Studie über "Wutbürger" Alt, stur, egoistisch

Protest gegen Stuttgart 21: Hätten nur sie abgestimmt, wäre Trittin wohl Bundeskanzler
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Protest gegen Stuttgart 21: Hätten nur sie abgestimmt, wäre Trittin wohl Bundeskanzler

Von Franz Walter

3. Teil: Windräder, Stromleitungen - Immobilienwerte stehen auf dem Spiel


Protestgruppen gegen Windkraft, obererdige Stromleitungen oder Flughafenerweiterungen müssen der Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 von der Zusammensetzung nicht ähneln.

Aber alle Initiativen haben ähnliche, ja verblüffend identische Züge: Die Protestteilnehmer sind nicht mehr die Jüngsten. 70 Prozent aller an den Studien beteiligten Personen haben das 45. Lebensjahr bereits hinter sich gelassen. Die Jahrgänge, die sonst üblicherweise die Basis öffentlicher Empörung bilden, also die der 16- bis 25-Jährigen, sind nur zu 1,1 Prozent als "Wutbürger" unterwegs. In der Alterstruktur liegen zudem die größten Differenzen zu den Bürgerinitiativen der siebziger Jahre. Vor 40 Jahren dominierten die 25- bis 40-Jährigen; heute beherrschen die jungen Rentner - damals so gut wie gar nicht präsent - das Bild des Bürgeraufbegehrens.

Die Protestaktivisten sind auffallend akademisch gebildet. Der Anteil von Universitätsabsolventen liegt zwischen 50 und 60 Prozent. Sie können und mögen außerdem über die eigene soziale Lage nicht klagen. Die Gegner des Flughafens Berlin-Brandenburg und der Hochspannungsleitungen sind zu über 90 Prozent zufrieden mit ihren materiellen Lebensumständen.

Ebenso deutlich aber äußern die Protestierenden ihren Unmut über den Zustand der Demokratie in Deutschland, noch stärker beschweren sie sich über die Qualität der Parteien:

  • Dass Parteien politische Probleme lösen können, halten nahezu 80 Prozent der Untersuchungsgruppe für (eher) unmöglich.
  • Ihre Unzufriedenheit mit der Demokratie, wie sie hierzulande praktiziert wird, geben 68 Prozent zu Protokoll.
  • Die übergroße Mehrheit bezeichnet sich selbst als gute Demokraten. 96 Prozent geben sich als Befürworter demokratischer Grundwerte aus.
  • Auf hohe Werte (nie unter 80 Prozent) kommen bei den Unterstützern des Protests stets Forderungen nach mehr Partizipationsmöglichkeiten an der Demokratie, also nach Volksbegehren und Volksentscheid.

Handungsmotive nicht rundum selbstlos

Doch der Anteil aufbegehrender Menschen, die in größerem Umfang als bisher bürgerrechtlich auf allen Ebenen mitmischen wollen, ist erheblich geringer: Es muss sich dann schon um ihre speziellen Alltagsprobleme handeln. Dann aber möchten diese Bürger Entscheidungen nicht so sehr über plebiszitäre Elemente herbeigeführt sehen. Es geht ihnen dann vielmehr darum, als "Betroffene" Einflusskanäle im Gesetzgebungsverfahren für sich wirksam zu nutzen.

Denn natürlich sind die Handlungsmotive der Bürgerproteste nicht rundum selbstlos. Sie werden nicht allein von der Sorge um den Bestand der Fledermäuse, rarer Biotope oder uralter Bäume angetrieben. Die umtriebigen Wortführer gegen Flughafenausbau, Windräder und Oberleitungen sind in bemerkenswert großem Umfang (über 90 Prozent) Grundstückseigentümer und Hausbesitzer.

Sehr prosaisch formuliert: Die Immobilienwerte stehen auf dem Spiel, wenn Stromleitungen und bis zu 150 Meter hohe Windräder in einem bis dahin beschaulichen Kurort den Blick auf eine Caspar-David-Friedrich-Landschaft verstellen, wenn Flugzeuge die Ruhe der Anwohner empfindlich zu stören drohen.



insgesamt 477 Beiträge
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M@ESW, 08.09.2011
1. _
Natürlich geht es immer nur um Eigennutz. Kann gar nicht so viel essen wie ich wegen meiner "Koblenzer Nachbarn" kotzen möchte die einfach nicht ihr blödes Gericht loslassen können.
MissBildung 08.09.2011
2. klar
natürlich geht es den Protestierenden nicht um eine politische Richtung sondern nur um Eigennutz. In der Mehrheit sind dies Menschen, die sich über Konsequenzen ihres Handelns keine Gedanken machen und es lieben, anderen Vordenkern hinterherzulaufen. Da kauft sich Herr Meier also lieber ein Haus auf dem Land mit schöner Aussicht und denkt so der Gesellschaft wegen der hohen Preise in der Stadt ein Schnippchen zu schlagen. Das die riesige freie Fläche vor seinem Haus irgendwann bebaut wird, möglicherweise mit Solaranlagen, Hochstromführungen etc. nein so ein Gedanke kommt erstmal nicht. Klar protestiert man auch gegen deutsche Atomkraftwerke. Das dies nutzlos ist, weil an der Grenze des Nachbarlandes wieder welche stehen, wird ignoriert. Wenn dann die Energiepreise anziehen, dann wird gemotzt. So habe man das auch wieder nicht gewollt und sichtbare Stromkabel am eigenen Grundstück, nein das geht gar nicht. Mein Tenor: Das ist die Konsequenz von der jahrelangen Bürgerverdummung, anders kann ich mir die panischen Reaktionen von Wutbürgern auf Modernisierung nicht erklären.
ooyoo 08.09.2011
3. Ganz gute Beschreibung
Egoistisches Nichtwollen ohne zu sagen, was man will.
Bundeskanzler Ackermann 08.09.2011
4. Eigennutz
Warum sollten Bürger auch uneigenüntzig handeln, wenn Politiker, Konzerne usw. das auch nicht un?
zynik 08.09.2011
5. studie
Zitat von sysopSie*protestieren gegen Großprojekte wie Stuttgart 21, Windräder und Hochspannungsmasten, werden deshalb "Wutbürger" genannt. Doch Göttinger Forscher haben jetzt herausgefunden: In Wahrheit geht es den Empörten weniger um Kritik an politischen Prozessen, sondern um blanken Eigennutz. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,784664,00.html
Es wird auch keine Möglichkeit ausgelassen jegliche Form von zivilem Widerstand zu diskreditieren. Wer hat die Studie diesmal finanziert? Die Bahn? Fazit: Engagement -wofür oder wogegen auch immer- lohnt in unserer Demokratie nicht und macht einen lediglich zum "Wutbürger".
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