Studie zur Kinderarmut Sehnsucht nach Liebe und Sicherheit

Sozial benachteiligte Mädchen und Jungen wünschen sich Zuwendung, Unterstützung und immer genug zu essen. Dies ist das Ergebnis einer Studie, bei der erstmals arme Kinder zu ihrer Lebenssituation befragt wurden.
Von Esther Wiemann

Berlin - Wenn der elfjährige Basti* aus Hamburg sich etwas wünschen dürfte, so wäre es, dass seine Eltern netter zu ihm sind und mal mit ihm spielen würden. Sein zweitgrößter Wunsch ist ein eigenes Fahrrad. Tamika*, zwölf Jahre alt, besitzt ein nagelneues Mountainbike. Doch am Wochenende hat sie kaum Zeit, damit zu fahren: Sie muss im Imbiss ihrer Adoptiveltern für den Lebensunterhalt mitarbeiten. Die zwölfjährige Rhina* wünscht sich mehr Geld, damit auch ihre Mutter sich etwas leisten kann.

Für Kinder hat Armut kein einheitliches Gesicht. Das geht aus der Bepanthen-Kinderarmutsstudie hervor, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Forscher der Universität Bielefeld interviewten etwa 200 Kinder aus Hamburg und Berlin, die regelmäßig das Kinderhilfswerk Die Arche besuchen. Erstmals wurden sozial benachteiligte Jungen und Mädchen von 6 bis 13 Jahren befragt, wie sie die eigene Situation einschätzen und was ihnen wichtig ist. Kinder, die in Armut aufwachsen, wie Tamika, Basti und Rhina wünschen sich danach vor allem mehr Zuwendung und Unterstützung. Befragt wurden sie im Rahmen der Studie, was ein gutes Leben ausmacht: "Von den Eltern geliebt zu werden", "genug zu essen zu bekommen", "gute Freunde" und "immer jemanden zu haben, der sich um sie kümmert", ist ihnen am Wichtigsten. "Kinder wünschen sich für alle Altersgenossen gute Beziehungen, die Versorgung von Grundbedürfnissen, aber sie verlangen auch ein Recht auf Schulbildung, Gewaltfreiheit, Freizeit und medizinischer Versorgung", sagt die Bielefelder Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen, die die Studie leitet.

Gefragt nach den wichtigsten Dingen in ihrem Leben nennen die meisten Kinder mit knapp 18 Prozent zuerst Personen wie Familienangehörige und Freunde, dicht gefolgt von elektronischen Geräten wie Playstation oder Handy mit fast 17 Prozent. Als arm gelten Mädchen und Jungen in Deutschland, wenn ihren Eltern weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung steht. Nach dem Deutschen Kinderschutzbund ist etwa jedes sechste Kind in Deutschland betroffen.

Trotz der schwierigen Lebensumstände glauben die meisten der befragten Kinder, dass ihr Leben richtig schön werden wird. Etwa jedes zehnte Kind aus einer armen Familie meint dagegen "wenig Hoffnung auf eine persönlich gute Zukunft zu haben". Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist bei den meisten groß: Rund 85 Prozent der Jungen und Mädchen sind der Meinung, dass sie viele Dinge richtig gut können und etwa 70 Prozent denken, dass ihnen bei Problemen immer etwas einfällt.

Arme Kinder wollen nicht ausgegrenzt werden

Dieses enorme Potential gehe verloren, wenn die Kinder nicht gefördert werden, sagt Andresen. Wichtig seien außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote, durch die sozial benachteiligte Kinder ihre Potentiale und Fähigkeiten entfalten könnten. "Kinder brauchen verlässliche Ansprechpartner", sagt auch Arche-Gründer Bernd Siggelkow. Den Kindern mangele es meistens an Zuwendung und einem offenen Ohr für ihre Sorgen und Probleme: "Was Kinder in ihrer Freizeit tun, entscheidet mit darüber, welche Aufstiegschancen sie später haben." Bedauerlich sei deswegen vor allem, dass viele Freizeiteinrichtungen ihr Angebot aus finanziellen Gründen einstellen mussten. Daher müsse die Regierung in diesem Bereich dringend deutlich mehr Geld investieren.

Laut Studie hat auch aus Sicht der Kinder die Arche eine große Bedeutung. Sie verbinden Freundschaft, Fürsorge, Betreuung und Verlässlichkeit damit. Viele Kinder seien sich ihrer schwierigen Situation bewusst. Trotzdem wollen sie nicht, dass ihre Familien ausgegrenzt werden. Auch das hat die Untersuchung ergeben. Basti, der eigentlich gerne in die Arche geht, fand deswegen den Schriftzug "Wir holen die Kinder von der Straße" auf den Autos der Arche gar nicht toll. Seine Begründung: Er lebe ja nicht auf der Straße. Mittlerweile wurde der Slogan entfernt.


* Name von der Redaktion geändert

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.