Studie der Adenauer-Stiftung CDU-Mitglieder sehen sich rechts von ihrer Partei

Brisant: Laut einer Untersuchung der CDU-nahen Adenauer-Stiftung sehen sich die Mitglieder ideologisch rechts von ihrer Partei. Und das, obwohl der Untersuchungszeitraum noch vor Beginn der Flüchtlingskrise lag.
CDU-Chefin Merkel

CDU-Chefin Merkel

Foto: Bernd von Jutrczenka/ dpa

Hat Angela Merkel die CDU zu weit nach links gerückt? Das ist ein Vorwurf, den parteiinterne Kritiker der Vorsitzenden und Bundeskanzlerin immer wieder vorbringen.

Doch nun gibt es auch einen empirischen Befund, der diese Sichtweise manifestiert: Einer jetzt veröffentlichten Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zufolge  sieht sich die Mehrheit der CDU-Mitglieder rechts von ihrer eigenen Partei. Ende August hatte die CDU knapp 428.000 Mitglieder.

Aus der Perspektive der Mitglieder befinde sich die CDU "als Partei deutlich links von der eigenen Position", schreiben die Autoren um die Demoskopin und KAS-Mitarbeiterin Viola Neu auf Seite 11 der 71 Seiten langen Studie.

Es ist die vierte umfassende Studie dieser Art, mit der die partei-nahe Adenauer-Stiftung seit 1977 die Einstellungen der CDU-Mitglieder untersucht. Doch diesmal dürften die Ergebnisse die parteiinternen Debatten besonders befeuern. Die Merkel-Kritiker könnten sich dadurch bestärkt fühlen, weil der Mitte-Kurs der Parteivorsitzenden zwar mit Blick auf nunmehr über zwölf Jahre Kanzlerschaft erfolgreich war, die Partei sich damit aber offenbar von ihren Mitgliedern entfernt hat. Merkel-Unterstützer könnten dagegenhalten, dass die Maximierung der Wählerstimmen entscheidend ist, weil man die Mitglieder ohnehin im Boot hat.

Für die Studie wurden 6981 Interviews von Parteimitgliedern ausgewertet, die zwischen dem 13. Februar und dem 13. April 2015 erhoben wurden. Zudem wurden vom 29. September bis zum 14. November 2014 weitere 87 sogenannte Tiefeninterviews mit 57 Mitgliedern von CDU, SPD, Grünen, Linkspartei, FDP und AfD geführt. Außerdem gingen 2001 telefonische Interviews in die Studie ein, die zwischen 12. Juni und 3. Juli 2015 geführt wurden.

Interviews fanden vor der Flüchtlingskrise statt

Die hier dokumentierte ideologische Kluft zwischen den CDU-Mitgliedern und ihrer Partei ist vor allem deshalb besonders interessant, weil der Befragungszeitraum schon über zweieinhalb Jahre zurückliegt - die Interviews fanden also vor Beginn der Flüchtlingskrise statt, die von Sommer 2015 an ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit rückte. Der flüchtlingsfreundliche Kurs der Kanzlerin und ihrer Großen Koalition von CDU, CSU und SPD entfachte die Linksruck-Debatte um Merkel erst recht.

Damit steht die Frage im Raum: Würde eine aktuelle Befragung der CDU-Mitglieder möglicherweise eine noch größere Diskrepanz bei den Werten offenbaren?

Erstaunlich ist jedenfalls, dass die Studie erst jetzt veröffentlicht wurde - und damit auch nach der Bundestagswahl vom September, bei der CDU und CSU das schlechteste Ergebnis seit 1949 erzielten. Zumal einige Ergebnisse der Studie bereits im Sommer 2015 in der Parteireformkommission von CDU-Generalsekretär Peter Tauber vorgestellt wurden: unter anderem die Aussage zur Selbstverortung der Mitglieder gegenüber ihrer Partei.

Adenauer-Stiftung verteidigt Studie

Bei der Adenauer-Stiftung sieht man kein Problem bezüglich der Aussagekraft der Studie. Angesichts des Umfangs der Untersuchung liege es "in der Natur der Sache, dass dieser Prozess eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt", sagte KAS-Sprecher Tobias Bott dem SPIEGEL. "Das geht nicht zulasten der Qualität, da Aktualität hier nicht im Vordergrund steht."

Auffällig ist auch, dass die befragten CDU-Mitglieder zwar die Möglichkeit hatten, am Ende der Interviews einen Kommentar abzugeben, wie auf Seite 63 der Studie erwähnt wird. "Davon wurde mannigfaltig Gebrauch gemacht", heißt es da. Den Autoren zufolge kam dabei auch eine Menge Kritik zusammen. Aber nichts davon wurde aufgenommen, weder kategorisiert nach Themen oder sonstigen Merkmalen. "Die Kommentare waren so vielfältig und heterogen, dass eine systematische Analyse nicht möglich ist", heißt es lediglich. Eine "sinnvolle Kategorisierung" sei daher auch nicht möglich gewesen, so KAS-Sprecher Bott.

Und was kann die CDU selbst mit der Studie anfangen? Dazu hieß es aus der Parteizentrale gegenüber dem SPIEGEL: "Natürlich werden wir uns die Ergebnisse der Studie genau ansehen."

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