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Streit über Asylbewerberheim in Berlin "Haut ab"

30 Rechtsradikale, 600 Gegendemonstranten: In Berlin ist der Streit über ein neues Asylbewerberheim im Stadtteil Hellersdorf eskaliert. Der Flüchtlingsrat spricht vom schlimmsten Protest gegen eine solche Einrichtung in der Stadt.

"Refugees are welcome here", schreien die einen. "Haut ab", brüllen die anderen. Es dauert eine halbe Stunde, da fliegt die erste Glasflasche zwischen den Lagern. Weitere folgen, außerdem Eier. Ein Polizist wird von einer Flasche am Kopf getroffen und verletzt.

Auf dem Alice-Salomon-Platz im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf treffen am Dienstagabend rund 30 Rechtsradikale auf 600 wütende Gegendemonstranten. Die NPD hat zur Demonstration gegen ein neu eröffnetes Asylbewerberheim im Viertel aufgerufen. 250 Polizisten sind im Einsatz - und sie haben alle Hände voll zu tun.

Am Montag waren die ersten Flüchtlinge in die Carola-Neher-Straße 65 eingezogen. In das vierstöckige Gebäude, das einmal ein Gymnasium war und nun ein Zuhause für die Menschen werden soll, die ihre Heimat verlassen mussten.

Sie waren durch den Hintereingang in ihre neue Bleibe gebracht worden. Begleitet von Polizisten und Protesten, wie Verbrecher. Genau das ist es, was viele ihrer neuen Nachbarn in ihnen sehen: Kriminelle, die Müll machen. Die nur rumhängen. Die nicht nach Deutschland gehören. Die erste Nacht haben die Männer, Frauen und Kinder hinter sich, sind eingekehrt. Aber mit ihnen noch längst keine Ruhe.

NPD macht Stimmung gegen Ausländer

Der Streit über das Asylbewerberheim schwelt schon seit Wochen: Die Anwohner beschweren sich, dass sie zu spät über die Pläne informiert wurden. Die Rechten nutzen das Thema, um gegen Ausländer Stimmung zu machen - als Argument dienen ihnen auch die jüngsten Zahlen vom Bundesamt für Migration. Und die größtenteils anonym agierende "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf" fährt auf Facebook eine Kampagne gegen das Heim.

Der Flüchtlingsrat der Stadt spricht vom "schlimmsten Protest gegen eine solche Einrichtung in Berlin". Mindestens sechs Flüchtlinge hätten das Haus bereits nach einem Tag aus Furcht wieder verlassen, darunter eine Familie: "Sie fühlen sich bedroht".

Die NPD-Gegner wollen nicht tatenlos zusehen. Vor der Demo der Rechtsradikalen versammeln sie sich am Dienstagabend vor dem Asylbewerberheim. Sie wollen zeigen, dass die Flüchtlinge Unterstützer haben, dass sie eben doch willkommen sind. Sie rufen es, es steht auf ihren Transparenten und mit Kreide auf dem Asphalt. Wer nach oben guckt, hoch zu den Fenstern der Plattenbauten, erkennt auf der einen Seite die Flüchtlinge hinter dem Glas. Und auf der anderen Seite die Nachbarn, weit herausgelehnt aus offenen Fenstern, mit Kissen unter den Ellbogen. Es scheint, als würden beide Seiten darauf warten, dass es auf der Straße unter ihnen losgeht.

Doch soweit kommt es hier nicht. Gegen 18.00 Uhr wird offiziell bekannt: Die NPD-Demonstration findet nicht direkt vor dem Asylbewerberheim statt, sondern wenige hundert Meter entfernt auf dem Alice-Salomon-Platz - ein Versuch der Deeskalation. Doch es kommt trotzdem zu Gewalt. In einer ersten Zwischenbilanz spricht die Polizei von elf Festnahmen.

Es wird nicht der letzte Marsch sein. Für Mittwoch planen die Rechtspopulisten von Pro Deutschland an mehreren Standorten in Berlin Protestaktionen. Sie sei gegen das Asylbewerberheim, sagt Maria Fank, 24, Mitglied bei der NPD und dem Ring Nationaler Frauen. Sie hat die Kundgebung angemeldet. Das Geld solle besser für Deutsche eingesetzt werden, ruft sie ins Mikrofon. Weiter kommt sie nicht: Sie wird wie ihr Vorredner von den Hunderten Menschen auf der anderen Seite überstimmt.

Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien

Die Rechtsextremen haben in den vergangenen Wochen häufig Stimmung gegen das Asylbewerberheim gemacht. Einer der Höhepunkte war eine Versammlung der Anwohner Anfang Juli: Dort marschierten sie in Massen auf, Teilnehmer beschreiben die Situation als aggressiv und furchteinflößend.

Auch Georg Classen vom Flüchtlingsrat Berlin war dabei. Er habe Angst vor den sichtbar gewaltbereiten Rechtsradikalen gehabt, sagt er. Wusste nicht, ob er sicher wieder zu seinem Auto kommen würde, wenn er sich öffentlich äußern würde.

Auch er setzt sich an diesem Dienstag vor dem Asylbewerberheim für die Bewohner ein - auch wenn er nicht will, dass derzeit Flüchtlinge dorthin gebracht werden. Bisher sind es knapp 50, vor allem aus Afghanistan, Syrien und Serbien. In den kommenden Monaten sollen es rund 200 Flüchtlinge werden.

"Es ist unverantwortlich, Menschen, die gerade vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland geflohen sind und in ihren Heimatländern Schreckliches erlebt haben, in eine derart aufgeheizte Atmosphäre zu schicken", sagt Classen. Es fehle ein umfassendes Sicherheitskonzept - und der Kontakt zu den Nachbarn.

Classen glaubt, dass viele Vorurteile durch Gespräche ausgeräumt werden könnten. "Wir müssen mit den Anwohnern reden", sagt er. Ihnen klarmachen, dass die Kriminalität in den anderen Gegenden Berlins mit Asylbewerberheimen nicht angestiegen sei. Dass hier Menschen wohnen wollen. Keine Verbrecher.