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28. November 2011, 06:37 Uhr

Stuttgart 21

Bürger zwingen Kretschmann zur Kehrtwende

Von , Stuttgart

Die Bagger können rollen: Die S21-Gegner haben den Volksentscheid in Baden-Württemberg klar verloren - für Ministerpräsident Kretschmann eine herbe Schlappe. Der Grüne muss nun das Bauprojekt realisieren, das er jahrelang bekämpft hat. Aber ist der Konflikt damit befriedet?

Jene, die den Bahnhof schon immer wollten, können sich nach diesem Ergebnis die Schadenfreude schwer verkneifen. Die Christdemokraten stolzieren durch die Hallen des Stuttgarter Landtags, als hätten sie nie eine Wahl verloren. Die Sozialdemokraten wedeln breit grinsend mit ersten Analysen des Volksentscheids. Und andere Bahnhofsfans lassen ihr Handy dauerklingeln. Neuster Sound: Kettensägengeräusche. Sie gelten den Bäumen im Schlossgarten.

Nur ein fieses Symbol, klar. Aber es wird wohl bald Realität werden. Denn das Votum der Bürger beim Volksentscheid zu Stuttgart 21 ist überraschend klar: Die Bagger können rollen, die Sägen loslegen. Das Vorhaben, das von einer lokalen Angelegenheit zum nationalen Ereignis wurde, soll weitergeführt, der historische Kopf- nun endlich in einen modernen Tiefbahnhof umgewandelt werden. Fast 60 Prozent der Abstimmenden wollen es so. Bäume im Schlossgarten hin oder her.

Dass sie es schwer haben würden, hatten die Gegner geahnt. Zu hoch das Quorum, zu wenig Rückhalt außerhalb Stuttgarts. Aber dass sie regelrecht abgeschmettert werden, hatten sie nicht erwartet. "Das überrascht mich schon", sagt Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer offen, einer der lautesten Kritiker des Bauprojekts.

Kretschmann hat den Kampf verloren

Gedrückt ist die Stimmung nicht zuletzt bei Winfried Kretschmann. Für ihn ist es eine sehr persönliche Niederlage. Der erste grüne Ministerpräsident hat weite Teile seines politischen Lebens gegen S21 gekämpft, hat demonstriert, rebelliert. Hat mitgeholfen, aus einem kleinen Protest eine Massenbewegung zu machen. Vor neun Monaten spülte ihn der Widerstand sensationell ins Stuttgarter Staatsministerium. Jetzt wird er das von seiner Partei verhasste Bauprojekt plötzlich umsetzen müssen. Was für eine Wendung.

Kretschmann versucht gar nicht erst, seine Enttäuschung zu verbergen. Er spricht von einer harten Entscheidung, sagt, er trage daran schwer. Aber gleichzeitig, so Kretschmann, sei die Abstimmung ein "großer Sieg der Demokratie" und ein weiterer Schritt in die Bürgergesellschaft: "Die ganze Republik hat profitiert." Er will, ja er muss auch ein bisschen zufrieden klingen.

Aber Kretschmann weiß, dass er einen Kampf verloren hat. Er muss jetzt einlenken. "Wenn das Volk entscheidet, hat es das letzte Wort", stellt er klar. Die Regierung werde das Projekt "kritisch-konstruktiv begleiten", sich aber nicht querstellen. "Die Bahn hat Baurecht, wir müssen gewährleisten, dass sie bauen kann." Es ist seine Kapitulation vor dem Souverän. Der schier endlose Konflikt, er soll endlich befriedet werden.

Immerhin: Wenigstens das unangenehmste Szenario ist ihm erspart geblieben. Hätten die Gegner nämlich eine Mehrheit erreicht, aber das Quorum von einem Drittel der Stimmberechtigten verfehlt, wären quälende Debatten über die Legitimität des Ergebnisses kaum zu vermeiden gewesen. So sind beide Ziele verfehlt worden. Da ist eigentlich kein Raum für Interpretation.

Die Arbeit in der Koalition wird nicht leichter

Trotzdem ist der Ministerpräsident in einer heiklen Lage: Dass ausgerechnet er den Weiterbau garantieren muss, dass der einstige Held der Protestbewegung den Erfüllungsgehilfen der Gegenseite spielen muss, dürfte auf der Straße und in seiner Partei zu Enttäuschungen führen.

Die kommenden Tage und Wochen werden nun zum Test seiner Führungsstärke. Er wird beweisen müssen, dass er in der Lage ist, seine Partei trotz der Pleite in Einigkeit zu halten. Dass das bei den Grünen dieser Tage nicht immer ganz einfach ist, zeigt das Beispiel in Berlin, wo sich der Landesverband gerade zerlegt.

Leicht wird es auch im Ländle nicht, den Laden auf Linie zu bringen. Zwar sagt selbst Oberkritiker Palmer, das Ergebnis sei so klar, dass es "jetzt nichts mehr zu debattieren" gebe. Aber natürlich gibt es Grüne, für die die Gegnerschaft zu S21 von geradezu existentieller Bedeutung ist. Verkehrsminister Winfried Hermann zum Beispiel. Er hat in seinem Haus etliche Posten mit überzeugten Kopfbahnhöflern besetzt. Wie er und seine Leute fortan den Bau politisch managen sollen, ist völlig unklar. Mancher in Stuttgart sähe jetzt gerne seinen Rücktritt. Doch er will davon nichts wissen: "Ich bin der zuständige Minister", sagt er, was wie eine kleine Drohung klingt. Aber klar ist: Sein Ministerium hat schon jetzt massiv an Bedeutung verloren. Ob Herrmann bleibt oder nicht.

Auch Kretschmanns Arbeit in der Koalition wird kaum leichter werden. S21 ist seit jeher ein Spaltpilz zwischen Grünen und Roten. Für die SPD ist das Ergebnis vom Sonntag ein schöner Erfolg. Dass die Entscheidung so ausgefallen ist, wie die Mehrheit der Sozialdemokraten sich das gewünscht hat, könnte dem sonst nicht gerade vor Selbstvertrauen strotzenden Juniorpartner ein wenig Aufwind verschaffen. Kretschmanns Vize Nils Schmid spricht denn auch von einem "großartigen" Ergebnis und kündigt forsch an: "Die Landesregierung wird den Bau des Bahnhofs vollenden, so wie es die Bürger wünschen."

Unangenehme Kostenfrage

Ob Kretschmann den Konflikt wirklich befrieden kann, wird zudem entscheidend davon abhängen, ob auch die Protestbewegung das Ergebnis anerkennt. Der harte Kern der Aktivisten, die Parkschützer, haben bereits angekündigt, ihre Proteste erst einzustellen, "wenn Stuttgart 21 beendet ist". Was, wenn der grüne Ministerpräsident den Umbau des Bahnhofs irgendwann sogar mit Gewalt durchsetzen müsste? Kretschmann wiegelt ab. Er sehe "keinen Grund, Geister an die Wand zu malen", sagt er.

Die Geldfrage könnte ebenfalls noch unangenehm werden. Zwar pocht Kretschmann auf die von der Bahn garantierte Kostengrenze von 4,5 Milliarden Euro, auch den Landesanteil von einer Milliarde Euro will er unter keinen Umständen aufstocken. Nur was ist, wenn die Bahn sich mal wieder verkalkuliert - aber längst Fakten geschaffen hat? Gut möglich, dass Kretschmann dann nachschießen muss - ob er will oder nicht.

So weit will es der Ministerpräsident nicht kommen lassen. Er verlangt von der Bahn eine Garantie, dass sie sämtliche Kosten übernähme - sollte der Rahmen von 4,5 Milliarden Euro gesprengt werden. "Wir werden", droht Kretschmann den Bahnhofsbauern, "nicht mehr bezahlen, als unser Anteil ist."

Aber mit Drohungen ist das jetzt so eine Sache.

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