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14. Dezember 2007, 15:41 Uhr

"Super Nanny"

"Viele Kinder verhalten sich noch relativ gesund"

Vernachlässigung, Schläge, Überforderung: In der Sendung "Die Super Nanny" bietet Katharina Saalfrank Familien Hilfe. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die Pädagogin über seelische Quälerei, die Tabuisierung von Gewalt - und erstaunlich starke Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Frau Saalfrank, mehrere tote Kinder sind in der vergangenen Woche gefunden worden, getötet von ihren Müttern. In Schwerin verhungerte vor einigen Wochen die kleine Lea-Sophie. Sind Vernachlässigung und Kindesmisshandlungen ein reines Unterschichtenproblem?

Pädagogin Saalfrank: "Ich stehe meiner Arbeit nicht unkritisch gegenüber"
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Pädagogin Saalfrank: "Ich stehe meiner Arbeit nicht unkritisch gegenüber"

Saalfrank: Das würde ich pauschal so nicht sagen, Vernachlässigung - auch emotionale - zieht sich häufig durch alle gesellschaftliche Schichten. Solche Dinge passieren immer dann, wenn Menschen überfordert und alleine sind - und das sind sie wegen ganz unterschiedlicher Faktoren. Finanzielle Schwierigkeiten sind nur ein Aspekt. Im Übrigen denke ich, dass es Kindstötungen und Vernachlässigungen auch schon immer gegeben hat. Seit einiger Zeit wird einfach mehr darüber berichtet - die Sensibilität ist zum Glück gestiegen.

SPIEGEL ONLINE: Wird in Familien, die sozial besser gestellt sind, denn anders gequält? Psychologen berichten zum Beispiel davon, dass Eltern als Strafe den Lieblingsteddy des Kindes verbrennen. Ist solch seelische Gewalt typisch für die sogenannte Mittelschicht?

Saalfrank: Ich spreche ungern von Schichten und mag Menschen nicht in Gruppen einteilen. Es kann jedem von uns passieren, dass er von einem Tag auf den anderen seinen Job verliert. Ich mache keinen qualitativen Unterschied zwischen seelischer und körperlicher Gewalt. Diese findet in Familien aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen statt. Auch in reflektierteren, intellektuellen Familien, wo Menschen viele Bücher lesen, sich informieren und fest im Leben verankert scheinen, kann oft nicht eingeordnet werden, was für eine massive seelische Misshandlung es ist, den Lieblingsteddy des Kindes als "Strafe" zu verbrennen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit körperlicher Gewalt?

Saalfrank: Meiner Erfahrung nach stimmt der Eindruck nicht, dass es in sozial privilegierteren Familien nicht zu körperlicher Gewalt kommt. Oft zählt hier die Ohrfeige zum Alltag und Misshandlungen können in allen Familien vorkommen und haben etwas mit einer psychischen Belastung der Eltern zu tun. Man kann in solchen extremen Situationen schneller das Maß verlieren.

SPIEGEL ONLINE: In der RTL-Sendung "Die Super Nanny" sind meistens Familien zu sehen, die sozial benachteiligt sind. Warum bewerben sich keine Ärzte- und Anwaltsfamilien?

Saalfrank: Ich arbeite im Rahmen der Sendung nicht nur mit sozial benachteiligten Familien. Ich habe allerdings vor meiner Arbeit im Fernsehen auch als Pädagogin in der Familienberatung gearbeitet und die Erfahrung gemacht, dass z.B. Lehrer, Anwälte und Ärzte weniger in Beratungsstellen kommen. Es ist nicht so einfach, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Viele haben jedenfalls eine große Hemmschwelle und Angst vor dem Jugendamt - die ist immer noch weit verbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass die Jugendämter sorgfältig genug arbeiten?

Saalfrank: Ich will das nicht generalisieren. Es gibt Jugendämter, die sehr verantwortlich arbeiten und sofort einschreiten können. In anderen Ämtern wieder scheint die organisierte Verantwortungslosigkeit zu herrschen. Scheinbar weiß der eine nicht, was der andere macht - so zumindest meine Erfahrung, und das kann dann fatale Folgen für Kinder haben. Entscheidend ist jedoch immer, mit welchen Hilfen und Möglichkeiten die Jugendämter in die Familien gehen können - Hilfen müssen bewilligt und bezahlt werden. Geld ist dabei die eine Sache. Es ist meiner Meinung nach auch entscheidend, dass die Ämter mit genügend Personal und motivierten und gut ausgebildete Mitarbeiter ausgestattet sind.

SPIEGEL ONLINE: Als Pädagogin sind Sie in der Sendung "Die Super Nanny" oft mit Verwahrlosung konfrontiert. Gab es Bewerber, die sie abgelehnt haben, weil ihnen die Situation in der betreffenden Familie zu heftig war?

Saalfrank: Es kommt wohl vor, dass RTL und die Produktionsfirma manche Fälle an Ämter weiterleiten. Ich selbst allerdings arbeite mit den Familien, die der Sender auswählt und nehme dann meinen Auftrag sehr ernst. Die Familien haben einen hohen Leidensdruck. Würde ich da ablehnen, wäre es für mich, als ob man zum Arzt geht und der einen wieder wegschickt. Viele Familien fragen mich allerdings, ob ich auch ohne Kamera zu ihnen kommen würde. Meistens vermittele ich dann andere Hilfen, zum Beispiel Beratungsstellen im Internet. Ich bin eben auch nur eine ganz normale Pädagogin und kann nicht mehr leisten als gute Berater in Jugendämtern - auch wenn ich das Medium Fernsehen im Rücken habe.

Es darf kein Zufall sein, an was für einen Lehrer ein Kind gerät

SPIEGEL ONLINE: Es gibt zum Teil scharfe Kritik an Ihrer Sendung, weil sie gegen die Würde der Kinder verstoße. Wie rechtfertigen sie, dass unmündige Kinder ständig - auch im Schlaf - gefilmt werden?

Saalfrank: Ich stehe meiner Arbeit nicht unkritisch gegenüber, und es ist sicherlich eine Gratwanderung, derer ich mir bewusst bin. Ich halte es dennoch für wichtig, Gründe und Ursachen für schwierige Situationen, in die Menschen kommen können, sensibel zu erforschen und auch zu zeigen, unter welchen Umständen dann Kinder aufwachsen. Damit wird die Tabuisierung von Gewalt in der Familie auch ein Stück gebrochen. Es geht um das Verstehen. Ich bin oft überrascht, wenn in Schulen erwartet wird, dass Kinder "funktionieren". Oft wissen Außenstehende, etwa Lehrer, wenig über die familiären Umstände der Kinder und nehmen nur wahr, dass das Kind im Verhalten auffällig ist. Dabei verhalten sich die Kinder oft relativ gesund in einer oft "krankmachenden" Umwelt - nur können wir es nicht deuten.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn die Kameras aus sind - bekommen die Familien, in denen Sie im Rahmen der "Super Nanny" waren, hinterher psychologische Betreuung?

Saalfrank: Ja, es gibt ein Psychologenteam, das in Absprache mit mir die Familien direkt nach meiner Arbeit betreut und die Familien in Kontakt mit den Ämtern und anderen öffentlichen Einrichtungen bringt. Außerdem wird die Ausstrahlung der Sendung begleitet: An jedem Mittwochabend, an dem "Die Super Nanny" auf RTL läuft, sitzt eine Psychologin zusammen mit der Familie und schaut sich die Sendung an. Es gibt Gespräche darüber, was nach der Sendung passieren könnte. Die Familien sind nicht alleine, sondern erfahren durch die Gespräche noch einmal Wertschätzung für alle Schritte, die sie gegangen sind - nicht nur für die, die in der Sendung zu sehen waren.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie selbst, wie verkraften Sie es, wenn sie mitbekommen, wie ein Vater seinen dreijährigen Sohn beschimpft und massiv bedroht, wie neulich in einer Sendung?

Saalfrank: Diese Frage müsste man eigentlich allen Menschen stellen, die soziale Arbeit leisten. Für alle ist ihr Engagement auch oft belastend, für Altenpfleger, Ärzte, Krankenschwestern. Ich habe als Pädagogin die Möglichkeit, nach meiner Arbeit mit den Familien in eine Supervision zu gehen. Für mich ist das professionelle Gespräch mit einer Kollegin nach der Sendung notwendig, um meine "Kanäle" wieder frei zu bekommen und mit Kraft und neuem Engagement auf die nächste Familie zugehen zu können. Für viele andere ist das allerdings eine Kostenfrage. Lehrer, Sozialarbeiter bekommen dafür oft nicht die Möglichkeit - ihre Arbeit am Rande der Erschöpfung wird von der Gesellschaft häufig nicht wertgeschätzt.

SPIEGEL ONLINE: Fast drei Millionen Kinder leben in Deutschland in Armut. Was erwarten Sie von der Politik?

Saalfrank: Eltern muss wieder Mut gemacht werden. Familien müssen finanziell unterstützt werden, es muss Wertschätzung dafür geben, dass Menschen Kinder bekommen. Es ist schrecklich, wenn die Entscheidung für ein Kind zu einer rein finanziellen Rechnung wird. Aber auch das soziale Umfeld von Kindern braucht gute Rahmenbedingungen. Lehrer brauchen Entlastung und Kinder gute Bedingungen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Saalfrank: Meine Vorstellung von einem guten Schulmodell sind kleine Klassen mit doppelter Lehrerbesetzung und Supervisionen und Weiterbildung für Lehrer. Es ist extrem wichtig, dass Kinder, die in einem schwierigen Umfeld groß werden, zum Beispiel in Schulen Verständnis bekommen - dass ihr gesamter Kontext gesehen wird. Lehrer dürfen nicht nur registrieren, dass etwa ein Kind seine Hausaufgaben nicht macht, sondern müssen auch fragen, warum niemand da ist, der sich darum kümmern kann. Es darf kein Zufall sein, ob ein Kind an einen engagierten, verständnisvollen Lehrer gerät. Alle Kinder müssen auch auf der Beziehungsebene gestärkt werden. Das heißt, sie brauchen Anerkennung und Bestärkung. Hier sollten alle Kinder die gleichen Chancen haben.

Das Interview führte Anna Reimann

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