Philipp Wittrock

Die Lage: Superwahljahr 2021 Holt die SPD das Triple?

Philipp Wittrock
Von Philipp Wittrock, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute analysieren wir die Ausgangslage der Kandidatin und der Kandidaten wenige Tage vor der Wahl: Kann Armin Laschet das Ding noch drehen? Und wir haben die Wählerinnen und Wähler gefragt, welche Koalitionen ihnen am ehesten zusagen würden.

Was alles möglich ist

Dies ist unsere letzte Superwahljahr-Lage vor dem Tag der Abrechnung. Keine Sorge, wir werden Sie auch durch die Phase der Regierungsbildung in diesem Format begleiten. Aber heute ist die Gelegenheit, noch einmal die Ausgangslage für den Wahltag zu analysieren.

Ein Blick zurück: Vor etwas mehr als einem halben Jahr, im März, erschien dieser Newsletter zum ersten Mal. »Warum bei dieser Bundestagswahl alles möglich ist«, war er überschrieben, und im Nachhinein muss ich meinem Kollegen Sebastian Fischer seherische Qualitäten attestieren.

Seinerzeit hatte der Machtkampf um die Kanzlerkandidatur in der Union noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht, in den Umfragen bewegten sich CDU und CSU im 30er-Bereich (Tendenz fallend), der Höhenflug der Grünen (ebenfalls noch ohne entschiedene K-Frage) stand erst bevor, und die SPD wurde müde belächelt: ein Kanzler Olaf Scholz? Mit 15 Prozent?

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz: Schon in Partylaune?

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz: Schon in Partylaune?

Foto: osnapix / imago images/osnapix

Aber ja, alles ist möglich, das haben die vergangenen Wochen gezeigt. Heute sieht es so aus, als könnten die Sozialdemokraten am Sonntag das Triple holen. Sieg bei der Bundestagswahl, bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin. Was wäre das für eine Wiederauferstehung.

Im Willy-Brandt-Haus wird eine große, coronakonforme Party vorbereitet, die Straße vor der Parteizentrale soll abgesperrt und Zelte errichtet werden. Mehr als tausend Gäste werden erwartet.

Armin Laschet und die Union blicken derweil in den Abgrund. Die Grünen dürfen zwar auf satte Zugewinne im Vergleich zu 2017 hoffen (Wahlergebnis damals: 8,9 Prozent), müssen sich am Ende aber wohl doch wie Verlierer fühlen – gescheitert an den eigenen Ansprüchen.

Ist das Rennen damit entschieden? Ich glaube nicht. Umfragen sind bekanntermaßen keine Vorhersagen zum Wahlausgang, und die wilde Demoskopiefahrt dieses Wahlkampfes hat gezeigt, wie schnell sich die Stimmung ändern kann.

Nun ist nicht mehr mit der großen Laschet-Erleuchtung im Land zu rechnen, daran wird auch die scheidende Kanzlerin nichts mehr ändern, die im Endspurt doch noch für ihren Möchtegern-Nachfolger trommelt . Aber immerhin: Der CDU-Chef und die Unionsparteien scheinen die Talsohle durchschritten zu haben.

Ob der sanfte Aufwind aber reicht, um die SPD auf den letzten Metern doch wieder zu überholen? Unmöglich ist es nicht, der Abstand ist überschaubar. Die Union setzt alles daran, in den verbleibenden vier Tagen zumindest ihre Stammwählerschaft zu mobilisieren. Und wer weiß, die Angst vor der Niederlage und vor einer rot-grün-roten Regierung könnte auch frustrierte Anhängerinnen und Anhänger von CDU und CSU am Ende noch zum Kreuz bei der Union nötigen.

Unionskanzlerkandidat Armin Laschet: In Aufhollaune?

Unionskanzlerkandidat Armin Laschet: In Aufhollaune?

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Die Spitze der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, namentlich Carsten Linnemann und Friedrich Merz, warnte ihre 25.000 Mitglieder gestern in einem Wahlaufruf davor, ihre Stimme aus Enttäuschung dem Wunschpartner FDP zu schenken. »Nur mit der Union als stärkster Kraft hat Armin Laschet ein eindeutiges Mandat, um die nächste Regierung zu führen«, heißt es in der E-Mail.

Dieser Satz lässt sich auch als Absage an all jene verstehen (den eigenen Kanzlerkandidaten eingeschlossen), die die Chance auf eine unionsgeführte Jamaika-Regierung wittern, selbst wenn man am Sonntag hinter der SPD landen sollte. Auch die CSU-Spitze hatte solche Gedankenspiele bereits ins Reich der Träume verwiesen.

In den verbleibenden Tagen und Stunden werden die Kandidaten und ihre Truppen nun noch einmal im ganzen Land unterwegs sein. Am Donnerstagabend treffen die Spitzenkandidaten aller Bundestagsparteien im Fernsehen in der »Schlussrunde« aufeinander. Am Freitag und Samstag stehen die Abschlusskundgebungen an.

Auf SPIEGEL.de erfahren Sie alles, was Sie zur Wahl wissen müssen. Und am Sonntag können Sie hier live den Wahlabend verfolgen. Es wird, so viel steht fest, spannend wie lange nicht.

Was gibt es Neues in der Republik 21?

Der Wahltag rückt näher – höchste Zeit, in unserem SPIEGEL-Projekt Republik 21 die letzten wichtigen Fragen zur Stimmabgabe klären. Was meint zum Beispiel jemand, wenn er sagt, er würde bei dieser Wahl »taktisch« wählen?

Kann ich noch am Sonntag Briefwahl beantragen, falls ich in Quarantäne bin? Im Live Q&A auf Instagram  erklären die SPIEGEL-Redakteurinnen Katharina Hölter und Valerie Höhne am Donnerstag ab 11 Uhr, was Sie zur Wahl noch wissen wollen.

Im Stimmenfang-Podcast zieht mein Kollege Marius Mestermann gemeinsam mit Melanie Amann, Mitglied der SPIEGEL-Chefredaktion und Leiterin des Hauptstadtbüros, eine Bilanz der vergangenen Wochen: Wie schlimm und schmutzig war der Wahlkampf wirklich? Mit welchen Themen konnten die Parteien punkten – und welche gingen völlig unter? Die Antworten hören Sie ab Donnerstagfrüh hier .

Was die Umfragen sagen

Die SPIEGEL-Sonntagsfrage gibt es in dieser Woche ausnahmsweise am Donnerstag. Sie liefert drei Tage vor der Wahl noch einmal ein Stimmungsbild – wohlgemerkt auch dann nur eine Momentaufnahme.

Wir blicken heute gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey ein letztes Mal auf die persönlichen Werte der Kandidatin und der Kandidaten sowie auf die möglichen Koalitionen. In der Direktwahl-Frage liegt weiterhin Olaf Scholz deutlich vorn. Wobei, das ist nicht ganz korrekt. Die meisten Menschen antworten immer noch: »Weiß nicht« oder »Keinen der Genannten« – was nicht gerade für das Bewerberfeld spricht.

Hinter Scholz hat sich inzwischen Armin Laschet geschoben, er hält aber weiter reichlich Sicherheitsabstand ein. Annalena Baerbock liegt knapp hinter dem Unionskonkurrenten.

Die Frage, welche Koalition die Wählerinnen und Wähler nach der Wahl bevorzugen würden, ist nicht so einfach zu beantworten. Sei es Rot-Grün-Rot, die Ampel, Jamaika oder die Deutschlandkoalition – die Vorbehalte sind groß. Noch größer ist die Abneigung gegen die Große Koalition verbreitet: Die will im Grunde keiner mehr.

Es lohnt sich aber, genauer hinzusehen, wie die Präferenzen unter den Anhängerinnen und Anhängern der verschiedenen Parteien verteilt sind. Und siehe da: Unter den Freunden der SPD finden ein Linksbündnis und eine Ampel gleichermaßen Anklang.

Die Grünen-Sympathisanten stehen einer Koalition mit SPD und Linken etwas positiver gegenüber als einer Zusammenarbeit mit SPD und FDP. Eine Jamaikakoalition mit Union und FDP löst dagegen kaum wohlige Gefühle aus.

Die Liberalen wiederum würden Jamaika mit der Union einer Ampel mit der SPD naturgemäß vorziehen. Noch lieber wäre FDP-Anhängern eine Deutschlandkoalition mit Union und SPD – und ohne die Grünen.

So divers wie das Meinungsbild hier ist, so kompliziert dürfte auch die tatsächliche Regierungsbildung nach der Wahl werden.

Gut möglich, dass uns Angela Merkel als Kanzlerin noch eine ganze Weile erhalten bleibt.

Die Wahlkreise der Woche: #55 und #201

Wir haben noch einmal alle Wahlkreise durchgesehen, die wir Ihnen an dieser Stelle vorgestellt haben. Und siehe da: Es war eine schöne Reise durch die meisten Bundesländer. Zwei allerdings – keine böse Absicht, versprochen – kamen bisher nicht vor: Bremen und Rheinland-Pfalz. Das darf nicht so bleiben, heute bekommen Sie deshalb zwei Wahlkreise zum Preis von einem.

Bremen also: Der Wahlkreis 55 hat einen kuriosen Zuschnitt. Er umfasst die Hälfte der Stadt Bremen und die rund 60 Kilometer nördlich gelegene Exklave Bremerhaven. Seit Menschengedenken hat hier immer die SPD gewonnen, diesmal will der Hafenfacharbeiter Uwe Schmidt, 55, sein Direktmandat verteidigen.

2017 lag Schmidt bei den Erststimmen elf Prozentpunkte vor CDU-Konkurrentin Bettina Hornhues. Nun will eine junge Christdemokratin das Rennen spannender machen – trotz des miesen Bundestrends: Wiebke Winter, 25, Klimaaktivistin, prominentes Mitglied in Armin Laschets Zukunftsteam (hier  finden Sie ein Porträt der Kandidatin). »Sie fährt eine eigene Kampagne, dass man fast schon sagen könnte, ich glaube, sie möchte Kanzlerin werden«, stellte Grünenkonkurrent Michael Labetzke im Wahlkampf fest. Ob's hilft?

Ortswechsel in den Wahlkreis 201, Kreuznach, Rheinland-Pfalz: Julia Klöckner, 49, ist aktuell zwar Landwirtschaftsministerin in Angela Merkels Kabinett, hat aber kein Bundestagsmandat. Das soll sich ändern, damit die Karriere in Berlin nach der Wahl nicht womöglich zu Ende ist. Der erhoffte Spaziergang wird es für Klöckner, die den Wahlkreis 2005 und 2009 schon gewonnen hatte, aber nicht: Aktuelle Wahlkreisprognosen geben ihrem SPD-Konkurrenten Joe Weingarten, 59, gute Chancen, die Bundesministerin zu schlagen.

Ironie der Geschichte: Viele in der SPD sind nicht besonders scharf darauf, Weingarten weiterhin in der Bundestagsfraktion zu sehen. Weingarten war erst 2019 für Andrea Nahles ins Parlament nachgerückt, schon damals war er hochumstritten, weil er zuvor Geflüchtete in drei Gruppen eingeteilt hatte: »Asylsuchende«, »Arbeitssuchende« – und »Gesindel«. Auch plädierte er dafür, mehr mit denen zu reden, »die rechts der Mitte stehen und sich im allgemeinen linksliberalen Mainstream nicht mehr aufgehoben fühlen«.

Im Wahlkreis wurde er trotzdem erneut aufgestellt, auch weil ein Gegenbewerber kurzfristig zurückzog. Auf der Landesliste verbannten ihn die Genossen allerdings ganz ans Ende – weswegen er unbedingt das Direktmandat gewinnen muss. Julia Klöckner dagegen ist für den Fall einer Niederlage abgesichert. Sie steht auf Platz eins der CDU-Liste.

Der Social-Media-Moment der Woche

Kennen Sie Oldenfelde? Wenn Sie in den vergangenen Tagen auf Twitter unterwegs waren, dann ganz bestimmt, da wurde der Hashtag #Oldenfelde  diese Woche zum Hit. Schuld war der Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ole Thorben Buschhüter, oder – so sagt es Buschhüter selbst – ein »Fehler im System«.

Buschhüter, 45, wollte am Montag zur SPD-Distriktsversammlung in einen Seniorentreff in Oldenfelde einladen, einem Ortsteil des Hamburger Stadtteils Rahlstedt. Der Sozialdemokrat erwischte dabei allerdings den falschen Verteiler, seine Mail ging nicht nur an die 135 Oldenfelder Genossen, sondern an rund 400.000 SPD-Mitglieder im ganzen Land.

Die Geschichte vom Irrläufer machte schnell die Runde auf Twitter. Gefühlt die gesamte deutsche Sozialdemokratie, wenn nicht die ganze Republik, schien sich nun auf den Weg nach Oldenfelde machen zu wollen, zumindest virtuell.

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Auch Buschhüter machte mit , schlug einen Wechsel des Tagungsortes vor.

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Tatsächlich hofft der SPD-Mann, dass der Hype bis zum Tag der Versammlung am Dienstag kommender Woche vorbei ist: »Wir sind normal so 20 bis 25 Leute bei der Distriktsversammlung. Für ein paar neue Gesichter haben wir Platz, für mehr aber nicht.«

Die Storys der Woche

Diese politisch relevanten Geschichten aus unserem Hauptstadtbüro möchte ich Ihnen besonders empfehlen:

Herzlich,

Ihr Philipp Wittrock

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