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09. Oktober 2010, 18:42 Uhr

Stuttgart 21

Neue Massendemo gegen Bahnhofsprojekt

In Stuttgart haben erneut Zehntausende gegen das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 demonstriert. Sie forderten einen sofortigen Baustopp und neue Verhandlungen. Die Veranstalter sprachen von rund 150.000 Teilnehmern, die Polizei ging von 63.000 Demonstranten aus.

Stuttgart - Der Protestzug mit anschließender Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz stand unter dem Motto "Sofort Baustopp - dann Gespräche". Die Demonstration verlief nach Polizeiangaben völlig friedlich. Der Umbau des Stuttgarter Kopfbahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof soll den Zugverkehr deutlich entlasten und Umsteigewege verkürzen. Während die Veranstalter von rund 150.000 Demonstranten ausgingen, nannte ein Polizeisprecher die Zahl von 63.000 Teilnehmern. Dies sei die höchste von der Polizei angegebene Teilnehmerzahl seit Beginn der Proteste gegen Stuttgart 21.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat in der Debatte um Stuttgart 21 vor einem immer stärkeren Auseinanderfallen von individuellen und übergeordneten Interessen gewarnt. "Wenn wir es nicht schaffen, lokale und gesamtwirtschaftliche Interessen zusammenzubringen, dann ist dieses Land nicht mehr veränderbar", sagte sie am Samstag beim Landestag der Jungen Union Mecklenburg-Vorpommern.

Der Einzelne müsse bereit sein, mit Blick auf die Gemeinschaft Nachteile in Kauf zu nehmen. "Wenn man nur an sich denkt und nicht an kommende Generationen, ist das ein Problem für unser Land." Deutschland habe für die Zukunft alle Chancen, sagte Merkel. "Aber mit dem Sperren gegen jede Veränderung wird das nichts werden."

Kirche will vermitteln

Stuttgart soll über das Milliardenvorhaben an den europäischen Schnellbahnverkehr angeschlossen werden. Die Gegner von S21 kritisieren unter anderem, dass für den Bau Hunderte alte Bäume im Schlossgarten gefällt und große Freiflächen zubetoniert werden sollen. Das Stadtbild von Stuttgart würde durch die Lichtschächte für den unterirdischen Bahnhof verschandelt, warnen sie. Zudem sei das Projekt viel zu teuer und berge hohe technische Risiken.

Angesichts des tiefen Konflikts zwischen Gegnern und Befürwortern hat nun auch die Kirche angeboten, vermittelnd einzuwirken. "Ich will nicht den Misserfolg der Schlichtung herbeireden. Aber ich sage auch: Wir Kirchen sind bereit, die Schlichtung zu begleiten", sagte der evangelische Landesbischof der Württembergischen Kirche, Frank Otfried July.

Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) nannte die Auseinandersetzung um das Bauprojekt einen Richtungsentscheid für Deutschland. "Es geht um die Frage: Kann ich in Deutschland auf Basis von Rechtssicherheit und Vertragstreue noch Projekte angehen", sagte er. Zugleich bot Mappus den Bürgern in einem offenen Brief weitere Informations- und Gesprächsforen - eine "Dialogagenda Stuttgart 21" - an.

Angesichts des Streits können sich die Grünen wachsende Hoffnungen für die Landtagswahlen im März machen. In einer SPIEGEL-Umfrage lag ein von den Grünen geführtes Bündnis mit der SPD weit vor CDU und FDP.

hil/DPAD/dpa

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