Stoibers Geburtags-Sause Schwamm drüber, Edmund

Merkel, Barroso, Hoeneß: Alle kamen, um in München Edmund Stoibers 70. Geburtstag zu feiern. Schmachvoller Rücktritt? Machtkämpfe? I wo! Vergeben und vergessen waren die alten Zeiten. Nur zum Schluss erschreckte der CSU-Mann die Gratulanten mit einer Ankündigung.

dapd

Von , München


Tumult im Theatergarten. "Haltet die Fotografen auf", brüllt ein beflissener Herr im Anzug verzweifelt in die Menge. Unauffällige Herren sprechen aufgeregt in ihre Mikrofone im Jackenärmel, trampeln durch die Rabatten. Zu retten ist - nichts. Die Meute rennt durch den Garten des feinen Münchner Prinzregententheaters, um IHN abzulichten im Kreise seiner Wolfratshausener Gebirgsschützenkompanie: Edmund Stoiber, Ministerpräsident a.D., seit Mittwoch 70 Jahre alt.

Stoiber ist wieder da. Als sei nichts gewesen. Die gleichen huldvollen Gesten, der merkwürdig hölzerne Gang. Nur fröhlicher als früher, aufgeräumt. Der Jubilar ist guter Dinge. Dankbar schaue er zurück, versichert er den staunenden Journalisten. Spricht von Deutschland, "meinem Vaterland". Von Europa und der Welt. Die Kanzlerin ist da, der Außenminister, der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, und der ungarische Regierungschef Viktor Orbán.

Alles wie früher, nur mit dem kleinen Unterschied, dass Stoiber heute Ehrenleutnant der Gebirgsschützen, Ehrenbürger von Forte dei Marmi in der Toskana und bis 2012 ehrenamtlicher EU-Bürokratie-Abbauer ist. Ein Politrentner in Wolfratshausen, dem die bayerische Wirtschaft noch einmal eine rauschende Geburtstagsparty organisiert, weil die eigene CSU sich offenbar nicht traute.

Launig geht es zu. Vergessen sind die Schlachten von einst. "Ach Karin", säuselt die Kanzlerin zu Stoibers Frau, "ich gratuliere Dir zu Deinem Mann". Bevor die überhaupt was sagen kann, zischt Stoiber schon in bester Loriot-Manier ein knappes "ach ja". Sie waren ja schon immer ein Herz und eine Seele, Angela Merkel und Stoiber. 2004 hatte der Bayer Merkel und Westerwelle - die ostdeutsche Protestantin und den Junggesellen aus Bonn - zu Leichtmatrosen erklärt.

Vergessen, vorbei. Westerwelle spricht tapfer in jede Kamera, Stoiber habe sich um ganz Deutschland verdient gemacht, und man verstehe sich "persönlich sehr gut". Merkel kann es sich freilich nicht verkneifen, die Matrosen-Nummer zu erwähnen, als sie auf einer kleinen Holzkiste am Rednerpult steht. Heute sei sie schließlich als Kanzlerin hier: "Das kann also daraus werden."

Seehofer: "Bayern ist stolz auf Dich"

Das Große Haus im Prinzregententheater ist brechend voll. 1029 Menschen passen in den Saal. In der 6. Reihe sitzt zwischen Jugendstil und Klassizismus andächtig Peter Gauweiler. 1994 hat ihn das "blonde Fallbeil", wie Stoiber in Bayern gern genannt wurde, aus der Regierung gejagt. Nie wieder wurde er berufen.

Jetzt singt Gauweiler das Geburtstagsständchen mit. Horst Seehofer, mit Stoiber politisch nicht unbedingt freundschaftlich verbunden, verkündet auf großer Bühne: "Bayern ist stolz auf Dich". Das scheint die Barmherzigkeit der Bayern zu sein, auf die sich der amtierende Ministerpräsident und Stoiber-Nachfolger so gerne beruft.

Auf den Theaterbrettern tummelt sich Leslie Mandoki, jener chronisch langhaarige Ungar, der den Deutschen vor allem aus der schrägen Spaß-Combo "Dschinghis Khan" in Erinnerung blieb. Mandoki ist bekennender Stoiber-Fan, hat schon auf der Hochzeit des Sohnes gespielt. Chris Thompson ist da, Stimme der Manfred-Mann's-Earth-Band, Nick van Eede, Sänger von Cutting Crew. "Mighty Quinn" und "Died In Your Arms" - die Musik will nur schwer zum bekennenden Aktenfresser Stoiber passen, dem der Chef der bayerischen Wirtschaft, Randolf Rodenstock, zuruft: "Ab 70 darf ein wenig Lebensfreude hinzukommen."

Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, ist es vorbehalten, die weitgehend unbekannte Seite des Jubilars zu enthüllen: die des enthemmten, ungestümen Stoibers. Auf der Tribüne seien seine Ausbrüche gefürchtet. Mal wolle er alle Spieler rausschmeißen, mal alle Verträge sofort verlängern. Seit Stoiber im Aufsichtsrat der Bayern sitze, sei da "deutlich mehr los". Plötzlich solle dort über die Taktik des Trainers geredet werden, manchmal sogar in der Öffentlichkeit. Er habe dann klargestellt, so Hoeneß, dass über Fußball öffentlich nur zu reden habe, wer mindestens 35 Länderspiele absolviert habe. So wie er.

In Brüssel haben sie Stoiber nicht zum Verstummen gebracht. Manchen habe "schon der Angstschweiß auf der Stirn gestanden", erinnert sich Barroso an jene Zeit, als der Bayer zum Bürokratie-Abbau zur EU kam. Doch, "der liebe Edmund", der den Portugiesen konsequent als "lieber Chaussee" anredet, habe sich um wahren Europäer entwickelt.

Es wird gelobt, es wird gepreist, es wird gesungen. Nina Ruge säuselt das Publikum durch die Nacht. Der Jubilar, 2007 von den eigenen Leuten in Schimpf und Schande vom Hof gejagt, zeigt sich "überwältigt und menschlich bewegt". Dankt Franz Josef Strauß und dem "lieben Chaussee". Seiner Frau und seinen Kindern. Gern hätte man noch einmal ein paar typische Stoiber-Sätze gehört. Etwa: "Ich mache nicht nur leere Versprechungen, ich halte mich auch daran." Oder: "Ich will noch kein Glas Champagner öffnen." Vielleicht auch: "Der Vater des Wunsches ist hier der Gedankengang."

Doch an diesem Tag geht alles glatt, kein Problembär weit und breit. Die Kanzlerin wünscht dem Jubilär, er möge unbequem bleiben: "Geh uns auf die Nerven, so bist Du am besten."

Stoiber sagt: "Ja gut. Ich habe noch einiges vor."

In dem Moment zucken die Herren der CSU doch ein wenig zusammen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Große Haus im Prinzregententheater sei 1901 von Richard Wagner eröffnet worden. Wagner starb jedoch schon 1883. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
tanni95, 29.09.2011
1. Das...
...Prinzregententheater wurde 1901 sicherlich nicht von "Wagner selbst eröffnet". Der war 1901 nämlich schon lange tot.
pudel_ohne_mütze 29.09.2011
2. Ach wie nett und possierlich.
Zitat von sysopMerkel, Barroso, Hoeneß: Alle kamen, um in München Edmund Stoibers 70. Geburtstag zu feiern. Schmachvoller Rücktritt? Machtkämpfe? I wo! Vergeben und vergessen*waren die alten Zeiten. Nur zum Schluss erschreckte der CSU-Mann die Gratulanten mit einer Ankündigung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788860,00.html
In Perfektion wird hier die vornehmste Eigenschaft eins Politikers vorgeführt: komplette Verdrängung der Realität und Charakterlosigkeit. Aber so müssen Politiker nunmal offenbar sein: Wirbel(rückgrat)lose Wesen.
jot-we, 29.09.2011
3. °°
Prächtiger Artikel - oder auf neubayrisch: "made my day!"
pudel_ohne_mütze 29.09.2011
4. Ist doch schnurzpiepe.
Zitat von tanni95...Prinzregententheater wurde 1901 sicherlich nicht von "Wagner selbst eröffnet". Der war 1901 nämlich schon lange tot.
Hauptsache die Politprominenz feiert sich selbst. Das Lametta fahlt noch. Wann gibt es eigentlich endlich den Polit-Bambi ?
pudel_ohne_mütze 29.09.2011
5. Da war doch noch was?!
Zitat von pudel_ohne_mützeHauptsache die Politprominenz feiert sich selbst. Das Lametta fahlt noch. Wann gibt es eigentlich endlich den Polit-Bambi ?
Ach ja: Wer zahlt eigentlich den Bundesheli von IM Erika ? Wer zahlt den ganzen Sicherheitklimbim ? Wer zahlt dem Flachschwätzer Baroso seine An - und Abreise ? Klar, wir Steuerzahler. Wer sonst schon.
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