"Super Nanny" "Viele Kinder verhalten sich noch relativ gesund"

Vernachlässigung, Schläge, Überforderung: In der Sendung "Die Super Nanny" bietet Katharina Saalfrank Familien Hilfe. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die Pädagogin über seelische Quälerei, die Tabuisierung von Gewalt - und erstaunlich starke Kinder.


SPIEGEL ONLINE: Frau Saalfrank, mehrere tote Kinder sind in der vergangenen Woche gefunden worden, getötet von ihren Müttern. In Schwerin verhungerte vor einigen Wochen die kleine Lea-Sophie. Sind Vernachlässigung und Kindesmisshandlungen ein reines Unterschichtenproblem?

Pädagogin Saalfrank: "Ich stehe meiner Arbeit nicht unkritisch gegenüber"
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Pädagogin Saalfrank: "Ich stehe meiner Arbeit nicht unkritisch gegenüber"

Saalfrank: Das würde ich pauschal so nicht sagen, Vernachlässigung - auch emotionale - zieht sich häufig durch alle gesellschaftliche Schichten. Solche Dinge passieren immer dann, wenn Menschen überfordert und alleine sind - und das sind sie wegen ganz unterschiedlicher Faktoren. Finanzielle Schwierigkeiten sind nur ein Aspekt. Im Übrigen denke ich, dass es Kindstötungen und Vernachlässigungen auch schon immer gegeben hat. Seit einiger Zeit wird einfach mehr darüber berichtet - die Sensibilität ist zum Glück gestiegen.

SPIEGEL ONLINE: Wird in Familien, die sozial besser gestellt sind, denn anders gequält? Psychologen berichten zum Beispiel davon, dass Eltern als Strafe den Lieblingsteddy des Kindes verbrennen. Ist solch seelische Gewalt typisch für die sogenannte Mittelschicht?

Saalfrank: Ich spreche ungern von Schichten und mag Menschen nicht in Gruppen einteilen. Es kann jedem von uns passieren, dass er von einem Tag auf den anderen seinen Job verliert. Ich mache keinen qualitativen Unterschied zwischen seelischer und körperlicher Gewalt. Diese findet in Familien aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen statt. Auch in reflektierteren, intellektuellen Familien, wo Menschen viele Bücher lesen, sich informieren und fest im Leben verankert scheinen, kann oft nicht eingeordnet werden, was für eine massive seelische Misshandlung es ist, den Lieblingsteddy des Kindes als "Strafe" zu verbrennen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit körperlicher Gewalt?

Saalfrank: Meiner Erfahrung nach stimmt der Eindruck nicht, dass es in sozial privilegierteren Familien nicht zu körperlicher Gewalt kommt. Oft zählt hier die Ohrfeige zum Alltag und Misshandlungen können in allen Familien vorkommen und haben etwas mit einer psychischen Belastung der Eltern zu tun. Man kann in solchen extremen Situationen schneller das Maß verlieren.

SPIEGEL ONLINE: In der RTL-Sendung "Die Super Nanny" sind meistens Familien zu sehen, die sozial benachteiligt sind. Warum bewerben sich keine Ärzte- und Anwaltsfamilien?

Saalfrank: Ich arbeite im Rahmen der Sendung nicht nur mit sozial benachteiligten Familien. Ich habe allerdings vor meiner Arbeit im Fernsehen auch als Pädagogin in der Familienberatung gearbeitet und die Erfahrung gemacht, dass z.B. Lehrer, Anwälte und Ärzte weniger in Beratungsstellen kommen. Es ist nicht so einfach, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Viele haben jedenfalls eine große Hemmschwelle und Angst vor dem Jugendamt - die ist immer noch weit verbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass die Jugendämter sorgfältig genug arbeiten?

Saalfrank: Ich will das nicht generalisieren. Es gibt Jugendämter, die sehr verantwortlich arbeiten und sofort einschreiten können. In anderen Ämtern wieder scheint die organisierte Verantwortungslosigkeit zu herrschen. Scheinbar weiß der eine nicht, was der andere macht - so zumindest meine Erfahrung, und das kann dann fatale Folgen für Kinder haben. Entscheidend ist jedoch immer, mit welchen Hilfen und Möglichkeiten die Jugendämter in die Familien gehen können - Hilfen müssen bewilligt und bezahlt werden. Geld ist dabei die eine Sache. Es ist meiner Meinung nach auch entscheidend, dass die Ämter mit genügend Personal und motivierten und gut ausgebildete Mitarbeiter ausgestattet sind.

SPIEGEL ONLINE: Als Pädagogin sind Sie in der Sendung "Die Super Nanny" oft mit Verwahrlosung konfrontiert. Gab es Bewerber, die sie abgelehnt haben, weil ihnen die Situation in der betreffenden Familie zu heftig war?

Saalfrank: Es kommt wohl vor, dass RTL und die Produktionsfirma manche Fälle an Ämter weiterleiten. Ich selbst allerdings arbeite mit den Familien, die der Sender auswählt und nehme dann meinen Auftrag sehr ernst. Die Familien haben einen hohen Leidensdruck. Würde ich da ablehnen, wäre es für mich, als ob man zum Arzt geht und der einen wieder wegschickt. Viele Familien fragen mich allerdings, ob ich auch ohne Kamera zu ihnen kommen würde. Meistens vermittele ich dann andere Hilfen, zum Beispiel Beratungsstellen im Internet. Ich bin eben auch nur eine ganz normale Pädagogin und kann nicht mehr leisten als gute Berater in Jugendämtern - auch wenn ich das Medium Fernsehen im Rücken habe.

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silente, 06.12.2007
1.
Ich kann Euch sagen, warum Mütter ihre Kinder töten: Wenn man jeden Morgen aufwacht mit Sorgen im Magen (und das in diesem Fall fünffach), wenn man alleine gelassen wird, mit niemandem über diese Sorgen reden kann, weil die Fähigkeit des einander Zuhörens in dieser Gesellschaft gänzlich abhanden gekommen ist, erreicht man irgendwann den Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. Wer will Kindern solch eine "Welt" antun? Das ist eine Frage, die als Grund dafür steht, weshalb viele erst gar keine in die Welt setzten, lieber verbissen gegen die innere Uhr ankämpfen und verdrängen. Andere sind schwächer, bekommen Kinder, LIEBEN ihre Kinder. Aber müssen irgendwann feststellen, dass sie keine Chance auf Zukunft mehr haben. Absolute Dunkelheit... Jeder, der zu diesen Themen klug daher reden zu müssen glaubt, sollte bedenken, dass eine Gesellschaft ihre Amokläufer, ihre Kindermörder, ihre Geisteskranken Täter immer aus sich selbst gebird. Und diese Gesellschaft sind WIR!
dietrichstahlbaum, 06.12.2007
2. Kindesmisshandlung ein gesellschaftliches Problem?
Bevor wir den Staat rufen, sollten wir zuerst einmal nach den Ursachen und Folgen fragen: Die Zeitungsberichte lassen vermuten, Kindesmisshandlung sei ein Schichtenproblem. Dies wird zumeist auch so gesehen. Es ist ein Vorurteil. Aber es gibt einen Unterschied, einen sichtbaren und einen verborgenen: Physische Gewalt, also körperliche Misshandlung - dazu zählt die Vernachlässigung - ist am häufigsten in den sozial benachteiligten Unterschichten. Ursachen sind, wenn nicht wirkliche Armut und tiefes Elend, das Leiden am niederen Lebensstandard in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem ein unerbittlicher Konkurrenzkampf, soziale Kälte und der »Konsumismus« [Maria Mies] herrscht. Ferner: Ehe-/Partnerschaftsprobleme der Eltern, Stress, Arbeitslosigkeit oder die Härte der Arbeitsbedingungen und, dementsprechend, raue Umgangsformen, weil eine verbale, eine sprachliche Kommunikationsfähigkeit nicht entwickelt werden konnte. Es gibt sie noch: die schwere körperliche Arbeit; sie blockiert intellektuelle und kulturelle Lernprozesse. Und die ständige Überforderung am Fließband. Generationen von Arbeitern und ihren Familien sind davon geprägt, auch Familien, denen der Aufstieg in den Mittelstand gelungen ist. Körperliche Züchtigung, üblich noch in meiner Kindheit. Gewalt, von Generation zu Generation "weitergegeben" – in allen Schichten! Der Rohrstock in der Schule, neben dem Spucknapf. In der Volksschule. Da habe auch ich Prügel bezogen, zwischen 1932-38. Solch ein Kindesmissbrauch war damals gang und gebe und gehörte einfach zur Erziehung. Die Schule als Paukanstalt für sadistische Lehrer! Die andere Art der Kindesmisshandlung ist die psychische. Sie hinterlässt kaum sichtbare Spuren, ist aber mindestens ebenso grausam wie physische Gewalt. Sie beginnt bei permanenter Overprotektion [Selbständigkeit verhindernde, Angst induzierende Überbehütung] und endet beim Psychoterror. Nur der geschulte Blick kann die bleibenden Schäden dieses Missbrauchs elterlicher und pädagogischer Autorität erkennen, z. B. an der Körperhaltung, am Gesichtsausdruck und an der Sprache des betroffenen Kindes. Auch die psychische Misshandlung kann dieselben Folgen haben wie die physische: Neurosen, Neurosen, Psychosen, Depressionen, Schuldgefühle, Angst- und Schmerzzustände, neurovegetative Störungen, Herzbeschwerden, Rheumatismus, Immunschwäche, Krebs, Drogen- und Medikamentensucht, Alkoholismus, Selbstverstümmelung und Suizid; Masochismus, Sadismus, Mordsucht, Missbrauch eigener und fremder Kinder u. v. m. Keinen geringeren Schaden verursacht subtile Gewalt, wie sie besonders von Intellektuellen gegen Kinder und PartnerInnen angewendet wird. Individuelle Gewalt. Dieser Hydra Kopf für Kopf abschlagen? Schärfere Gesetze, härtere Strafen, Überwachungsmaßnahmen? Das wird nichts nützen. Sie wachsen nach, die Köpfe. Not-wendig ist eine Sensibilisierung unserer Gesellschaft. Und vor allem: Aufklärung! Aufklärung! Aufklärung! Deutlich machen, woher diese Gewalt kommt und dass wir sie eindämmen können, wenn wir die sozialen Verhältnisse ändern, die Gesellschaft ändern, mitsamt uns selber! Aufgabe der Politik ist es, die strukturellen und personellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Mensch mit sich und seinen Mitmenschen in Frieden leben kann.
Axelino, 06.12.2007
3. Schieflage
Was schief läuft weiß eigentlich jeder: Kosteneinsparungen an allen sozialen Kernpunkten. Stellenkürzungen bei den Jugendämtern, eine kinderfeindliche Gesellschaft in der nur Leistung zählt. Wohin soll jemand gehen, der mit seinen Kindern nicht mehr klar kommt? Wo wird ihm denn wirklich geholfen? Ich habe selbst Kinder, und wüsste nicht an wen ich mich wenden sollte. Bei den Jugendlichen gehts grade so weiter, es gibt Städte, die haben noch nicht mal ein anständiges Jugendzentrum. Sowas könnte ja Geld kosten. Das sind so die Nebenwirkungen einer Leistungs- und Konsumorientierten Gesellschaft.
Nicola54 06.12.2007
4. Nicht der Staat ist gefragt
Nicht der Staat ist gefragt, sondern wir alle. Solange Kinder von der Gesellschaft lediglich als Sache ihrer Eltern betrachtet werden und nicht als Kinder von uns allen, für die wir alle verantwortlich sind, wird es immer wieder solche Fälle geben. Heutzutage Kinder zu haben, ist ein sehr anstrengendes und aufreibendes Unterfangen. Leider steht man oft allein. Das fängt mit den Türen an, die einem mit Kinderwagen vor der Nase zugeschlagen werden, geht über Schlange stehen mit einem Zweijährigen ohne daß man vorgelassen wird und geht bis zu Beschwerden von Nachbarn, ohne Hilfe anzubieten. Ich war selbst alleinerziehende Mutter. Ich habe die Frage: "Wo ist denn die Mutter?" gehaßt, ganz zu schweigen, daß man beschimpft wurde, wenn eine prekäre Situation bestand. Niemand kam dann ganz einfach auf die Idee, das Kind von irgendwas abzuhalten oder sich mit ihm zu unterhalten. Nein, die Eltern bzw. die Mutter war zuständig und schuld. Nein, Kinder gehören uns alle, und Eltern brauchen unser aller Unterstützung.
Der_Alex 06.12.2007
5.
Man muss sich zu erst fragen, was läuft schief mit uns allen. Man kann nicht mehrere Hundert Jahre Gewalt und Erniedrigung aus den Familien einfach so raus operieren.
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