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Alexander Neubacher

Die Gegendarstellung Wetterpanik

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Leiden wir Deutschen an German Angst? Ganz im Gegenteil: Wir genießen sie. Nichts begeistert uns mehr als die Aussicht auf eine finstere Zukunft.
aus DER SPIEGEL 8/2020
Foto: Hauke-Christian Dittrich/ dpa

Hunderttausende machten vergangenen Montag frei in Erwartung von Sturmtief "Sabine". In Aachen pausierte die Müllabfuhr, in Essen ebenso, in Hamburg durften Friedhöfe nicht betreten werden. Schulen blieben geschlossen, Flugzeuge am Boden. In München schickte der Maschinenbaukonzern MAN eine interne Mitteilung an Mitarbeiter, man möge zu Hause bleiben. Und so freuten sich die Menschen über einen geschenkten Feiertag, den nicht wenige dank milder Temperaturen im Grünen verbrachten. In weiten Teilen Deutschlands stellte sich "Sabine" als frühlingshaftes Lüftchen heraus.

Nun kann es immer passieren, dass die Wettervorhersage irrt. Auch in unseren Nachbarländern war vor dem Sturmtief gewarnt worden. Bloß kam dort niemand auf die Idee, schon vor der ersten Windböe das Land stillzulegen.

Ob in der Schweiz, in Frankreich oder in den Niederlanden: Alle redeten vom Wetter, aber die Bahn fuhr. Und auch der von der tschechischen Staatsbahn eingesetzte EC 176 Prag – Hamburg begab sich am Montag fahrplangetreu auf seine Reise nach Norddeutschland, wohingegen die Deutsche Bahn ihren Fernverkehr auf denselben Gleisen vorsorglich eingestellt hatte. Ja, waren die Tschechen denn verrückt geworden? Nein, sie fuhren nach Hamburg einfach etwas langsamer als sonst.

Womöglich sind es wir Journalisten, die bei der Berichterstattung über Wetterphänomene inzwischen durchdrehen und die Leute verrückt machen. In vielen Nachrichtensendungen wurde "Sabine" mit wohligem Grusel zum "Monstersturm" oder gar "Horror-Orkan" hochgeredet, obwohl die amtlichen Wetterdaten das nicht hergaben. "Für viele der (Horror-) Schlagzeilen ist einzig und allein der Brocken mit seiner exponierten Lage verantwortlich", schrieb der Deutsche Wetterdienst auf seiner Homepage. Zu spät.

Die Medien, auch SPIEGEL.de, hatten ihre Liveticker bereits auf Katastrophenberichterstattung ausgerichtet und meldeten bahnbrechende Nachrichten wie diese: "09.13 Uhr: Ziegel wurden in Ostfildern nahe Stuttgart von einem Dach gelöst." Hätte am Montag nicht zufällig Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Rücktritt vom CDU-Vorsitz angekündigt, wäre wohl auch der ARD-"Brennpunkt" mit Bildern von umgeknickten Bäumchen bestritten worden.

Womöglich ist die Überreaktion Ausdruck eines allgemeinen gesellschaftlichen Panikzustands. Wer nicht mehr ins Chinarestaurant geht, weil er sich vor dem Coronavirus fürchtet, wer aus Strahlenangst den Ausbau eines schnellen Mobilfunknetzes ablehnt, wer bei E-Rollern, wie die Deutschen im vorigen Sommer, nicht an Mobilitätsgewinn oder gar Spaß denkt, sondern nur an mögliche Kopfverletzungen, der wird sich die Aussicht auf eine Klimakatastrophe nicht entgehen lassen. Selbst wenn es sich nur um schlechtes Wetter handelt.

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