Studie Jeder fünfte Ostdeutsche rechnet sich zur Unterschicht

Das Gefühl, ein Verlierer der Gesellschaft zu sein, ist im Osten Deutschlands am stärksten: Jeder fünfte Ostdeutsche fühlt sich als Teil der Unterschicht. Das belegt eine aktuelle Erhebung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Der Unterschied zum Westen des Landes ist immens.


Hamburg - Armut, Jobverlust, Perspektivlosigkeit - der Eindruck, zur sozialen Unterschicht zu gehören, ist in Ostdeutschland weit mehr ausgeprägt als im Westen Deutschlands. Während sich nur etwa jeder zehnte Westdeutsche als Teil der Unterschicht fühlt, ist es im Osten schon jeder Fünfte. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Auswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Die Umfrage "Sozio-oekonomisches Panel", kurz SOEP, zeigt einen "immensen Unterschied" zwischen Ost und West auf, sagt Studienleiter Professor Gert Wagner. Gemeinsam mit Jürgen Schupp, Professor an der Freien Universität Berlin, hat er die Erhebung betreut. "Die Zahlen zeigen deutlich die Ängste der Deutschen vor dem Absturz nach unten, vor der Armut", sagt Wagner. Denn obwohl sich ein Großteil der Westdeutschen als Teil der Mittelschicht betrachtet, würde dort besonders Hartz IV als Bedrohung gesehen.

Betrachtet man Gesamtdeutschland, lässt sich ein Trend zum sozialen Pessimismus beobachten: Rund 80 Prozent der Befragten in ganz Deutschland zählen sich heute zur Mittelschicht. 13 Prozent sehen sich dagegen in der Unterschicht - drei Prozent mehr als 1999.

Welcher gesellschaftlichen Gruppe man sich zugehörig fühle, hänge vor allem vom Einkommen ab, sagt Studienleiter Wagner. Bei den Befragungen fiel auf, dass sich dennoch in allen Einkommensklassen die Mehrheit zur Mittelschicht rechnet. "Die mit einem niedrigen Einkommen wollen sich ihre schlechte Situation nicht eingestehen - die mit einem höheren Erwerb empfinden sich nicht unbedingt als reich", erklärt der Volkswirt.

Seit acht Jahren wächst den Daten zufolge die finanzielle Ungleichheit zwischen Oben und Unten. Diese nehmen ältere Menschen besonders stark wahr: Bei den 50- bis 60-Jährigen ist der Anteil derer am größten, die sich zur Unterschicht zugehörig fühlen. Gleichzeitig sehen sich hier auch die meisten als Teil der Oberschicht. "Das ist die Generation, die weiß, wie weit sie es wirtschaftlich gebracht hat - oder eben nicht", bewertet Wagner das zweigeteilte Ergebnis.

Frauen und Männer schätzenihren gesellschaftlichen Status ähnlich differenziert ein, wenn sie sich der Mittel- und Unterschicht zuordnen. Männer rechnen sich mit zehn Prozent allerdings doppelt so häufig wie Frauen der Oberschicht zu. Wagner: "Frauen sind einfach realistischer."

heb



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