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17. September 2010, 13:05 Uhr

Streit mit Sarkozy

Deutsche Roma-Lager? Fehlanzeige

Von Andreas Grieß, und

Frankreichs Präsident Sarkozy behauptet, auch Deutschland wolle Roma-Lager räumen - was Kanzlerin Merkel dementiert. Denn Menschen, die wild campieren, sind hierzulande die absolute Ausnahme. Allerdings haben Roma mit Diskriminierung zu kämpfen, selbst Kindern droht Abschiebung.

Hamburg/Berlin - Die Äußerung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sorgte für helle Empörung: "Frau Merkel hat mir gesagt, dass sie beabsichtigt, in den kommenden Wochen Roma-Lager räumen zu lassen." Merkel dementierte prompt. Sie habe mit Sarkozy weder über vermeintliche Roma-Lager in Deutschland noch über deren Auflösung gesprochen.

Tatsächlich gibt es hierzulande auch gar keine größeren Roma-Lagerplätze wie in Frankreich, wo Landfahrer in großer Zahl campieren oder sich sogar kleine Hütten zusammenzimmern. "Mir sind in Deutschland keine solche Lager bekannt, wie es sie in Frankreich oder Italien gibt", sagt Herbert Heuß, Wissenschaftler vom Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland zu SPIEGEL ONLINE.

Die Roma, die etwa aus Rumänien auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland kommen, seien auch keine Nomaden, die in Wohnwagen leben. "Sie kommen aus rumänischen Dörfern und leben auch dort in Häusern." Auch in Deutschland würden sie dann in festen Behausungen unterkommen. Dass Roma in Parks kampierten - wie im vergangenen Jahr in Berlin -, sei eine absolute Ausnahme, so Heuss.

Wie viele Roma nur für kurze Zeit aus Osteuropa gekommen sind und sich derzeit in Deutschland aufhalten, darüber gibt es ohnehin keine Zahlen. Die meisten hier lebenden Roma kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Wahr ist, dass die Roma auch in Deutschland mit großen Problemen zu kämpfen haben.

Wie beispielsweise Dzoni Sichelschmidt. Der 39-Jährige wollte nie nach Deutschland auswandern. Wäre es nach ihm gegangen, wäre er jetzt Tierarzt im Kosovo.

Integration? Für Roma hierzulande nicht vorgesehen

Doch als Mitte der neunziger Jahre in seine alte Heimat der Krieg kam, flüchtete Sichelschmidt wie Tausende andere Roma nach Deutschland - wo seit Jahren sein Onkel als Gastarbeiter lebte. Heute hat Sichelschmidt hier Fuß gefasst. Er lernte seine Frau kennen, eine Deutsche. Ihr gemeinsamer Sohn wurde hier geboren.

Trotzdem sagt Sichelschmidt: "Die Roma sind in Deutschland für keine Form von Integration vorgesehen. Als ich hierher kam, hat mich keiner gefragt, was ich kann oder welchen Schulabschluss ich habe." Sichelschmidt kämpfte sich durch. Inzwischen arbeitet er als Sozialpädagoge in Hamburg.

In vielen EU-Ländern müssen sich Roma durchkämpfen - und viele machen die Erfahrung, dass sie unerwünscht sind:

Auch in Deutschland werden Roma diskriminiert, sagt der Politikwissenschaftler Peter Widmann von der TU Berlin. Auf rund neun Millionen wird die Zahl der Roma in Europa geschätzt, etwa 120.000 davon leben in der Bundesrepublik. Bei Bewerbungen und der Wohnungssuche haben sie kaum eine Chance, sagt Widmann.

"Viele geben sich nicht als Sinti und Roma zu erkennen"

Diese Erfahrungen machen nicht nur die aus Osteuropa Eingereisten, sondern auch viele der etwa 70.000 Sinti und Roma, die mit einem deutschen Pass in der Bundesrepublik sind. Ein Teil von ihnen entstammt Familien, die seit Jahrhunderten in deutschsprachigem Gebiet leben, andere kamen etwa als Gastarbeiter oder Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien.

"Viele von ihnen geben sich nicht als Sinti oder Roma zu erkennen", sagt Widmann. Sie verraten nur ihr Herkunftsland. Eine Tatsache, die Sichelschmidt bestätigt: Als er die Familie seiner Frau kennenlernte, gab er sich als Albaner aus. Erst später erzählte er, dass er Roma sei. Er habe Glück gehabt, zu einer weltoffenen Familie gestoßen zu sein, sagt Sichelschmidt. Diese habe kein Problem mit seiner Herkunft.

Die Strategie, nur das Herkunftsland preiszugeben, habe ihre Berechtigung, sagt Widmann. Wer aus dem ehemaligen Jugoslawien stamme, habe es zwar auch schwerer, eine Wohnung oder einen Job zu finden. "Als Roma hat man aber so gut wie keine Chance."

EU-Umfragen belegen, wie groß die Vorurteile noch sind. Ein Viertel der deutschen Befragten gab an, sie würden sich unwohl fühlen, wenn ihr Nachbar ein Roma wäre. 77 Prozent der Europäer waren der Meinung, dass Roma zu sein ein gesellschaftlicher Nachteil ist.

Viele Roma-Familien bläuten schon ihren Kindern ein, in der Schule ihre ethnische Zugehörigkeit nicht preiszugeben, sagt Widmann. "Gerade diejenigen, die ihre Herkunft verschweigen, gelten als gut integriert." Diese große Zahl an Sinti und Roma wird in der Öffentlichkeit aber kaum wahrgenommen - im Gegensatz zu kampierenden Wanderarbeitern. "Der schwer integrierbare Teil ist der sichtbarste", meint Widmann. Das Klischeebild des umherziehenden Zigeuners ist falsch, Roma in Europa sind mehrheitlich sesshaft, belegen Studien. Demnach sind nur fünf Prozent aller Roma saisonweise oder dauerhaft unterwegs.

Tausenden in Deutschland geborenen Kindern droht die Abschiebung

In Berlin sind Roma unterwegs, die betteln, als Straßenmusiker umherziehen oder an roten Ampeln Autoscheiben putzen - nicht immer zur Freude der Fahrer. Sie fallen auf. Im Gegensatz zu den Zehntausenden Roma, die ein bürgerliches Leben führen. Als im vergangenen Jahr eine Gruppe aus Rumänien in öffentlichen Parks der Hauptstadt kampierte, entbrannte eine heftige Debatte über die "Bettel-Roma".

Die Behörden lösten die Angelegenheit auf fragwürdige Weise: Man lockte die saisonalen Wanderarbeiter mit 250 Euro Ausreisegeld pro Kopf aus der Stadt.

Viele Probleme haben ihre Ursache aber nicht in der ethnischen Herkunft, sagt Widmann. Bei Roma-Kindern ist der Anteil von Förderschülern hoch. Der Grund: Ihre Eltern haben nur geringe Schulbildung - ein generelles Problem sozial schwacher Milieus. "Es ist der soziale Mechanismus, den man aufbrechen muss", fordert Widmann. Durch Ausgrenzung sei bei Roma der Anteil derjenigen, die an der Armutsgrenze leben, höher als in der deutschen Durchschnittsbevölkerung.

Was staatliche Abhängigkeit bedeutet, bekommen Tausende aus dem Kosovo stammende Roma zu spüren. Als Bürgerkriegsflüchtlinge kamen sie in den neunziger Jahren nach Deutschland. Im April unterzeichnete die Bundesregierung ein Abkommen mit der kosovarischen Regierung über die "Rückführung von ausreisepflichtigen Personen". Davon sind neben Roma auch andere Flüchtlinge aus dem Kosovo betroffen. Doch um die Roma sorgen sich Flüchtlingsorganisationen besonders. Sie fürchten, dass den Angehörigen der Minderheit im ehemaligen Jugoslawien Diskriminierung und Verfolgung droht.

143 Kosovo-Roma mussten Deutschland in diesem Jahr bereits verlassen. Rund 8500 Roma droht laut Innenministerium noch die Abschiebung. Knapp die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, sagt Wissenschaftler Widmann. Er hat deren Situation im Auftrag von Unicef untersucht. Das Ergebnis: Die Kinder haben im Kosovo kaum eine Aussicht auf Schulbildung, medizinische Versorgung und gesellschaftliche Integration. Fast zwei Drittel von ihnen sind in Deutschland geboren. Viele sprechen Deutsch als Muttersprache und können sich im Kosovo nicht verständigen. Drei von vier Kindern, die bereits dorthin zurückgekehrt sind, gingen nicht mehr zur Schule. Die Roma im Kosovo sind laut Unicef die ärmste Volksgruppe im ärmsten Land Südosteuropas.

Soziale Aspekte "nicht ausschlaggebend für die Rückführbarkeit"

Das Kinderhilfswerk fordert deshalb den Stopp der Abschiebungen und ein dauerhaftes Bleiberecht für Kinder und Jugendliche, die in Deutschland aufgewachsen und integriert sind. Doch das Gesetz orientiert sich nicht an ihrem Schicksal. Wirtschaftliche oder soziale Aspekte in der Ferne seien "grundsätzlich nicht ausschlaggebend für die Rückführbarkeit einer Person", sagte ein Sprecher des Innenministeriums SPIEGEL ONLINE. Die Ausreisepflicht und der Vollzug richte sich nach den Bestimmungen des deutschen Aufenthaltsgesetzes.

Der größte Teil der Roma, die abgeschoben werden sollen, lebt heute in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Die rot-grüne Minderheitsregierung in NRW will die Abschiebungen zumindest aussetzen.

Die Roma würden immer weiter geschoben, sagt Sichelschmidt. Dadurch verstärke sich das Bild von den Nomaden und der Problemgruppe. Sie kämen in ein Land, versuchten sich zu integrieren - doch dann komme wieder ein Krieg oder eine Vertreibung. Und dann beginnt alles von vorn. Das Mitgefühl sei gering, sagt Sichelschmidt. Er setzt sich für Roma ein, die von der Abschiebung bedroht sind. Doch oft bekommt er zu hören, das seien doch sowieso nur die, die umherziehen und im Park schlafen.

"Leider gibt es auch sehr wenig Solidarität unter den einzelnen Gruppen", sagt Sichelschmidt. Als Roma in einem neuen Land müsse man selbst die Initiative ergreifen. Seinen Familienangehörigen, die ebenfalls in Deutschland Zuflucht suchten, riet er: Sucht Arbeit, geht in die Schule. Versucht, nie in eine Abhängigkeit vom Staat zu geraten. Denn dann droht die Abschiebung.

Dzoni Sichelschmidt hat es genauso gemacht. Hat sich Arbeit gesucht, mit den Behörden auseinandergesetzt. Mittlerweile hat er eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.

Bloß nicht verstecken, ist sein Motto.

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