Streit über FDP-Vize "Setzt Möllemann in den Sandkasten"

Nach der Entschuldigung Jürgen Möllemanns glaubte die FDP, das Thema Antisemitismus endlich vom Hals zu haben. Doch der Mann kann es einfach nicht lassen: Er beleidigte den Vize des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, erneut.

Berlin - Für drei Stunden sah es so aus, als wäre die Welt der Liberalen wieder halbwegs in Ordnung. Der umstrittene Abgeordnete Jamal Karsli hatte am Donnerstag freiwillig auf die weitere Mitarbeit in der FDP-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen verzichtet. FDP-Vize Jürgen Möllemann entschuldigte sich bei seinen jüdischen Mitmenschen für seine Äußerung, der Vize des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, und Israels Premier Ariel Scharon seien mitverantwortlich für wachsenden Antisemitismus. Auch Friedman schien dem Friedensschluss zugeneigt: Er nahm die Entschuldigung an.

Doch als am frühen Nachmittag Möllemann in zwei Interviews mit Fernsehsendern den Moderator Friedman ausdrücklich von seiner Entschuldigung ausnahm, flammte der gerade erst erstickte Streit wieder auf. Denn wenig später zog auch der Zentralrat der Juden sein Gesprächsangebot an Möllemann zurück. Dieser habe sich mit seiner "fortgesetzten Strategie der Doppelzüngigkeit" endgültig als Gesprächspartner und Demokrat disqualifiziert, erklärte der Zentralratspräsident Paul Spiegel.

In Berlin war mancher Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion angesichts der brüsken Wendung nur noch fassungslos. "Schreiben Sie es bitte auf", erklärte Dirk Niebel gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Ich bin es wirklich leid - meine beiden jüngsten Söhne, sieben und neun Jahre alt, sind vernünftiger, wenn sie sich streiten. Setzt Jürgen Möllemann in den Sandkasten zurück und nehmt ihm sein Förmchen weg!"

Möllemann, so scheint es, hat nach seiner parteiinternen Niederlage in der Person Friedman ein Ventil für seine aufgestaute Wut gefunden. Eine Entschuldigung, meinte er gegenüber dem Sender Phoenix, habe dieser "gar nicht verdient. Es geht mir um diesen Mann und seinen unerträglichen Habitus". Und gegenüber n-tv wurde Möllemann noch deutlicher: Friedman halte er "unverändert für einen agressiven und arroganten Typ, der jetzt wirklich mal was wegräumen muss. Er hat mich mehrfach als Antisemiten bezeichnet."

FDP-Präsidiumsmitglied Martin Matz, der vorige Woche noch mit einer Unterschriftenkampagne Druck auf den Parteivize ausgeübt hatte, versuchte Möllemanns neueste Bemerkungen mit bitterer Ironie zu nehmen. Dass die Entschuldigung nicht für Friedman gelten solle, sei nicht nur "unnötig, sondern auch eine Wortklauberei". Schließlich habe Möllemann vor dem Landtag sich bei den "jüdischen Menschen" entschuldigt - und "zu dieser Gruppe gehört Friedman ja nun auch - oder etwa nicht?"

Der Abgeordnete im Berliner Landesparlament möchte den neuesten Vorfall am liebsten auf einen Streit zweier Gegner reduzieren, die sich gegenseitig Wunden geschlagen haben. "Es ärgert mich seit Wochen, dass Jürgen Möllemann und Michel Friedman ihre persönliche Abneigung öffentlich pflegen." Doch weiß auch Matz, dass die Sache so einfach nicht liegt. Friedman ist nicht allein Moderator, den ein Mann wie Möllemann unsympathisch finden mag. Er ist zugleich Vizepräsident des Zentralrats - und damit Repräsentant der Juden in Deutschland.

So herrscht denn in der FDP nach einem turbulenten Tag nicht mehr als das Prinzip Hoffnung. Der Zentralrat, erklärt der Westerwelle-Vertraute Matz gegenüber SPIEGEL ONLINE, "möge bitte zur Kenntnis nehmen, dass das Präsidium der FDP nicht nur aus Herrn Möllemann besteht".

Am kommenden Dienstag ist ein Treffen des Parteichefs Guido Westerwelle mit dem Zentralratspräsidenten Paul Spiegel in der Berliner FDP-Zentrale anberaumt. Die beiden telefonierten am Donnerstagnachmittag miteinander - nach Angaben der FDP verlief das Gespräch in "ausgesprochen herzlicher Atmosphäre."

Im Sender n-tv betonte Friedman, die Anstregungen, die alle - sowohl in der FDP als auch im Zentralrat - in den letzten Tagen getan hätten, sollte man sich "nicht von Jürgen Möllemann kaputt machen lassen". Die Zusammenkunft von Spiegel und Westerwelle werde stattfinden. Mit Möllemann jedoch, das stellte der Vize des Zentralrats der Juden klar, werde es in nächster Zeit mit Sicherheit "kein Gespräch geben".

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