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Studie zur NS-Zeit Verbrechen des Auswärtigen Amts beschämen Westerwelle

Außenminister Westerwelle zieht Konsequenzen: Die Behörde sei an der systematischen Vernichtung der europäischen Juden beteiligt gewesen, sagte er zur Veröffentlichung einer Historikerstudie über deutsche Diplomaten im Dritten Reich. Das Buch werde Bestandteil der Mitarbeiterausbildung sein.

Guido Westerwelle

Auswärtigen Amtes

Berlin - Außenminister hat sich "beschämt" über die Verstrickung des in die Naziverbrechen gezeigt. Das Auswärtige Amt sei ein aktiver Teil der verbrecherischen Politik des sogenannten Dritten Reichs gewesen, sagte der FDP-Politiker am Donnerstag in Berlin, nachdem er die aktuelle Historikerstudie zu dem Thema überreicht bekam.

"Es beschämt uns, wie das Auswärtige Amt und viele seiner Angehörigen während der Nazi-Herrschaft schwere Schuld auf sich geladen haben", sagte Westerwelle. An der systematischen Vernichtung der europäischen Juden sei das Amt "mit administrativer Kälte beteiligt" gewesen. Als Leser der Studie könne man "nur erschauern, wenn man die bürokratische Alltäglichkeit der Vernichtungspolitik in all ihren Details nachliest. Ausgeführt von einer Institution, die sich selbst als Elite verstand und in Wahrheit tief im Verbrechen versank. Da gibt es nichts zu rechtfertigen, da gibt es nichts zu beschönigen."

Der Außenminister kündigte an, "wo immer nötig sachgerecht Konsequenzen" aus der Studie zu ziehen. Das Buch werde künftig fester Bestandteil der Ausbildung von Diplomaten sein. Zugleich wies Westerwelle darauf hin, dass die Widerstandsgruppe des 20. Juli auch im Auswärtigen Amt einzelne Verbündete gehabt habe. Jene, die damals den "Aufstand des Gewissens" gewagt hätten, seien heute Vorbilder.

Ausdrücklich bedankte er sich bei seinen Amtsvorgängern Joschka Fischer und Frank-Walter Steinmeier. Unter dem Grünen-Politiker Fischer war die Historikerkommission nach einem vorangegangenem Streit mit früheren Diplomaten wegen der umstrittenen Nachrufpraxis eingesetzt worden, unter dem Sozialdemokraten Steinmeier hatte sie ihre Arbeit 2006 aufgenommen.

Ausstellungen von Dokumenten

"Dieses Buch lässt niemanden kalt", sagte Westerwelle. Im Bibliothekssaal des Außenamtes, nur wenige Meter vom Redner entfernt, wird derzeit unter anderem in einer Vitrine jene Reisekostenabrechnung ausgestellt, in der 1941 der sogenannte Judenreferent im Auswärtigen Amt, Franz Rademacher, angegeben hatte: "Liquidation von Juden in Belgrad". Mit Verweis auf jenen Eintrag sagte Westerwelle: "In diesem Amt konnte man Mord als Dienstgeschäft abrechnen." Er zitierte auch aus einer offiziellen Festschrift des Auswärtigen Amtes noch von 1995, in der es hieß, das Auswärtige Amt sei kein Hort des Widerstandes gewesen, aber auch keine Dienststelle der SS. Die Verfasser hätten damals geschrieben, die Wahrheit liege "irgendwo in der Mitte", zitierte Westerwelle und fügte ausdrücklich hinzu: "Und da liegt sie eben nicht".

Westerwelle verwies auch auf jene zwölf Angehörigen des Ministeriums, "die ihren Mut zum Widerstand mit dem Tod bezahlt haben". Sie werden im Auswärtigen Amt, im Bau der früheren Reichsbank, auf einer großen Tafel namentlich geehrt. Einige dieser Geehrten seien Mitglieder der NSDAP gewesen, hätten sich aber später zum Widerstand entschlossen. Der Minister betonte, einem Menschen werde man nur gerecht, wenn man sehr genau hinschaue.

In diesem Zusammenhang verteidigte er die seit Februar geltende Nachrufpraxis im Auswärtigen Amt. "Nazis werden nicht geehrt", betonte er. Es sei aber "eine Frage der Pietät", dass man ehemaligen Mitarbeitern des Ministeriums, die ein Berufsleben lang unter oft schwierigen Bedingungen für Deutschland gearbeitet und die keine nationalsozialistisch belastete Vergangenheit hätten, würdigend gedenke. Westerwelle fügte hinzu: "In allen Fällen, in denen Zweifel bestehen, werden wir im Lichte der Ergebnisse der Historikerkommission externen Sachverstand hinzuziehen."

Kein "ehrendes Andenken" für Ex-NSDAP-Mitglieder

Mit der Regelung, dass über den Tod der früheren Mitarbeiter im Amtsblatt "AA intern" nur noch nachrichtlich informiert wurde, wollte Fischer sicherstellen, dass es für Ex-NSDAP-Mitglieder kein "ehrendes Andenken" mehr gibt. Derzeit erfolgt vor einer Würdigung von Ex-Diplomaten, die zum Kriegsende 18 Jahre oder älter waren, den Angaben nach eine strenge Einzelfallprüfung.

Vor Westerwelles Rede im Bibliothekssaal des Auswärtigen Amtes hatte einer der anwesenden vier Historiker sehr persönliche Worte für seine Mitarbeit an der Studie gefunden. Der israelische Forscher Moshe Zimmermann erklärte, glücklicherweise hätten seine Eltern vor der Pogromnacht vom November 1938 Deutschland verlassen: "Nur so konnte ich 60 Jahre später Mitglied der Kommission werden." Das Deutschland von heute sei ein anderes als das Land der dreißiger, vierziger und "sogar der fünfziger Jahre", so Zimmermann. Die Forscher unter Leitung des Historikers Eckart Conze haben in ihrem Buch auch die personelle Kontinuität des 1951 wieder gegründeten Auswärtigen Amtes untersucht. Westerwelle nahm auch darauf Bezug: Nur ein Fünftel des damaligen Personals sei ein Verfolgter des Naziregimes gewesen, aber 40 Prozent hätten der früheren NSDAP angehört.

hen/sev/dapd/dpa
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