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Markus Feldenkirchen

Corona-Maßnahmen Stoppt die Produktion!

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
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Schulen müssen in der Corona-Krise schließen, aber es gibt noch immer keine Homeoffice-Pflicht. Und Hersteller von Schusswaffen, Eierlikören oder Toastern dürfen munter weiter produzieren.
aus DER SPIEGEL 3/2021
Stammsitz des Waffenproduzenten Heckler & Koch in Oberndorf

Stammsitz des Waffenproduzenten Heckler & Koch in Oberndorf

Foto: Wolf von Dewitz/ dpa

Lange hatte ich gedacht, die Bekämpfung der Pandemie sei ein Akt gesamtgesellschaftlicher Solidarität. Dass wir alle unsere Kontakte auf ein Minimum reduzieren sollten, um dem Virus die Chance zu nehmen, von einem zum Nächsten zu hüpfen. Aber da war ich wohl etwas naiv.

Seit Mitte Dezember hat kaum ein Kind in Deutschland eine Schule von innen gesehen. Dabei waren sich doch eigentlich alle einig, dass jede Woche ohne Unterricht verheerende Folgen für die Kinder hat, vor allem für jene aus weniger privilegierten Familien. Weil ihnen Zukunftschancen geraubt werden, sie computerspielend verwahrlosen und ihnen häusliche Gewalt droht. »Das ist das Letzte, was wir schließen, und das Erste, was wir öffnen«, erklärte Kanzleramtschef Helge Braun. »Bildung hat Priorität, und dabei bleibt es auch.«

Noch mehr Priorität genießen natürlich Hersteller von Schweinekoteletts, Abfahrtsskiern, Eierlikör, Schnellfeuerwaffen, Toastern oder etwa Zigaretten. Für deren Produktion dürfen weiter Millionen Menschen in geschlossenen Räumen zusammenkommen – als gäbe es gar kein Virus. Wenn in diesen dunklen Zeiten wirklich jeder Verzicht üben muss, warum gibt es dann diese krasse Ausnahme für allerlei Unternehmen?

Chefinnen und Chefs dürfen ihre Untergebenen weiter ins Büro zitieren. Angestellte dürfen vielerorts freiwillig im Büro zusammenkommen, weil ihnen der Rest der Familie auf den Keks geht. Warum es nicht längst eine Homeoffice-Pflicht für die harte Phase des Shutdowns gibt, weiß allein der liebe Gott. Oder das Kanzleramt. Oder die Staatskanzleien der Länder.

Würden Schüler in der großen Pause Schnellfeuerwaffen produzieren, wären die Schulen wohl nie geschlossen worden.

Mir ist schon klar, dass sich Eierlikör oder Waffen nur schlecht im Homeoffice produzieren lassen. Aber müssen sie in einer Notlage überhaupt produziert werden? Es gehe bei der Schulschließung nicht allein um den Unterricht, argumentiert die Politik gern. Kinder müssten ja auch an- und abreisen, in Bussen oder Bahnen, oft mit einem Elternteil. Der Schulbetrieb trage zur Mobilität bei – und die müsse sinken. Offene Büros, Fabriken oder andere Produktionsstätten aber haben genau dieselben Folgen. Mit dem Unterschied, dass es weit mehr Angestellte und Arbeiter als Schüler gibt. Und mittlerweile könnte man auch gelernt haben, dass die Schließung der Schulen die Zahl der Neuinfizierten offenbar nicht wesentlich senken konnte.

Klar wäre es teuer, Fabriken über ein paar Wochen stillzulegen. Und natürlich ist es viel günstiger, den Präsenzbetrieb an Schulen einzustellen. Schulen zahlen keine Steuern, Schüler erwirtschaften (noch) nichts, und die Arbeitsplätze von verbeamteten Lehrern sind eh sicher. Aber dann soll sich die Politik bitte auch trauen, diesen rein ökonomischen Grund für die Ungleichbehandlung zu nennen. Mit dem Virusgeschehen lässt sie sich jedenfalls nicht begründen. Im Gegenteil.

Vielleicht hätten die Schulen ihren volkswirtschaftlichen Nutzen einfach selbst etwas klarer machen müssen – den unmittelbaren, nicht nur den langfristigen. Würden Schüler in der großen Pause Schnellfeuerwaffen produzieren, wären die Schulen jedenfalls nie geschlossen worden.

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