Studie Einwandererkinder sind besonders schwulenfeindlich

Das Ergebnis einer neuen Studie ist eindeutig: Einwandererjugendliche lehnen homosexuelle Lebensweisen öfter ab als gleichaltrige Deutsche. Traditionelle Männlichkeitsnormen und die Religion spielen dabei nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler eine zentrale Rolle.

Berlin - Fünf hübsche junge Frauen verschiedener Herkunft posieren vor sepiafarbenem Hintergrund, strahlen mit ihren blendend weißen Zähnen in die Kamera und demonstrieren freundschaftlichen Zusammenhalt. Unterbrochen wird das Bild dieser herrlich heilen Welt von einem dicken roten Schriftzug über den Köpfen der Frauen: "Cigdem ist lesbisch.", heißt es da. In unauffällig weißer Schrift folgt "Vera auch!".

Hinweise, wer von den Fünfen die beiden Angesprochenen sind, gibt das Plakat dem Betrachter nicht: Alle Frauen hängen sich gleich vertraut in den Armen, tragen die gleichen coolen Klamotten und halten alle das gleiche Getränk in der Hand. Es folgt ein Satz - diesmal in blau -, der diese Gleichheit unterstreicht: "Sie gehören zu uns. Jederzeit".

Doch ganz so bunt und tolerant, wie es das Plakat des Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) proklamiert, ist unsere Gesellschaft in Deutschland nicht. Das zeigt eine neue Studie über die Einstellung von Jugendlichen zu Homosexualität, die im Auftrag des LSVD von der Christian-Albrecht-Universität Kiel durchgeführt und vom Bundesfamilienministerium finanziert wurde.

Jugendliche mit türkischen Wurzeln besonders intolerant

Im Rahmen eines vielfältigen, bundesweiten Modellversuches zum Thema Antidiskriminierung wurden 922 Berliner Schüler im Alter von 14 bis 20 Jahren per Fragebogen zum Thema Homosexualität interviewt. Über 40 Fragen zu Religiosität, Normvorstellungen, persönlichen Kontakten und der eigenen Diskriminierungswahrnehmung mussten die Gymnasiasten und Gesamtschüler beantworten. "Wir haben extra nur diese beiden Schulformen gewählt, um die Ergebnisse nicht schlechter zu machen als sie sind." Im Zweifelsfall würden die Ergebnisse die Realität noch schöner darstellen, als sie in Wirklichkeit sei, erklärt der Leiter der Studie, Bernd Simon. Auch dass in Berlin ein schwuler Bürgermeister sehr populär ist, lege nahe, dass die Resultate in anderen Städten eher noch alarmierender ausfallen könnten.

Aber die Ergebnisse der Studie sind schon erschreckend genug: Laut ihr sind insbesondere Jugendliche aus Einwandererfamilien stark homosexuellenfeindlich. "Wir haben festgestellt, dass Jugendliche, deren Wurzeln in der Türkei oder in der ehemaligen UdSSR liegen, deutlich intoleranter gegenüber Homosexuellen sind als gleichaltrige Deutsche", so Simon.

Auf einer Skala von null (=schwache Homophobie) bis vier (=starke Homophobie) errechnete der Kieler Sozialpsychologe eine durchschnittliche Homosexuellenfeindlichkeit bei deutschen Jugendlichen von 0,96. Bei Migrantenkindern aus der UdSSR liegt dieser Wert bereits bei 1,82, bei Jugendlichen mit türkischen Wurzeln sogar bei 2,08.

Eine besonders ausgeprägte Homophobie zeigt sich allgemein auch bei den männlichen Heranwachsenden. So stimmten 79 Prozent der türkisch-stämmigen jungen Männer der Aussage zu, dass es eklig sei, wenn sich zwei Schwule auf der Straße küssen. Männliche Jugendlichen mit Wurzeln in der ehemaligen UdSSR stimmten mit 76 Prozent zu, deutsche lediglich mit 48 Prozent. Bei den Frauen lag die Zustimmung nur bei 60 Prozent, 64 Prozent und 10 Prozent.

Starker Einfluss der Religion

"Diese signifikanten Unterschiede sowohl zwischen den Herkunftsgruppen als auch den Geschlechtergruppen zeigen sich bei allen Fragen gleichermaßen. Die Antworten der Schüler waren denen zu dieser Frage sehr ähnlich", erklärt Simon die erschreckenden Ergebnisse seiner Umfrage.

Diese zeigt auch, dass die Homosexuellenfeindlichkeit eines Heranwachsenden mit zunehmender Akzeptanz von traditionellen Männlichkeitsnormen, mit zunehmendem Grad an Religiosität und mit zunehmender Diskriminierungserfahrung steigt. "Insbesondere Einwandererkinder, die sich von der Gesellschaft diskriminiert fühlen, haben eine höhere Abneigung gegen Homosexuelle." Bei den türkisch-stämmigen Jugendlichen habe aber auch die Religion einen starken Einfluss auf die Einstellung zu Homosexualität, weiß der Kieler Sozialpsychologe. Bei den deutschen Schülern führen besonders bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit zur Homophobie.

Die Sprecherin der türkischen Gemeinde Deutschland, Eren Ünsal, zeigte sich besorgt über die Ergebnisse der Studie, die in den kommenden Tagen vollständig veröffentlicht werden soll: "Wir haben bereits die ersten Schritte gegen die Homophobie in unserer Gemeinde eingeleitet. Aber es ist wichtig, dass wir die Menschen, die gegen Homosexuelle sind, nicht an den Pranger stellen." Die Türkin hofft, die Homophoben ihrer Gemeinde durch Diskussion und offene Gespräche zu einem langsamen Gesinnungswechsel bewegen zu können. Ünsal warnt aber davor, pauschale Aussagen über Migranten zu treffen: "Nicht jeder Türke ist homosexuellenfeindlich".

Der LSVD wünscht sich angesichts der Ergebnisse der Kieler Studie einen stärkeren Einsatz der Gesellschaft für die Akzeptanz von Homosexuellen. "Wir lassen jedem Menschen seine individuelle Meinung, auch wenn diese oft sehr bedrückend für uns ist", erklärte heute Vorstandsmitglied des LSVD, Günter Dworek, "aber sobald es um die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit dem Thema geht, dürfen wir die Diskriminierung von Homosexuellen nicht hinnehmen".

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