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29. September 2007, 15:31 Uhr

Stoibers Vermächtnis

"Haltet mir die CSU zusammen"

Von , München

In seiner letzten Rede als CSU-Chef hat Edmund Stoiber seine Nachfolger aufgefordert, den sozialen Anspruch nicht zu vergessen. Der neue Ehrenvorsitzende entschuldigte sich bei früheren Weggefährten für persönliche Verletzungen und lobte die Delegierten, sich für Huber als seinen Nachfolger entschieden zu haben.

München – Am Ende legt Edmund Stoiber ein Bekenntnis ab, wie man es eigentlich aus den Mittagsshows der privaten Fernsehsender kennt. "Du wirst immer meine First Lady sein", ruft er. Auf den beiden, ovalen Bildschirmen rechts und links der Bühnenfront taucht das Gesicht von Karin Stoiber auf. Sie lächelt, wendet sich zu ihren Nachbarn. Stoiber hat den Satz schon einmal gesagt - kürzlich in einem Interview mit der "Bild". Hier, vor den Delegierten des CSU-Parteitags, wirkt er noch pathetischer. Aber den Delegierten scheint es zu gefallen. Sie klatschen lange und laut. Nach der Wahl von Erwin Huber zum neuen Parteichef wird Stoiber zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Einstimmig.

Stoiber: Ein wenig "human touch"
DPA

Stoiber: Ein wenig "human touch"

Kaum ist Huber neuer Vorsitzender, da geht Stoiber noch einmal aufs Podium. Bedankt sich und sagt verschmitzt lächelnd, die Partei habe "kollektive Vernunft" bewiesen.

Gut zwei Stunden davor hat er seine letzte Rede als Parteichef gehalten. Vierzehn Jahre stand er der CSU vor. Am Ende wird Stoiber sehr persönlich. Er zitiert aus einem Interview mit einer seiner Töchter, die auf die Frage, ob sie nicht auch in die Politik gehen wolle, antwortete, das glaube sie nicht. Da müsse man "zu viel aufgeben". Die erwähnt hatte, wie sehr sie als Kind andere Kinder bewunderte, deren Väter bei Tageslicht gingen und bei Tageslicht nach Hause kamen. Er wisse, sagt Stoiber, er könne "niemals zurückgeben", was ihm seine Familie gegeben habe. So viel Persönliches von ihrem scheidenden Chef kommt gut an in der Messehalle von München.

Stoibers letzter Auftritt als CSU-Chef ist eine Mischung aus allem: Ein wenig "human touch", ein wenig Mahnung und Warnung, eine Geschichtsdeutung ganz eigener Art und ein sehr selbstbewusster Abschied. Fast 29 Jahre stand Stoiber in bayerischen Spitzenämtern von Staat und Partei, als Generalsekretär, Staatssekretär, Ministerpräsident und Parteichef. Manche politischen Freundschaften sind zerbrochen in dieser Zeit. Auch das erwähnt Stoiber und nennt drei Namen, die unter seiner Führung ihre Ämter verloren: Ex-Justizminister Alfred Sauter, Ex-Sozialministerin Barbara Stamm und Ex-Umweltminister Peter Gauweiler. Für die Verletzungen, die damals entstanden seien, könne er "nur um Nachsicht bitten". Er habe bei seinen Entscheidungen damals aber immer das "Ganze" im Auge gehabt. Das ist Stoibers eigentliches Vermächtnis: seine CSU, "meine Firma", wie er sie nennt.

In München erwähnt er so oft wie seit langem nicht mehr seinen politischen Ziehvater Franz Josef Strauß. Es wird ein wehmütiger Rückblick. Die Aufgabe seiner Generation sei es gewesen, "die Generation von Strauß in die Gegenwart zu führen". Das ist Stoiber wahrlich gelungen. Bei der letzten Landtagswahl hat die CSU knapp über 60 Prozent erzielt und damit die absolute Mehrheit erreicht. Das sollen seine Nachfolger halten. Es ist Stoibers größte Sorge, die CSU unter seinen Nachfolgern im Amte des Ministerpräsidenten und an der Parteispitze könnte sich zerstreiten und sein Erbe beschädigen. Es sei ihre Aufgabe, "die Dinge zusammen zu halten", mahnt er sie. Und weil die Formel so schön einprägsam ist, sagt er es noch deutlicher: "Vor allem - haltet mir die CSU zusammen!".

Stoibers Ängste kreisen schon seit längerem um die Zukunft der Volkspartei. Gestern hatte er erneut die CSU daran erinnert, den "kleinen Mann" nicht zu vergessen. Eine Umfrage hatte die CSU-Leitung alarmiert: Die Zustimmung bei den Besserverdienenden nimmt kontinuierlich ab. Bereits ab einem Einkommen von 3500 Euro votieren nur noch 38 Prozent für die CSU. Das sind Alarmzeichen, die Stoiber und seine Mannschaft umtreiben. In der Partei müssten der "Chefarzt und der Krankenpfleger" ihren Platz haben, sagte er am Samstag.

Der Exkurs zu Strauß, zur Rolle der Volkspartei und in die Geschichte dient dem scheidenden CSU-Chef auch dazu, das Gewicht im Bund herauszustreichen. Stoiber hat die Große Koalition auf Trab gehalten. Genüsslich erzählt er, wie sich manche aufregten, dass sie die Verhandlungen wegen landwirtschaftlicher Fragen aufhielten. Aber ein Drittel der Bauern lebten in Bayern, diese Gruppe dürfe man nicht vernachlässigen.

Schon Strauß habe mit seiner Hartnäckigkeit manche in der damaligen schwarz-gelben Koalition zum Augenrollen gebracht habe - etwa beim Bau des Main-Donau-Kanals. "Da musste man auch ein Stück weit nervig sein", sagt er. Und jeder weiß, wer gemeint ist und was auch Stoiber von seinen Nachfolgern erwartet: In Berlin weiter eine kräftige, wenn notwendig kratzige Solostimme zu spielen. In den fast 61 Jahren ihres Bestehens sei die CSU "nie ein bequemer Partner", immer ein "eigenwilliger Kopf" gewesen.

Stoiber nutzt seinen Abschied auch, um die Eigenständigkeit in der Union herauszustreichen. Vor den anwesenden CDU-Spitzenpolitikern Ronald Pofalla und Volker Kauder erinnert er an die Spendenaffäre der Schwesterpartei. Da sei 1999 die CSU ein "Stabilitätsfaktor in der Union" gewesen. Niemals habe es ein "böses Wort" an die Adresse der CDU damals gegeben.

Stoiber hat, gerade als Generalsekretär unter Strauß, so manchen harten Konflikt mit Helmut Kohl ausgetragen. Der Altkanzler hat ihm zu seinem 66. Geburtstag einen liebenswürdigen Brief geschrieben, was Stoiber so gar nicht erwartet hatte, wie er bekennt. In München lobt er Kohl als einen der größten Europäer, und der Applaus fällt stark aus. So kräftig wie bei seinen Worten über die jetzige Kanzlerin, die sich in Menschenrechtsfragen auch in China offen äußere. Das sei eine "ganz große Leistung". Überhaupt die Kanzlerin: Am Abend zuvor hatte sie mit einer witzigen und sehr persönlichen Rede auf dem Parteifest zu Stoiber gesprochen. Der zeigte sich danach gerührt.

Wie immer bei Abschieden, gibt es auch eine gute Portion Verklärung. Die Wahlniederlagen von Strauß 1980 als Kanzlerkandidat und seine eigene 2002 deutet er einfach um. Strauß Antreten für die Union sei der "Sargnagel" für das Ende der sozial-liberalen Koalition drei Jahre später gewesen. Und seine Kandidatur habe den Weg geebnet für die Kanzlerschaft 2005. Es gebe eine "Kontinuität" der beiden Kanzlerkandidaturen: Damit habe die CSU ihren "bundespolitischen Anspruch" auf Jahrzehnte unterstrichen.

Mit dem Abschied von Stoiber kehrt die Partei wieder zur Doppelstruktur zurück. Die Ämter als Ministerpräsident und Parteichef werden künftig von zwei Personen geführt, von Günther Beckstein und Erwin Huber. "Macht einen Vorteil daraus für die CSU", sagt Stoiber. Und weil er weiß, dass sich manche in der CSU am meisten sorgen vor einem Stoiber, der das Einmischen doch nicht lassen kann, sagt er, er werde seinen Nachfolgern seinen "Rat" geben - wenn er "gewünscht" sei. Und weil es ihm wichtig ist, sagt er den Satz gleich noch einmal.

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