Streit um angeblichen Ghettoisierungsplan Wohnungsgesellschaft weist Vorwürfe zurück

Die Nassauische Heimstätte, eine der größten deutschen Wohnungsgesellschaften, will ethnische Ghettos in deutschen Großstädten fördern - das steht in einem Zeitungsbericht. Politiker reagierten empört. Jetzt wehrt sich die Wohnungsgesellschaft aus Hessen gegen die Vorwürfe.

Von


Berlin - Die Meldung, die seit gestern für große Aufregung in der hessischen Landespolitik sorgt, war ziemlich versteckt. Auf Seite 23 schrieb die "Welt", der Geschäftsführer der hessischen Wohnungsgesellschaft Nassauische Heimstätte habe bei einer Veranstaltung in Berlin gesagt, man setze auf "einheitliche ethnische Nachbarschaften in Milieuhäusern". Eine 75-jährige deutsche Großmutter habe ein anderes Verständnis von Sauberkeit und Erziehung als eine junge Migrantenfamilie, zitiert die Zeitung Thomas Dilger.

Banlieu in Paris: "Wohnungsbau will Mieter nach Herkunft sortieren"
AFP

Banlieu in Paris: "Wohnungsbau will Mieter nach Herkunft sortieren"

Weiter habe der Geschäftsführer erklärt: Die Nassauische Heimstätte achte bei der Vergabe leerstehender Wohnungen deshalb darauf, dass nur noch Mieter aus ähnlichen Kulturkreisen in einem Wohnhaus zusammenleben. Die Begründung Dilgers: Die Kunden wollten mit Nachbarn zusammenleben, die ähnlich dächten und fühlten wie sie.

Ist das die Konterkarierung aller integrationspolitischen Bemühungen, ethnischer Ghettobildung in Deutschlands Großstädten entgegenzuwirken? Es wäre tatsächlich das erste Mal, dass eine deutsche große Wohnungsbaugesellschaft - die Nassauische Heimstätte betreut insgesamt 64.000 Wohnungen - sich dafür ausspricht, Wohnungen in Zukunft nach der Ethnie zu vermieten.

Dementsprechend groß ist die Empörung: "Wohnungsbau will Mieter nach Herkunft sortieren", titelt die "taz" heute, "Geschlossene Gesellschaft" überschreibt die "Süddeutsche Zeitung" einen Bericht über den angeblichen Vorstoß aus Hessen.

Koch: "Kapitulation vor den Problemen"

Schließlich schaltete sich sogar der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in die Causa ein, gehört seinem Bundesland doch die Mehrheit an dem Unternehmen Nassauische Heimstätte. Eine Vermietung von Wohnungen getrennt nach Nationalitäten sei der völlig falsche Weg und eine Kapitulation vor zweifellos vorhandenen Problemen bei der Integration darstellt, erklärte Koch.

Heftige Kritik von Seiten der Politik - der Bericht sei falsch, erklärt indes die Nassauische Heimstätte. Geschäftsführer Dilger sei in der "Welt" verkürzt wiedergegeben worden. Man setze auf weiterhin "gute Nachbarschaft", heißt es in einer Pressemitteilung.

Es gehe nicht um eine ethnische Trennung, "das ist und war nie Politik des Hauses", erklärte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Es gebe auch kein derartiges Konzept.

Vielmehr sei es so, dass man bei der Zusammensetzung der Mieterschaft sensibel vorgehen müsse - dabei gehe es aber nicht um die Herkunft der potentiellen Mieter, sondern um Einstellungen und Lebensweisen. "Ein strenggläubiger Muslim wird sich genauso über ein türkischen Mädchen aufregen, das mit bauchfreiem T-Shirt herumläuft, wie über ein deutsches Mädchen in entsprechender Kleidung", so der Sprecher.

"Probleme vor Ort angehen"

Unterdessen kämpfen Integrationspolitiker für ein deutliches Bekenntnis zu gemischtem Wohnen. Die Integrationsbeauftragte der Berliner Wohnungsgesellschaft Gesobau, Barbara John, sagte zu SPIEGEL ONLINE: Wohnungen nach ethnischen Gesichtspunkten zu vergeben, würde bedeuten, das Rad zurückzudrehen. Im Übrigen werde in Migrantenfamilien oft viel stärkerer Wert auf Sauberkeit gelegt.

"Man darf Gruppen nicht wieder trennen, sondern muss Konflikte in der Hausgemeinschaft angehen", so John. Die Gesobau erarbeite deshalb etwa Hausordnungen zusammen mit den Mietern.

Klare Worte auch aus dem Büro der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU): Zu den Vorwürfen gegen die Nassauische Heimstätte wollte Roths Sprecher zwar nichts sagen. Die Stadt Frankfurt sei aber dazu übergegangen, die städtischen Wohnungen nicht an andere Gesellschaften zu verkaufen, um eine Integration über den Wohnungsmarkt besser erreichen zu können, sagte Gunter Stemmler zu SPIEGEL ONLINE.

Die gesetzlichen Grundlagen - etwa das Antidiskriminierungsgesetz, das es Vermietern untersagt, Mieter aufgrund ihrer Herkunft abzulehnen, reiche nämlich nicht immer aus.



insgesamt 213 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Andreas Heil, 21.11.2007
1.
Zitat von sysopDie hessische Wohnungsgesellschaft "Nassauische Heimstätte" soll erklärt haben, in Zukunft bei der Auswahl ihrer Mieter auf eine einheitliche ethnische Zusammensetzung zu achten. Wäre dies eine Konterkarierung der integrationspolitischen Bemühungen?
Nein, im gewissen Sinne ist es schlichte Marktlogik. "Die Kunden wollten wollten mit Nachbarn zusammenleben, die ähnlich dächten und fühlten wie sie." Das ist nun mal so. Ein Mindestmaß an Homogenität lässt Konflikte gar nicht erst aufkommen. Außerdem wird dadurch verhindert, dass globalisiert stattfindende Konflikte ihre Fortsetzung in der Nachbarschaft finden. Im Stadtteil kann man sich schon viel problemloser aus dem Weg gehen, als im selben Haus. Zur Ghettoisierung bedarf es also schon etwas mehr. Die sich ergebende Problemaktik sollte trotzdem klar sein, nur sind hier eben intelligentere Lösungen, als eine planlose "Durchmischung" gefordert.
kleiner-moritz 21.11.2007
2.
Zitat von Andreas HeilNein, im gewissen Sinne ist es schlichte Marktlogik. "Die Kunden wollten wollten mit Nachbarn zusammenleben, die ähnlich dächten und fühlten wie sie." Das ist nun mal so. Ein Mindestmaß an Homogenität lässt Konflikte gar nicht erst aufkommen. Außerdem wird dadurch verhindert, dass globalisiert stattfindende Konflikte ihre Fortsetzung in der Nachbarschaft finden. Im Stadtteil kann man sich schon viel problemloser aus dem Weg gehen, als im selben Haus. Zur Ghettoisierung bedarf es also schon etwas mehr. Die sich ergebende Problemaktik sollte trotzdem klar sein, nur sind hier eben intelligentere Lösungen, als eine planlose "Durchmischung" gefordert.
Ja es gibt ein natürliches Bedürfnis, sich unter Menschen aufzuhalten, die sich in Sprache, Kultur usw. ähneln! In einer solchen Gruppe gibt es zwar eine gewisse Toleranzgrenze, bis zu der auch "Fremde" akzeptiert werden, doch wird die überschritten, versuchen die ursprünglichen Bewohner wegzuziehen. Dieser Effekt ist nicht nur ethnisch begründet. Auf die gleiche Weise entstehen "Assi"-Viertel! Die ganze Sache ist ja in den türkischen-Viertel hautnah zu beobachten! Daher glaube ich auch, dass es in Europa keine klassischen Einwanderungsländer gibt!
Silbendrechslerin 21.11.2007
3.
Zitat von Andreas HeilNein, im gewissen Sinne ist es schlichte Marktlogik. "Die Kunden wollten wollten mit Nachbarn zusammenleben, die ähnlich dächten und fühlten wie sie." Das ist nun mal so. Ein Mindestmaß an Homogenität lässt Konflikte gar nicht erst aufkommen. Außerdem wird dadurch verhindert, dass globalisiert stattfindende Konflikte ihre Fortsetzung in der Nachbarschaft finden. Im Stadtteil kann man sich schon viel problemloser aus dem Weg gehen, als im selben Haus. Zur Ghettoisierung bedarf es also schon etwas mehr. Die sich ergebende Problemaktik sollte trotzdem klar sein, nur sind hier eben intelligentere Lösungen, als eine planlose "Durchmischung" gefordert.
Ich bin ganz Ihrer Meinung. Allerdings führen solche Versuche, zunächst innerhalb des Hausese eine homogene Mietergemeinschaft herzustellen, oft dazu, dass bald die Nachbarhäuser und sehr schnell ein ganzer Stadteil zum Ghetto werden. Ich habe das selbst in meiner früheren Heimatstadt - dort war ich über viele Jahre bei eienr Wohnungsbaugesellschaft tätig - erleben müssen. Besser ist eine gezielte Vermischung mit Sinn und Verstand. Wer ein Haus hat, das hauptsächlich von deutschen Rentnerehepaaren bewohnt ist, sollte nicht in das selbe Haus eine temperamentvolle türkische/bzw. türkischstämmige Familie mit drei Kindern setzen. Es ist nicht nur die Familie selbst - sondern auch die zu erwartenden vielen Besucher, weil man nach türkischer Tradition ein ausgeprägstes Miteinander in großen Familien- und Bekanntenkreisen pflegt. Damit wäre ein zurückgezogenes deutsches Rentnerehepaar schlicht überfordert. Besser wäre es, vielleicht an ein russisches/russisch-stämmiges älteres Ehepaar zu vermieten. Hier sind die traditionell-konservativen Vorstellungen von häuslichem Leben mit denen der deutschen Rentner eher vergleichbar. Es kommt aber letztlich immer auf den Einzelfall an.
Parzival v. d. Dräuen 21.11.2007
4.
Zitat von SilbendrechslerinIch bin ganz Ihrer Meinung. Allerdings führen solche Versuche, zunächst innerhalb des Hausese eine homogene Mietergemeinschaft herzustellen, oft dazu, dass bald die Nachbarhäuser und sehr schnell ein ganzer Stadteil zum Ghetto werden. Ich habe das selbst in meiner früheren Heimatstadt - dort war ich über viele Jahre bei eienr Wohnungsbaugesellschaft tätig - erleben müssen. Besser ist eine gezielte Vermischung mit Sinn und Verstand. Wer ein Haus hat, das hauptsächlich von deutschen Rentnerehepaaren bewohnt ist, sollte nicht in das selbe Haus eine temperamentvolle türkische/bzw. türkischstämmige Familie mit drei Kindern setzen. Es ist nicht nur die Familie selbst - sondern auch die zu erwartenden vielen Besucher, weil man nach türkischer Tradition ein ausgeprägstes Miteinander in großen Familien- und Bekanntenkreisen pflegt. Damit wäre ein zurückgezogenes deutsches Rentnerehepaar schlicht überfordert. Besser wäre es, vielleicht an ein russisches/russisch-stämmiges älteres Ehepaar zu vermieten. Hier sind die traditionell-konservativen Vorstellungen von häuslichem Leben mit denen der deutschen Rentner eher vergleichbar. Es kommt aber letztlich immer auf den Einzelfall an.
Schon bevor der Artikel zum Thema erschien, war mir aus Bekanntenkreisen bekannt, dass nicht wenige Vermietungsgesellschaften nach diesem Prinzip handeln. Es ist ein heikles Thema und wurde bisher nicht gerne thematisiert. In den USA nennt man es White Flight. Wenn ein Mieter für ein Wirtschaftsgut Wohnung zahlt, dann erwartet er von der Ware, dass sie in großen Teilen, wenn nicht gänzlich, seinen Vorstellungen entspricht. Den Rest regelt der Markt oder eben, wie in beschriebenen Fällen der Vermieter. Kann er es nicht, kann man übrigens auch die Miete mindern. Dauernde nächtliche Ruhestörung hat der Vermieter abzustellen, auch wenn der Mieter Polizei und Ordnungsamt rufen kann und wird, bleibt es ein Mangel, wenn die Wohnung nicht vertragsgemäß zu nutzen ist. Eben dies haben viele Vermieter schon vor Jahren erkannt und reagieren entsprechend.
ossi_aktuell 21.11.2007
5.
Zitat von sysopDie hessische Wohnungsgesellschaft "Nassauische Heimstätte" soll erklärt haben, in Zukunft bei der Auswahl ihrer Mieter auf eine einheitliche ethnische Zusammensetzung zu achten. Wäre dies eine Konterkarierung der integrationspolitischen Bemühungen?
Es gibt aus den USA, die reichlich Erfahrungen mit Migrationsbewegungen besitzen, soziologische Studien zum Thema andere Ethnien in der Nachbarschaft. Diese zeigen, daß, wenn der Anteil einer fremden Ethnie in der Nachbarschaft ca. 15 % übersteigt, die Angehörigen der ursprünglich wohnenden Ethnie anfangen, aus dem Viertel wegzuziehen, selbst wenn die Angehörigen der zugezogenen Ethnie derselben sozialen Schicht angehören. Mit anderen Worten, der Stadtteil kippt. Dieser Prozeß beschleunigt sich um so mehr, um so größer der soziale Unterschied zwischen den Ethnien ist oder um so weniger kulturelle Nähe es zwischen diesen gibt. Diese soziologischen Sachverhalte lassen sich auch mit regierungsamtlicher Propaganda nicht wegdiskutieren und haben nichts mit Rassismus zu tun.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.