Streit mit Sarkozy Deutsche Roma-Lager? Fehlanzeige

DDP

Von Andreas Grieß, und

2. Teil: Tausenden in Deutschland geborenen Kindern droht die Abschiebung


In Berlin sind Roma unterwegs, die betteln, als Straßenmusiker umherziehen oder an roten Ampeln Autoscheiben putzen - nicht immer zur Freude der Fahrer. Sie fallen auf. Im Gegensatz zu den Zehntausenden Roma, die ein bürgerliches Leben führen. Als im vergangenen Jahr eine Gruppe aus Rumänien in öffentlichen Parks der Hauptstadt kampierte, entbrannte eine heftige Debatte über die "Bettel-Roma".

Die Behörden lösten die Angelegenheit auf fragwürdige Weise: Man lockte die saisonalen Wanderarbeiter mit 250 Euro Ausreisegeld pro Kopf aus der Stadt.

Viele Probleme haben ihre Ursache aber nicht in der ethnischen Herkunft, sagt Widmann. Bei Roma-Kindern ist der Anteil von Förderschülern hoch. Der Grund: Ihre Eltern haben nur geringe Schulbildung - ein generelles Problem sozial schwacher Milieus. "Es ist der soziale Mechanismus, den man aufbrechen muss", fordert Widmann. Durch Ausgrenzung sei bei Roma der Anteil derjenigen, die an der Armutsgrenze leben, höher als in der deutschen Durchschnittsbevölkerung.

Was staatliche Abhängigkeit bedeutet, bekommen Tausende aus dem Kosovo stammende Roma zu spüren. Als Bürgerkriegsflüchtlinge kamen sie in den neunziger Jahren nach Deutschland. Im April unterzeichnete die Bundesregierung ein Abkommen mit der kosovarischen Regierung über die "Rückführung von ausreisepflichtigen Personen". Davon sind neben Roma auch andere Flüchtlinge aus dem Kosovo betroffen. Doch um die Roma sorgen sich Flüchtlingsorganisationen besonders. Sie fürchten, dass den Angehörigen der Minderheit im ehemaligen Jugoslawien Diskriminierung und Verfolgung droht.

143 Kosovo-Roma mussten Deutschland in diesem Jahr bereits verlassen. Rund 8500 Roma droht laut Innenministerium noch die Abschiebung. Knapp die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, sagt Wissenschaftler Widmann. Er hat deren Situation im Auftrag von Unicef untersucht. Das Ergebnis: Die Kinder haben im Kosovo kaum eine Aussicht auf Schulbildung, medizinische Versorgung und gesellschaftliche Integration. Fast zwei Drittel von ihnen sind in Deutschland geboren. Viele sprechen Deutsch als Muttersprache und können sich im Kosovo nicht verständigen. Drei von vier Kindern, die bereits dorthin zurückgekehrt sind, gingen nicht mehr zur Schule. Die Roma im Kosovo sind laut Unicef die ärmste Volksgruppe im ärmsten Land Südosteuropas.

Soziale Aspekte "nicht ausschlaggebend für die Rückführbarkeit"

Das Kinderhilfswerk fordert deshalb den Stopp der Abschiebungen und ein dauerhaftes Bleiberecht für Kinder und Jugendliche, die in Deutschland aufgewachsen und integriert sind. Doch das Gesetz orientiert sich nicht an ihrem Schicksal. Wirtschaftliche oder soziale Aspekte in der Ferne seien "grundsätzlich nicht ausschlaggebend für die Rückführbarkeit einer Person", sagte ein Sprecher des Innenministeriums SPIEGEL ONLINE. Die Ausreisepflicht und der Vollzug richte sich nach den Bestimmungen des deutschen Aufenthaltsgesetzes.

Der größte Teil der Roma, die abgeschoben werden sollen, lebt heute in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Die rot-grüne Minderheitsregierung in NRW will die Abschiebungen zumindest aussetzen.

Die Roma würden immer weiter geschoben, sagt Sichelschmidt. Dadurch verstärke sich das Bild von den Nomaden und der Problemgruppe. Sie kämen in ein Land, versuchten sich zu integrieren - doch dann komme wieder ein Krieg oder eine Vertreibung. Und dann beginnt alles von vorn. Das Mitgefühl sei gering, sagt Sichelschmidt. Er setzt sich für Roma ein, die von der Abschiebung bedroht sind. Doch oft bekommt er zu hören, das seien doch sowieso nur die, die umherziehen und im Park schlafen.

"Leider gibt es auch sehr wenig Solidarität unter den einzelnen Gruppen", sagt Sichelschmidt. Als Roma in einem neuen Land müsse man selbst die Initiative ergreifen. Seinen Familienangehörigen, die ebenfalls in Deutschland Zuflucht suchten, riet er: Sucht Arbeit, geht in die Schule. Versucht, nie in eine Abhängigkeit vom Staat zu geraten. Denn dann droht die Abschiebung.

Dzoni Sichelschmidt hat es genauso gemacht. Hat sich Arbeit gesucht, mit den Behörden auseinandergesetzt. Mittlerweile hat er eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.

Bloß nicht verstecken, ist sein Motto.

insgesamt 110 Beiträge
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RosaHasi 17.09.2010
1. .
also in berlin wurde ein solches lager geräumt und die leute wurde abgeschoben. bitte ordentlich recherchieren.
Beduine, 17.09.2010
2. Merkel ist einfach geschickter...
Sie würde entweder sagen: "Das ist Ländersache, damit habe ich nichts zu tun" oder sie deklariert es als "Heimführung", abgestimmt und im Einklang selbstverständlich mit dem Heimkehrerland, der UNO, dem Nahostquartett und der intergalaktischen Weltraumflotte.
R3CAN 17.09.2010
3. Wo Wann Wie
Zitat von RosaHasialso in berlin wurde ein solches lager geräumt und die leute wurde abgeschoben. bitte ordentlich recherchieren.
Wäre schön zu sagen wann das war wo das war und wie das von statten ging. Hier einfach reinzuschreiben, bitte besser recherchieren aber selber keine Infos liefern ist keine Diskussionsgrundlage...
Eutighofer 17.09.2010
4. Kinder abschieben ?
Zitat von sysopFrankreichs Präsident Sarkozy behauptet, auch Deutschland wolle Roma-Lager räumen - was Kanzlerin Merkel dementiert. Denn Menschen, die wild campieren, sind hierzulande die absolute Ausnahme. Allerdings haben Roma mit Diskriminierung zu kämpfen, selbst Kindern droht Abschiebung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,713689,00.html
"Selbst Kindern droht die Abschiebung": Ähm, soll man nur die Eltern abschieben und die Kinder alleine hier lassen ? Auch allein eingereiste Kinder sind in ihrer Heimat besser aufgehoben als im Sumpf deutscher Großstädte. Wie aktuelle Beispiele aus Berlin zeigen werden ausländische , alleineingereiste Kinder gerne als Drogenkuriere missbraucht. http://www.bz-berlin.de/aktuell/berlin/kinderdealer-wieder-am-drogen-bahnhof-article928116.html
A.D.H. 17.09.2010
5. Einseitigkeit
Es wird immer nur über angebliche Diskriminierung der Zigeuner (nicht alle wollen Sinti und Roma genannt werden, oder nennen sich selbst Zigeuner) gesprochen, nicht aber über die Probleme die von diesen Gruppen vielfach de facto verantwortet werden. Man löst keine Probleme, in dem man sie aus Gründen der polit. Korrektheit ignoriert.
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