Neue Studie Warum Migranten ihre Kinder so selten in die Krippe geben

Kinder aus Zuwandererfamilien gehen nur halb so oft in eine Krippe wie andere. Dabei würden gerade sie vor allem sprachlich davon profitieren. Eine Studie hat nun die Ursachen untersucht. Die Ergebnisse sind verblüffend.
Zuwanderer schicken ihre Kinder nur halb so oft in Krippen wie die übrigen Eltern

Zuwanderer schicken ihre Kinder nur halb so oft in Krippen wie die übrigen Eltern

Foto: Bodo Marks/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Ab 1. August hat jedes Kind hierzulande von seinem ersten Geburtstag an Anspruch auf einen Krippenplatz. Auch wenn noch immer Plätze fehlen, ist der Ausbau der Kitas in den vergangenen Jahren rasant fortgeschritten. Und immer mehr Familien nutzen das Angebot - allerdings nicht in allen Teilen der Gesellschaft gleich: Von den zugewanderten Eltern geben nur 14 Prozent ihr Kind vor dem dritten Geburtstag zur Betreuung in fremde Hände, von den übrigen Müttern und Vätern waren es 2011 30 Prozent.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) wollte nun wissen, warum es diesen Unterschied gibt. Denn aus anderen Studien ist bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund, die erst spät oder gar nicht in die Kita gehen, häufig in ihrer Schullaufbahn weniger erfolgreich sind. Einer der wichtigsten Gründe sind dabei Probleme mit der deutschen Sprache. So haben etwa türkischstämmige Kinder, die mehr als drei Jahre im Kindergarten waren, nur zu 19 Prozent entsprechenden Förderbedarf - diejenigen, die nur ein Jahr dort waren, dagegen zu 61 Prozent.

Einer der wesentlichen Gründe für die Entscheidung der Eltern sind pädagogische Vorstellungen. Zum Beispiel darüber, wann der richtige Zeitpunkt ist, ein Kind außerhalb der Familie betreuen zu lassen. Türkischstämmige Bürger kennen etwa aus ihrem Herkunftsland die Institution Kindergarten kaum. Dort besuchten 2002 lediglich knapp 12 Prozent der Kinder vor der Einschulung entsprechende Einrichtungen. Der Schwerpunkt in der Erziehung der Kleinkinder besteht dort darin, eine gute und enge Beziehung zwischen Eltern und Nachwuchs aufzubauen. Die Erziehung zur Eigenständigkeit und das frühe Lernen rangieren dahinter.

Zuwanderer kritisieren Qualität der Kitas

Vor allem Einwanderer der ersten Generation und solche mit einem niedrigen Bildungsniveau bemängeln auch die Qualität der Kitas und Krippen. Sie finden vor allem den Betreuungsschlüssel zu schlecht und die Gruppen zu groß. Zudem kritisieren sie, dass die Kinder nicht gut genug auf die Schule vorbereitet würden und die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erziehern nicht gut laufe. Außerdem wünschen sich die Eltern mehrsprachige Erzieher, geht aus der Erhebung hervor, für die Daten von 1875 Müttern und Vätern mit ein- bis zweijährigen Kindern ausgewertet wurden.

Je länger die Zuwandererfamilien hier leben, desto mehr nähern sich jedoch die Vorstellungen an die hiesigen an. Bereits in der zweiten Generation gibt es in der Einstellung zur Kita-Betreuung kaum noch einen Unterschied zur Gesamtbevölkerung.

Allerdings stoßen Eltern mit Migrationshintergrund, die ihre Kinder in die Kita oder Krippe geben wollen, häufig auf Probleme. Manche teilen sie mit allen anderen Eltern - unpassende Betreuungszeiten, hohe Kosten, weite Wege. Manche sind spezifisch, wie etwa religiöse Vorbehalte oder kulturelle. Und wenn sie selbst nicht so gut Deutsch sprechen, kann schon die Suche nach einem Platz zur unüberwindbaren Hürde werden: Die Forschungsergebnisse des SVR legen nahe, dass Eltern mit ausländischen Wurzeln und Eltern mit einem geringen Bildungsgrad weniger Chancen auf einen Kita-Platz für ihre Sprösslinge haben. Denn in Zeiten von Kita-Mangel und Eltern-Casting erfordert es ein gehöriges Maß an Organisationstalent und Beharrlichkeit, im Wettbewerb um einen Platz dabei zu sein. Um zu gewinnen, muss man sich selbst und sein Kind gut verkaufen können.

Für die Zukunft empfiehlt die Studie neben dem weiteren Ausbau der Kita-Plätze vor allem eine Abkehr vom Betreuungsgeld. Die Experten sehen darin einen "problematischen Anreiz". Schon jetzt würden mehr als ein Drittel der Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, diesen Schritt mit den Kita-Kosten begründen. Erfahrungen aus Norwegen zeigten, dass vor allem sozial benachteiligte Familien lieber das Geld nehmen als den Krippenplatz. Statt den Eltern direkt Geld auszuzahlen, solle die Krippenbetreuung künftig besser gebührenfrei sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.