"Stuttgart 21"-Demonstrationen "Alarm, Alarm. Sie kommen"

Sie übernachten im Freien, geben Kindern Geologienachhilfe und wollen vor allem eines: den Megaumbau des Stuttgarter Bahnhofs verhindern. Für den Abend ist eine Großdemo gegen das Milliardenprojekt "Stuttgart 21" geplant. Einige versuchen nun, die Polizei auf ihre Seite zu ziehen.
Demonstranten in Stuttgart: Aufstand mit Kinderwagen und Trillerpfeifen

Demonstranten in Stuttgart: Aufstand mit Kinderwagen und Trillerpfeifen

Foto: ALEX DOMANSKI/ REUTERS

Um neun Uhr ertönt die Sirene: "Alarm, Alarm. Sie kommen", ruft ein stämmiger Mann mit kurzgeschorenen Haaren. Auf sein Kommando rennen die Demonstranten los und einen kurzen Augenblick später sitzen sie auf dem Asphalt und blockieren die Zufahrtsstraße zur Baustelle des Stuttgarter Bahnhofs.

"Schließt euch fest zusammen, hakt euch unter, steht nicht auf", ruft der Ordner mit dem Megafon unter dem Arm, dessen Sirene unvermindert weiterheult. Die beiden Lastwagen, die Bauschutt abtransportieren sollen, kommen nicht durch.

Die Polizei dagegen schon.

Die Hundertschaften rücken an und kreisen die Gruppe ein. "Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei", ertönt eine Stimme aus einem der Einsatzfahrzeuge. "Wir bitten Sie, den Platz zu räumen." Die Demonstranten antworten im Chor: "Die Polizei ist nicht unser Gegner" und stimmen ein Lied an: "Schließt euch fest zusammen, leistet Widerstand, gegen das Milliardengrab im Land."

"Stuttgart 21".

Kampfszenen im Ländle: Seit Wochen protestieren viele Stuttgarter gegen das in ihren Augen unsinnige, viel zu teure Projekt Der Stuttgarter Hauptbahnhof soll vom Kopf- zum unterirdischen Durchgangsbahnhof und der Flughafen an das Schienennetz angebunden werden, eine Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Ulm ist geplant.

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"Stuttgart 21": Protest gegen den Abrissbagger

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Deutschen Bahn

Die Kritik entzündet sich aber nicht nur an den hohen Kosten, sondern auch an den möglichen Folgen des Baus. Der Grund: Ein von der selbst in Auftrag gegebenes Gutachten eines Stuttgarter Ingenieurbüros war zu dem Ergebnis gekommen, dass der Untergrund in der baden-württembergischen Hauptstadt für das Projekt ungeeignet sei, da er voller Hohlräume sei, in die das Grundwasser bei den unterirdischen Sprengungen gelangen würde. Für den "Stern" hat der Tübinger Geologe Jakob Sierig das Gutachten analysiert. Sein Schluss: "Bei 'Stuttgart 21' geht es nicht um mögliche Risse in Häusern, es geht um mögliche Krater, in denen Häuser verschwinden können. Es geht um Menschenleben." Außerdem könnte die geplante Tieferlegung der Bahnanlagen zu einem Verlust von wertvollen Biotopflächen und zu einem Kahlschlag im Stuttgarter Schlossgarten führen.

Auch die alarmierenden Ergebnisse dieser Studie treiben viele Stuttgarter zu den Protesten. Manche von ihnen haben sogar von Donnerstag auf Freitag vor der Megabaustelle geschlafen. Auch Politiker wie die 49-jährige Clarissa Seitz, die für die Grünen im Gemeinderat sitzt, haben sich zum Schlafen unter freiem Himmel entschlossen. Eingehüllt in Schlafsäcke stehen sie im Morgengrauen an den Bäumen, trinken Kaffee und planen den Tag.

Großdemonstration am Abend geplant

Dieser Freitag soll ein großer Tag werden. Von 19 Uhr an werden mehr als 50.000 Demonstranten erwartet, die auf einer Großkundgebung vor der Baustelle und dem Landtag gegen das Milliardenprojekt "Stuttgart 21" protestieren und für den Erhalt ihres alten Bahnhofs sowie die Umwelt in ihrer Stadt lautstark die Stimme erheben wollen.

Mit der Ruhe auf dem Bahnhofsvorplatz ist es für die verschlafenen Demonstranten schon bei der Ankunft der beiden Baulaster am Morgen vorbei. "Freitags frei für die Polizei", ruft einer der Sitzstreikenden. Unter ihnen ist auch Philipp Hebenstreit.

Der 32-Jährige war bereits am Donnerstag den ganzen Tag bei den Demonstrationen dabei. "Eigentlich muss ich einkaufen. Mein Sohn hat morgen seinen ersten Geburtstag", sagt er. Aber jetzt will er erst mal demonstrieren. Die Polizei räumt die Sitzblockade - unter dem lauten Geschrei der Demonstranten, aber friedlich. Einer nach dem anderen wird davongetragen.

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Stuttgart 21: Ein Bahnhof wird tiefergelegt

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Man sieht, dass viele Menschen mit Sitzblockaden keine Erfahrung haben. Eine ältere Frau lässt sich bereitwillig von den jungen Polizisten auf die Beine helfen. "In meinem Alter geht das nicht mehr so gut", sagt sie lächelnd zu den Beamten. Die nicken verständnisvoll.

Ein Mann mit rotem T-Shirt, grauem Bart und langen Haaren, die von einem Che-Guevara-Stirnband zusammengehalten werden, kennt sich mit Räumungen indes besser aus. "So wie früher", sagt er breit grinsend. Am Straßenrand steht die 72-jährige Hildegard Bingen, mit ihrem Enkel Vincent. Der Sechsjährige mit den blonden Haaren, der Tigerenten-Brille und der Zahnlücke schaut fasziniert zu, wie der Bagger Stück für Stück die alten Mauern des Bahnhofs abträgt und die Polizisten die Demonstranten hochheben. Mit seiner Großmutter wollte er eigentlich in den Zoo, aber die wollte ihm vorher noch den Sitzstreik zeigen. "Ich will, dass er sieht, was hier passiert", sagt die Rentnerin.

Friedlich aber entschlossen

Franziska Schmitt steht mit einem Kinderwagen und ihrer Tochter, der neunjährigen Johanna, daneben. Auch sie ist gekommen, um der Kleinen zu zeigen, was die Großen machen. Die Mutter gibt sich dabei alle Mühe, erklärt was ein Sitzstreik ist, warum die Polizisten eigentlich gut sind, auch wenn sie gerade die Teenagerin samt ihrem Rucksack und der Protestfahne wegtragen.

Schmitt ist gut informiert, wie so viele hier. Die Innenarchitektin im Mutterschutz erklärt ihrer kleinen Tochter: "Die Erde hier ist tückisch und gefährlich. Unser Stuttgart liegt auf einer Schicht aus Anhydridgestein, das sich zu 80 Prozent aus Gips zusammensetzt. Wenn Anhydrid mit Wasser in Berührung kommt, quillt es doll auf und bekommt Riesenrisse." Was die Mutter in der Zeitung gelesen hat und nun Kindgerecht zu erklären versucht, ist für ihre Tochter nur schwer verständlich. Trotzdem bekommt sie lobenden Zuspruch von einer Demonstrantin, die das Gespräch mitbekommen hat. "Sehr gut", sagt sie.

Dann nimmt sie ihre Brille vom Kopf, setzt sie auf die Nase und geht auf die Polizisten zu. Die stehen wie versteinert vor ihr, als sie ihnen einen Flyer in die Hand geben will. Dankend lehnen sie ab, bekommen dann aber vom Einsatzleiter die Genehmigung, das Papier anzunehmen und lesen: "Es tut uns leid, dass ihr so viele Überstunden machen müsst. Wir sind keine Spinner und keine Fortschrittsverweigerer", steht darauf geschrieben.

Die Polizisten lächeln. Die umstehenden Demonstranten klatschen.

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