er winkt und winkt, greift nach Händen und Willi Fischer ruft "Edmund, Edmund" wie die 10.000 Gäste in und vor der Halle, wo das Spektakel auch für die zu spät Gekommenen auf einer weiteren Großbildleinwand zu verfolgen ist.

Seit fünf Uhr früh ist Fischer nun auf den Beinen. "Ich bin ein alter Hase", sagt der 49-Jährige. Dabei ist der Kfz-Mechaniker gar kein Bayer, sondern Baden-Württemberger, stellvertretender CDU-Ortsvorsitzender in Schönbrunn im Rhein-Neckar-Kreis. Aber Passau, das lässt sich der Mann, dessen bayerische Trachtenmütze mit einem schwarz-rot-gelben Stirnband geschmückt ist, seit 17 Jahren nicht entgehen: "Passau, das gibt es nur in Passau, das kann man nicht nachmachen." Noch heute schwärmt Fischer von Franz Josef Strauß, der den Saal mit seinen Attacken auf den politischen Gegner zum Kochen brachte. "Das war unschlagbar".

Aber Fischer kennt auch die Jahre danach. Die waren nicht so gut. Daran mag der Mann gar nicht gern erinnert werden. Da habe man "ein wenig durchgehangen." Jetzt aber ist Edmund Stoiber da. Zum Glück, meint Fischer: "Der Stoiber, der muss so reden, wie er ist", sagt Fischer. "Der darf sich nicht verstellen, sonst geht es halt daneben wie bei der Sabine Christiansen."

Da jubeln die Anhänger

An diesem Mittwoch wird Stoiber nicht stammeln wie in der Show der ARD-Moderatorin. Diesmal liest er seine Rede weitgehend vom Blatt ab, leistet sich nur ab und zu einen Ausflug ins Ungewisse. Und bleibt auf sicherem Grund. "Er sieht doch aus wie ein richtiger Kanzler", sagt Fischer und blickt nach oben, wo Stoiber gerade seine Uhr vom rechten Armgelenk gestreift und neben das Pult gelegt hat.

Schröder habe keine Vision von Deutschland, ihm gehe es um die Macht, ruft der Kandidat: "Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum, Schlusslicht bei der Schaffung von Arbeitsplätzen", aber "Spitze bei der Neuverschuldung, Spitze bei den Pleiten". Da jubeln die Anhänger, denn zum Jubeln sind sie gekommen.

Stoiber beim Aschermittwoch: Nicht wie Franz Josef Strauß
AP

Stoiber beim Aschermittwoch: Nicht wie Franz Josef Strauß

Stoiber will nicht verlieren wie der CSU-Kandidat Franz Josef Strauß 1980 und darum die Mitte erobern. Oder, wie es der Leiter der bayerischen Staatskanzlei, Erwin Huber, in seiner Vorrede erklärt hat: "Hier sind keine Radikalen, Sektierer oder Spalter, hier ist die wahre Mitte des Volkes." Und so meidet der Kandidat Spitzen, die ihn als Karikatur eines Konservativen erscheinen lassen. Fast. Denn es gibt Worte, die dürfen auf einem Aschermittwoch nicht fehlen. "Vaterland" zum Beispiel und "Heimat". Dem Vaterland wolle er mit all seiner Kraft dienen, verspricht Stoiber denn auch und der Saal tobt. Willi Fischers Stimmung macht noch einen kleinen Sprung.

So gelingt es Stoiber dann doch nicht ganz, den Mann der Mitte zu spielen. Immer wieder blitzen die konservativen Versatzstücke durch. Als der Christsoziale über die Familie spricht, da erklimmt er nicht nur den rhetorischen Höhepunkt seiner Rede, da schimmert eben auch sein Weltbild durch: Er wolle zwar niemanden vorschreiben, wie er zu leben habe, sagt er und die Menge schweigt, als wolle Stoiber reden wie Angela Merkel. Aber dann fügt er hinzu, er sei "stolz darauf, 34 Jahre mit derselben Frau verheiratet zu sein." Sofort brüllt der Saal auf, als habe da einer endlich einmal eine befreiende Wahrheit ausgesprochen.

So bietet der Möchtegern-Kanzler dem Publikum jene Reizworte, nach dem es giert. Aber deutlich ist auch zu spüren: Wähler, die nicht nach Passau fahren, die muss er erst noch gewinnen. Sicher, die Union liegt vor der SPD, wie die jüngsten Umfragen belegen. Doch Stoiber weiß: Die Rede in Passau ist ein Ritual, das ist das Heimspiel. Und so lenkt er während seiner Rede den Blick immer wieder in den Norden und den Nordosten. Rot-Rot in Berlin, das dürfe kein Modell für Deutschland sein", lautet die Drohformel, die die Unionsanhänger mobilisieren soll. Schon einmal hätte die Vorgängerpartei der PDS, die SED, in Deutschland "einen Staat ruiniert", warnt Stoiber mit bebender Stimme. Besser hätte es Franz Josef Strauß auch nicht sagen können.

Rot-roter Senat in Berlin: "Kein Modell für Deutschland"
AP

Rot-roter Senat in Berlin: "Kein Modell für Deutschland"

Doch kaum hat er die SPD/PDS-Koalition in Berlin gegeißelt, da gibt sich Stoiber wieder ganz sanft und erzählt von seiner Reise nach Brandenburg, von den Menschen dort, die Lohnverzicht üben, um ihre Arbeit nicht zu verlieren. Und nun gibt sich der Kandidat ganz versöhnlich: Er kritisiere niemanden, der die PDS gewählt habe, ja, er wolle jeden ihrer Wähler gewinnen.

Auch Willi Fischer klatscht. Denn die Koalition mit der PDS, das "ist eine Sache, die versteht bei uns niemand." Doch je länger Stoiber redet, umso mehr fällt er in alte Muster zurück, wird zuweilen staubtrocken, verliert den Rhythmus und dabei die Aufmerksamkeit von Menschen wie Willi Fischer. Als Stoiber über die Steuerreform, über die Finanzlage der Bundeswehr spricht, beginnt Willi Fischer mit seinen Mitfahrern zu reden.

Das Publikum ist aber in die Nibelungenhalle gekommen, um unterhalten zu werden. Sie wollen Sätze hören wie diese: Dass die Grünen im Freistaat die Kreuze in den Schulen abhängen und islamische Feiertage gesetzlich einführen wollen. Da vibriert die Stimme des Kanzlerkandidaten. Pfui-Rufe erfüllen den Saal. Mal ein wenig Polemik im Stile von Franz Josef Strauß, dann wieder besonnnen und im Tone eines Politmanagers, das ist der Stoiber 2002 in der Passauer Nibelungenhalle. Zuwanderung? Er sagt nicht: Wir brauchen Zuwanderung. Aber Stoiber sagt auch nicht das Gegenteil: Stattdessen ruft er: "Zuwanderung muss sich an der Integrationsfähigkeit der Gesellschaft orientieren." Das hätte auch von Gerhard Schröder kommen können. So soll er wohl aussehen, der Wahlkampf um die Mitte.

Am Ende seiner mehr als zweistündigen Rede hat Stoiber den Saal wieder hinter sich. Als er auf die 4,2 Millionen Arbeitslosen zu sprechen kommt, Schröder einen Showmaster von Pleiten, Pech und Pannen nennt, da lebt auch Willi Fischer wieder auf. "Zum Schluss hat er es zum Glück rausgerissen", sagt der Christdemokrat aus Schönbrunn und glaubt nun wieder, die Reise habe sich gelohnt. Als der Kanzlerkandidat seine Frau zu sich bittet, stimmt er mit in den Chor ein: Berlin, Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Denn dahin, sagt er, "dahin geht dann meine nächste Reise."



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.