Superrealo Cem Özdemir "Bürschle, musst immer das letzte Wort haben"

Wenn die Grünen ihn wählen, wird Cem Özdemir der erste deutsche Parteichef mit Migrationshintergrund. Einer, sagt er, "muss die Tür aufmachen". Und dann? Geht es nicht mit Rot oder Gelb oder Schwarz weiter - sondern mit "pragmatischem Blick auf die Politik".

Freising/München - Neulich in Duisburg-Marxloh. Da hat er das neue muslimische Gotteshaus besichtigt. Und gleich mal vorgeschlagen, daraus die erste Solar-Moschee Deutschlands zu machen.

Das ist Cem Özdemir. Der schwäbische Grüne mit den anatolischen Wurzeln. Wenn alles glatt läuft, wird ihn seine Partei im November zum neuen Vorsitzenden wählen: zum ersten deutschen Parteichef mit Migrationshintergrund.

Designierter Grünen-Chef Özdemir: "Ich übernehme Verantwortung"

Designierter Grünen-Chef Özdemir: "Ich übernehme Verantwortung"

Foto: DPA

Özdemir sitzt im Regional-Express 4246 nach Freising. Seit der Berliner Volker Ratzmann seine Kandidatur wegen anstehender Vaterschaft zurückgezogen hat, ist der Weg an die Grünen-Spitze frei für den 42-jährigen Özdemir. "Irgendwann muss auch mal einer vorangehen", sagt Özdemir und schaut raus aufs vorbeifliegende Land. Er verstehe sich "auch als Stellvertreter für meine Generation und die folgenden, ich übernehme Verantwortung".

"Alte Schemen brechen auf"

Cem Özdemir gilt als Super-Realo, war der Liebling von Ex-Partei-Patriarch Joschka Fischer. Wohin will er die Grünen führen, Richtung Schwarz-Grün wie in Hamburg? Oder zu rot-grün-roten Konstellationen wie in Hessen? Özdemir schüttelt den Kopf, es gibt kein Entweder-oder: "Alte Schemen brechen auf, das ist spannend. Die alten Lagergrenzen und die Übersichtlichkeit der Parteien, das ist vorbei." Doch vor Machtoptionen stünden "immer noch die eigenen Werte".

"Pragmatisch" ist ein Wort, das Cem Özdemir gerne sagt. Und "vernünftig". Vor allem aber "Realität".

Im Wahlkampf sehe man, wie realitätstauglich das eigene Programm sei, sagt er. Theoriediskussionen? "Mir ist die Veränderung im Hier und Jetzt wichtiger". Er will Politik dem "Realitäts-Check" unterziehen. Sein "pragmatischer Blick" auf die Politik? "Liegt vielleicht an meiner Herkunft."

Özdemir meint damit nicht nur die ethnische, sondern auch die soziale. Der Vater kam aus einem anatolischen Dorf nach Bad Urach bei Reutlingen, arbeitete als Dreher. Die Mutter betrieb eine Änderungsschneiderei. Das Arbeiterkind Özdemir machte erst eine Ausbildung zum Erzieher, dann die Fachhochschulreife über den zweiten Bildungsweg.

Guter Film statt vornehmer Empfang

"Permanent" sei das Risiko, die Bodenhaftung zu verlieren. "Es kommt darauf an, was man in seiner Freizeit macht", meint Özdemir. Er werde auch als Grünen-Chef "einen guten Film mit Freunden irgendwelchen vornehmen Empfängen vorziehen". Özdemir will trennen. Bewusst will er morgens seine Tochter in die Kita bringen - "die liegt zufällig genau auf halbem Weg zur Bundesgeschäftsstelle", weiß er schon.

Und wenn er nicht mehr als Europaparlamentarier nach Brüssel oder Straßburg müsse, dann habe er "netto sogar mehr Zeit" fürs Kind. Denn Özdemir will nicht nur Parteichef werden, er strebt auch in den Bundestag. "Es ist gut, wenn der Vorsitzende in der Fraktion vertreten ist", sagt er. Am kommenden Samstag entscheiden Baden-Württembergs Grüne in Schwäbisch-Gmünd über die Listenaufstellung für den Bundestag. Özdemir wird kämpfen müssen, es herrscht Gedrängel auf der Liste. Ein sicherer Platz ist ihm keineswegs garantiert.

Er war schon mal im Bundestag, innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Doch im Jahr 2002 war Schluss. Wegen eines Kredits vom PR-Mann Moritz Hunzinger und weil er beruflich erworbene Vielfliegermeilen privat genutzt hatte, legte Özdemir eine Polit-Pause ein.

Vor dem Einzug ins Europaparlament zwei Jahre später ging er zu Studienzwecken in die USA - und feierte Hochzeit. Der einst von einem Fernsehsender zum "Multikulti-Mann des Jahres 1997" gekürte Özdemir heiratete seine argentinisch-italienische Freundin. Die Katholikin und der Moslem ließen sich von einem jüdischen Standesbeamten trauen.

"Auf, auf, Parteivorsitzender, wir wollen nach oben!"

In Freising warten ein paar Parteifreunde und die lokale Presse. Die Sonne scheint, Özdemir zieht das dunkelblaue Jackett aus, krempelt die Ärmel auf und setzt sich mit sehr geradem Rücken an den Holztisch vorm Hofbrauhauskeller. Die anderen essen Weißwürste, Özdemir ist Vegetarier. Und sagt erstmal nichts.

Özdemir hört zu. Ziemlich lange. Ziemlich genau.

Seine Antworten sind leise, aber präzise, die Kollegen müssen näher an ihn heranrücken. "Cem, sag' mal, wie siehst denn du das mit der Linkspartei?", fragt einer. "Ich sehe das nicht für 2009 im Bund", sagt Özdemir. Der Lafontaine-Trupp stehe "in einer unglückseligen Tradition der Linken, die das Nationale hochhält - damit haben wir nichts zu tun, wir haben die internationalistische Wurzel". Der Frager nickt. Und greift zum Stift. Wieder eine Argumentationshilfe für den Straßenwahlkampf abgegriffen.

Sie reden dann noch ein bisschen über die Linke, und dass sich SPD und Grüne unterscheiden müssen: Özdemir warnt vor einem "Nullsummenspiel", die Sozialdemokraten dürften sich nicht auf Kosten der Grünen konsolidieren. Da zieht Christian Magerl die Augenbrauen hoch. Der Landtagsabgeordnete wäre im Frühjahr beinahe Landrat im Kreis Freising geworden, so populär ist er. Und die SPD spielt in dieser Gegend keine Rolle mehr: "Na, auf auf, Parteivorsitzender, wir wollen nach oben!", ruft er mit breitem Grinsen.

Es kontert der Pragmatiker Özdemir: "Wenn wir über zehn Prozent kriegen, kannste mir gratulieren, aber wir wollen keine FDP-18-Prozent-Kampagne haben." Klare Ansage. Magerl will noch was sagen. Özdemir unterbricht: "Bürschle, musst immer das letzte Wort haben!" Özdemir grinst jetzt ebenfalls sehr breit.

Wie Cem Özdemir es mit der Religion hält

Seine Antworten haben eine besondere Dramaturgie. Manchmal beginnen sie beinahe zurückweisend, es folgt ein allgemeines politisches Statement - aber schließlich ein Blick hinter die Fassade des Mannes Özdemir.

Man muss nur warten.

"Wie halten Sie es eigentlich mit der Religion?" Cem Özdemir schaut dem Frager in die Augen. "Das ist eine sehr persönliche Frage," sagt er.

Schweigen. Warten.

"Ich bin weder sonderlich religiös, noch habe ich einen anti-religiösen Eifer", sagt er dann. Es gebe da diesen linken Reflex, je weniger religiös, desto aufgeklärter, das sei Unsinn: "Ich orientiere mich an den Realitäten", er suche sich lieber Bündnispartner bei den Modernisierern in den Religionsgemeinschaften.

Und dann macht Özdemir auf, erzählt von seinen Eltern, deren Haus "immer offen" gewesen sei: "Der evangelische Pfarrer ging bei uns ein und aus." Özdemir erhielt die liberale Erziehung in einer Gastarbeiterfamilie, die andere mit Glück in einer Bürgerfamilie bekommen. So pflegt er auch in Manieren und Umgang jene Bürgerlichkeit, gegen die herkömmliche Grüne aus Protest gegen ihr Elternhaus aufbegehren.

Er habe am evangelischen Religionsunterricht teilgenommen, erzählt Özdemir, "meine Eltern haben mir das freigestellt". "Glaube nicht immer, was man dir über andere Leute, Religionen, Nationen erzählt, bilde dir deine eigene Meinung", habe der Vater gesagt.

Und seine Mutter, die habe ihm unter dem Ausruf "Das war eine republikanische Frau!" das Foto der Großmutter gezeigt. Die war Polizistin in Istanbul.

Da schwingt ziemlich viel Stolz mit.

Es nervt Özdemir, wenn sich die türkische Community in Deutschland unter Wert verkauft - oder verkauft wird. Neulich war er auf einer deutsch-türkischen Hochzeit. "Typische Szene, sie aus akademischer Familie, er aus einer türkischen Arbeiterfamilie", sagt Özdemir. Vater und Mutter von ihm hätten natürlich keine festlich-eloquente Rede halten können. "Deshalb gelten diese Leute bei uns als ungebildet", dabei sprechen Mutter und Vater gleich mehrere Sprachen fließend, von türkisch über griechisch hin zu mazedonisch. Also habe er, Özdemir, die Rede gehalten: "Ich habe über die Eltern gesprochen und welchen Reichtum sie besitzen."

Nicht mehr nur der Mann für Integrationsfragen

Özdemir, im feinen blauen Anzugstoff, ist der formvollendete Kümmerer: Unterwegs spricht er immer wieder Türken an, fragt nach Problemen. Das läuft auch unter deutsch-türkischen Prominenten so. "Wenn Sie mal ein Problem haben, melden Sie sich", hat er einmal Django Asül wissen lassen - und seine Visitenkarte über den Tisch geschoben. Der Kabarettist erinnert sich heute grinsend: "Ja, wobei will denn mir der Özdemir helfen?"

Özdemir, der Migrations-Experte - das Thema ist sein politischer Aufstiegskanal gewesen. Bisher stehen seine Veranstaltungen unter Überschriften wie "Vielfalt bereichert" oder "Eine bunte Stadt". "Das ändert sich jetzt", sagt Özdemir. Als Grünen-Chef muss er größere Felder beackern. Und gar zu freundlich darf er auch nicht mehr sein.

Am Abend tritt er bei den Grünen in München auf. Der Saal in dem alten Bauernhof ist proppevoll, die Leute wollen den Chef in spe sehen.

Özdemir redet wie üblich über Integration - und über sich. Warum denn so wenig Türkischstämmige im DFB-Team spielen würden, fragt ihn einer. "Wenn Serdar Tasci vom VfB Stuttgart öfter spielen würde, zögen sicher auch andere nach", meint Özdemir - und setzt hinzu: "Es ist immer der Erste, der muss die Tür aufmachen und sich durchbeißen."

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