Südwest-CDU in der Krise Sehnsucht nach Karl Dosenbier

Fast 60 Jahre lang war Baden-Württemberg schwarz, dann stürzte die CDU in die Opposition. An diesem Samstag muss die verstörte Partei aus zwei blassen Kandidaten einen neuen Chef aussuchen - für viele Mitglieder eine "Wahl zwischen Pest und Cholera".

Kandidaten Strobl, Mack: "Fast jeden Tag ergibt sich eine günstige Gelegenheit"
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Kandidaten Strobl, Mack: "Fast jeden Tag ergibt sich eine günstige Gelegenheit"

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Berlin - Wissen Sie, was geschieht, wenn ein Wahlkampf so richtig schiefgeht? Wenn eine Partei aus der Regierung fliegt? Wer wird dann wohl als einer der Ersten geschasst? Richtig, der Generalsekretär. Ist ja quasi der Trainer der Truppe. So war das eigentlich immer, ob in den Ländern oder im Bund.

Nur in Baden-Württemberg ist das ein bisschen anders. Da war Thomas Strobl CDU-Generalsekretär unter dem Vorsitzenden Günther Oettinger und er war es auch unter Stefan Mappus. Als die CDU im März abgewählt wurde, blieb Strobl: Generalsekretär. Aber neulich war dann doch Schluss, der Mann ließ sich von seinen Aufgaben als CDU-Manager entbinden.

Denn Thomas Strobl will jetzt Parteichef werden. "Wenn der Präsident geht, kann der Trainer nicht bleiben und Präsident werden" - dieser Spruch eines CDU-Mitglieds auf einer Basiskonferenz hängt Strobl nach.

Wird es der 51-Jährige trotzdem schaffen? Am Samstag kommen 395 Delegierte zum Parteitag in Ludwigsburg zusammen, um über ihren neuen Vorsitzenden zu entscheiden. Tatsächlich: entscheiden. Denn kurz vor Toresschluss hat Strobl noch einen Gegenkandidaten bekommen: Winfried Mack, Landtagsabgeordneter, 45 Jahre, selbsterklärter "Mann der Basis", unbekannt. Auf seiner Homepage schreibt Mack, dass zur Politik die Gunst des Augenblicks gehöre: "Fast jeden Tag ergibt sich eine günstige Gelegenheit." Bietet sich am Samstag eine Gelegenheit? Ein langjähriges CDU-Mitglied klagt: Für viele werde es "eine Wahl zwischen Pest und Cholera" sein.

Und plötzlich war Schluss

Die Lage ist trist, die Partei verstört. 58 Jahre lang haben die Christdemokraten in Stuttgart regiert, den Ministerpräsidenten gestellt. Ununterbrochen. Gebhard Müller, Kurt Georg Kiesinger, Hans Filbinger, Lothar Späth, Erwin Teufel, Günther Oettinger, Stefan Mappus. Und plötzlich war Schluss. Mit der Ländle-CDU konnten weder Bayerns CSU noch Kubas Fidel Castro mithalten. Das ist die Fallhöhe. Deshalb ist der Schmerz jetzt so groß. Nach der Wahl hatte die ewige Regierungspartei nur noch zwei Dienstwagen zu verteilen: Einen für den Fraktionschef, den anderen für den Präsidenten des Landtages. Gleich fünf CDU-Bewerber mühten sich, um an die Spitze des Parlaments zu rücken.

Der geschlagene Mappus seinerseits scheint sich gleich auf einen anderen Kontinent verfügen zu wollen. Das "Handelsblatt" berichtet, der 45-Jährige solle einem kleinen vertrauten Kreis verkündet haben, dass es ihn für das Pharma-Unternehmen Merck nach Südamerika ziehe. Aus Mappus' Umfeld heiße es nur, er habe zwei Angebote aus der Wirtschaft, eines sei jenes von Merck.

Klar ist: Mappus will die Politik hinter sich lassen. Jetzt müssen es die anderen richten. Strobl - Schwiegersohn von Finanzminister Wolfgang Schäuble, seit 1998 im Bundestag und dort mittlerweile Vorsitzender der baden-württembergischen CDU-Landesgruppe - wirbt mit seinem Einfluss für sich: "Der zweitgrößte Landesverband muss in der Bundespolitik eine Rolle spielen." Das aber haben schon Oettinger und Mappus versucht. Und die waren immerhin Ministerpräsidenten. Geschafft haben sie es trotzdem nicht.

Der Einfluss der Südwest-Union schwindet

Dies gehört zu den Eigentümlichkeiten des Landes: Einerseits sind wenige Deutsche wirtschaftlich so erfolgreich wie die Baden-Württemberger, andererseits lag der Einfluss der Landespolitik auf Berlin zeitweise irgendwo zwischen dem Saarland und Sachsen-Anhalt. Allein dem Drängen von Mappus auf eine saftige Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke gab Angela Merkel im vergangenen Herbst nach. Wie sich bald herausstellte, war das ein Fehler.

Baden-Württembergs CDU-Vormännern kam immer irgendwas dazwischen. Günther Oettinger wollte sich als Wirtschaftsfachmann der Union in Position bringen, doch zugleich beförderte er den Ex-Ministerpräsidenten und Ex-NS-Marinerichter Filbinger in einer Trauerrede zum Widerstandskämpfer. Das Echo war verheerend, die Kanzlerin fassungslos. Mappus, der sich als Neuinterpretation des Konservativen verkaufen wollte, scheiterte am Bürgerprotest gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 und seiner harten Haltung in der Atomfrage.

Nur in Berlin selbst, da sitzen Christdemokraten aus dem Südwesten an zentralen Schaltstellen der Macht: Volker Kauder ist Chef der Unionsfraktion, Schäuble Schattenkanzler, Annette Schavan Bildungsministerin und Vertraute der Kanzlerin.

Überlegene Konkurrenten Röttgen und McAllister

Von der Landesebene grüßt dann künftig der Herr Strobl. Oder, durchaus möglich, der Herr Mack. Andere können sich freuen. Zum Beispiel Bundesumweltminister Norbert Röttgen, Vorsitzender der CDU in Nordrhein-Westfalen. Auch in Düsseldorf befindet sich die Partei in der Opposition, doch Röttgen gilt in Berlin schon als Kronprinz der Kanzlerin. Vor allem aber: Während Röttgen in NRW, David McAllister in Niedersachen oder auch Horst Seehofer in Bayern ihre Parteien zu Veränderungen drängen - der Erfolg steht noch in Frage -, wirkt das Personal in Stuttgart seltsam angestaubt.

Strobl scheint das zu spüren, er spricht viel über das dringend nötige "Zuhören", über Selbstkritik der Politiker, übers mangelnde "emotionale Profil" der CDU. Ausgerechnet der Ex-Generalsekretär von Oettinger und Mappus will jetzt den Neuanfang verkörpern. Attacken auf Berlin bieten sich da natürlich an. Zuletzt hat sich Strobl den neuen Vorstoß seiner Landsfrau Schavan genauer angesehen: die Sache mit der Zusammenlegung von Haupt- und Realschule. "Wie dieses bildungspolitische Papier vom Bund nach Baden-Württemberg gekommen ist, das war eine kommunikative Katastrophe", sagte Strobl sodann. Von "par ordre du mufti" war die Rede, "extrem allergisch" würden die CDU-Mitglieder auf so etwas reagieren.

Erst einmal scheinen sich einige Mitglieder aber gar nicht sicher, wie sie auf Mack und Strobl reagieren sollen. Es gibt die Sehnsucht nach einem echten Schwergewicht, nach einer Führungsfigur in unruhigen Zeiten. Und weil offenbar niemand da ist, der diese Qualitäten bietet, flüchtet sich mancher zu Karl Dosenbier.

Der ist - Ironie der Geschichte - eine Erfindung von Strobl. Wenn es noch einen "Karl Dosenbier" gäbe, dann würden die Medien doch allein über das Gerangel um die Parteispitze berichten, lästerte Strobl zu einem Zeitpunkt, als er noch ohne Gegenkandidat war. Kurz darauf zeigte sich bei Facebook der Witzkandidat Dosenbier. Rund hundert Freunde hat er bisher sammeln können. Keine Unbekannten. Darunter ein JU-Ortsverband oder der Landeschef des CDU-Arbeitnehmerflügels oder eine frühere Bundestagsabgeordnete der Union.

Dosenbiers Erscheinen in Ludwigsburg gilt dennoch als unwahrscheinlich.



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systemmirror 23.07.2011
1. Es gibt
keine Typen mehr. Nur noch armselige Hanswürste ohne Praxis, ohne Sachverstand, ohne Charisma. Nur noch irgendwie nach oben wursteln der Rest ist völlig egal. Der Typ M.Jary. Alle werden in Anspruch genommen und anschließend weggeworfen. Solche Typen sind der eigentliche Abschaum eines jeden Staates. Und von dieser Sorte gibt es immer mehr. Es gibt auch immer mehr, die auf diese Typen reinfallen und womöglich auch noch wählen.
Rodelkönig 23.07.2011
2. yxcvbnm
Zitat von sysopFast 60 Jahre lang war Baden-Württemberg schwarz, dann stürzte die CDU in die Opposition. An diesem Samstag muss die verstörte Partei aus zwei blassen Kandidaten einen neuen Chef aussuchen - für viele Mitglieder eine "Wahl zwischen Pest und Cholera". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,775827,00.html
Genau das ist wohl auch das, was die Führungsspitze der BaWü-CDU am meisten stört. Da sind mit der Abwahl im Frühjahr sozusagen Karrieren zerstört wurden. Viele der Abgeordneten und lokalen Partei-Granden haben wahrscheinlich gedacht, die Regierungsverantwortung in Ba-Wü wäre ein sicherer, komfortabler Hafen, in dem sie die Zeit bis zur Pension quasi überwintern können. Und als wegen Stuttgart21 die Leute auf die Straße gingen und sich das so langsam auch in den Wahlumfragen niederschlug und somit die Realität nicht mehr zu verleugnen war, bekam man in der Parteispitze natürlich Angst, sodass man erstmal versuchte, von der Polizei draufhauen zu lassen, in der Hoffnung, man könnte die Demonstranten irgendwie in schlechtem Licht dastehen lassen. Dann kam auch noch Fukushima und der Herr Mappus und seine Parteispitze bekamen es plötzlich mit der nackten Angst zu tun, weshalb sich Mappus als stärkster Befürworter und energischster Atomkraft-Lobbyist nicht mal zu schade war innerhalb von drei Tagen eine 180°-Wende hinzulegen. Ich persönlich finde den Ausstieg aus der Atomenergie absolut richtig, aber die Art, wie dieser Mann und seine Parteispitze innerhalb von 3 Tagen ihre komplette Gesinnung ändern, zeigt mir, dass das absolut charakterlose und prinzipienlose Leute sind, denen der eigene Machterhalt und der persönliche Dienstwagen über alles geht und ihnen dieser wichtiger ist, als ihre eigenen Überzeugungen (auch wenn ich die nicht teile), ihre eigene Partei und auch noch viel wichtiger als ihr eigenes Land, ganz zu schweigen von dem skrupellosen Vorgehenbeim Niederprügeln der großen Stuttgart21-Demonstration, was 100%ig politisch so vorgegeben war. Denn auch wenn diese politische Vorgabe offiziell immer abgestritten wird, gibt es zahlreiche Dokumente und Aussagen höherrangiger Polizeibeamter, die genau das aussagen. Es ist also folgerichtig, dass die Union in Ba-Wü erstmal ein oder besser sogar zwei Legislaturperioden in der Opposition sitzt, damit sie sich mal ein bisschen Gedanken machen kann. Viele Grüße
adam68161 23.07.2011
3. Führungsstil !
Welcher selbständig denkende Mensch will auch die erratische Politik der "Leute in Berlin" vertreten, welche die Interessen Baden-Württembergs (siehe Länderfinanzausgleich, Porsche-Fall, Atomkraftwerke usw.) kurz und schmerzhaft auf die Seite geschoben haben? Seit der Kanzlerschaft A.Merkels fühle ich mich von dieser Partei nicht mehr vertreten. Soll sie sich doch von ihren MeckPomms wählen lassen!
heinobern 23.07.2011
4. Degeneration einer Führungskaste
Zitat von sysopFast 60 Jahre lang war Baden-Württemberg schwarz, dann stürzte die CDU in die Opposition. An diesem Samstag muss die verstörte Partei aus zwei blassen Kandidaten einen neuen Chef aussuchen - für viele Mitglieder eine "Wahl zwischen Pest und Cholera". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,775827,00.html
Stellt man die bisherigen CDU-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg in eine Reihe ist daran sehr schön die Degeneratiion einer Führungskaste zu erkennen. Es darf also heute nach Mappus noch etwas drunter sein.
genugistgenug 23.07.2011
5. .....
Zitat von sysopFast 60 Jahre lang war Baden-Württemberg schwarz, dann stürzte die CDU in die Opposition. An diesem Samstag muss die verstörte Partei aus zwei blassen Kandidaten einen neuen Chef aussuchen - für viele Mitglieder eine "Wahl zwischen Pest und Cholera". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,775827,00.html
so wie wir die CDU Mitglieder kennen werden die bei der Wahl zwischen Pest und Cholera sagen 'dürfen wir von beidem was haben?' - denn die CDU ist nur noch eine Selbstversorgungspartei mit Pensionsanspruch. Unterhaltsam ist das der Generalsekretär nach dem Wahlversagen nun Chef werden möchte. leider bestätigt sich in der Politik regelmäßig: tiefer geht es immer noch
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