Deutscher Waffenfrachter vor Syrien Das Rätsel der "Atlantic Cruiser"

Ein deutsches Schiff wollte Waffen nach Syrien bringen, dann verschwand es plötzlich im östlichen Mittelmeer. Nun steuert die "Atlantic Cruiser" angeblich Richtung Türkei. Der Fall ist äußerst dubios - und alarmiert die internationale Politik. Die Bundesregierung drängt die Reederei zur Aufklärung.
Archiv-Foto der "Atlantic Cruiser" (mit anderem Charternamen): Heikle Ladung

Archiv-Foto der "Atlantic Cruiser" (mit anderem Charternamen): Heikle Ladung

Foto: dapd

Hamburg - So plötzlich das Schiff verschwand, so plötzlich ist es wieder da: Auf internationalen Kontroll-Internetseiten ist die "Atlantic Cruiser" wieder sichtbar. Der kleine grüne Pfeil, der den 6200-Tonnen-Frachter online symbolisiert, steuert an Zypern vorbei in Richtung Türkei. Geschwindigkeit: Gut acht Knoten.

Am Freitagnachmittag war das Schiff vor Syrien gestoppt worden, später war es dann für rund 24 Stunden verschwunden, nun ist es angeblich auf dem Weg in den Hafen von Iskenderun. Frühestens am Montag könnte es bei gleichbleibendem Tempo ankommen - davon war zumindest am Sonntagnachmittag auszugehen. Ob der Frachter der deutschen Reederei Bockstiegel allerdings wirklich in der türkischen Küstenstadt anlegen will, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Denn am Sonntagabend stellte sich auf einmal heraus: Das Schiff hat seinen Transponder erneut ausgeschaltet, damit lässt es sich schon wieder nicht mehr orten. Der Fall der "Atlantic Cruiser" ist ein Mysterium.

Unter internationaler Aufmerksamkeit manövriert der Kapitän das Schiff nun schon seit Tagen durchs östliche Mittelmeer. Die Ladung ist heikel: Nach SPIEGEL-Informationen ist an Bord schweres Militärgerät aus Iran, das trotz des europäischen Waffenembargos an das Unterdrücker-Regime von Baschar al-Assad in Syrien gehen sollte. Die Bundesregierung ist alarmiert. Kein Wunder: Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass ein deutsches Schiff das Waffenembargo unterläuft, würde das wohl international Fragen aufwerfen, was die Bundesrepublik eigentlich tut, um die Sanktionen gegen das Assad-Regime durchzusetzen.

Seit Samstag prüft die Bundesregierung die unangenehme Angelegenheit, nun hat sie ihre Bemühungen, den Fall aufzuklären, noch einmal verstärkt. Man habe "die Botschaften der Region gebeten, ihre jeweiligen Gastregierungen auf den Vorgang aufmerksam zu machen wegen eines möglichen Verstoßes gegen Embargovorschriften", erfuhr SPIEGEL ONLINE aus dem Bundeswirtschaftsministerium, das bei der Aufklärungsarbeit federführend ist. Vor allem die Regierungen von Zypern, Libanon und der Türkei sollen dem Vernehmen nach eingebunden werden.

Reederei und Charterfirma streiten sich

Auch mit der deutschen Reederei des Frachters sei inzwischen Kontakt aufgenommen worden. "Nach Auskunft der Reederei ist eine Weiterfahrt der Atlantic Cruiser nach Syrien nicht beabsichtigt", hieß es im Bundeswirtschaftsministerium. Das Schiff sei vielmehr auf Veranlassung der Reederei gestoppt worden und solle nun einen sicheren Dritthafen im Mittelmeer anlaufen. Dort solle dann zunächst die Ware überprüft werden.

Der Fall der "Atlantic Cruiser" gibt Rätsel auf, seit Tagen verstricken sich die Verantwortlichen der Reederei in Widersprüche, am Sonntag wollten sie gegenüber SPIEGEL ONLINE keine Stellung mehr nehmen. Ursprünglich sollte der deutsche Frachter Ende vergangener Woche den syrischen Hafen Tartus anlaufen. Zuvor hatte das Schiff im Hafen von Dschibuti von einem iranischen Frachter schweres Militärgerät und Munition übernommen. Adressat: die Schergen von Baschar al-Assad.

Weil Überläufer im syrischen Regierungsapparat die Lieferung spitz kriegten und der Deal aufzufliegen drohte, änderte die "Atlantic Cruiser" am Freitagnachmittag plötzlich ihren Zielhafen und steuerte in Richtung des türkischen Mittelmeerorts Iskenderun. Dann hielt das Schiff etwa 80 Kilometer südwestlich von Tartus und fuhr die nächsten Stunden im Kreis. "Wir haben das Schiff gestoppt, nachdem wir Hinweise auf die Waffenladung erhielten", sagte Schiffsmakler Torsten Lüddeke von der C.E.G. Bulk Chartering, die für die Befrachtung der "Atlantic Cruiser" verantwortlich ist.

Offiziell wollen Reederei und Befrachtungsunternehmen nichts von der Ladung gewusst haben. Die "Atlantic Cruiser" sei an die ukrainische Firma White Whale Shipping in Odessa vermietet worden, sagte Lüddeke. Die habe als Ladung "Pumpen und ähnliche Dinge" deklariert. Die ukrainische Firma hält an dieser Darstellung fest und bezichtigt Lüddeke der Lüge. "Das Schiff transportiert keine gefährliche oder militärisch bedeutsame Fracht nach Syrien", heißt es in einer E-Mail der Generalvertretung von White Whale Shipping.

Warum war das Schiff 24 Stunden lang nicht zu orten?

Doch das Verhalten der Verantwortlichen wirft Fragen auf. So ist rätselhaft, warum die Reederei nicht sofort nach den Hinweisen auf eine Waffenladung das Schiff in einen Hafen lotste, um der Sache auf den Grund zu gehen. Auch der Kapitän hätte von der Reederei aufgefordert werden können, die Ladung auf seinem Schiff näher zu inspizieren. Ein Schnellcheck der Fracht hätte Klärung bringen und alle Beteiligten entlasten können. Offenbar war das nicht gewollt.

Stattdessen veranlassten die Verantwortlichen den Kapitän lieber, den Transponder auszuschalten, so dass das Schiff nicht mehr zu orten war. Rund 24 Stunden konnte die "Atlantic Cruiser" nicht geortet werden - auf offener See. Was in dieser Zeit an Bord vor sich ging, wird sich so leicht kaum klären lassen. Das gleiche gilt für den Sonntagabend, als der Transponder erneut ausgeschaltet wurde: Was geht seitdem auf dem Schiff vor?

Bei der Reederei heißt es hinter vorgehaltener Hand, das Ausschalten des Transponders sei üblich, sobald ein Frachter sich nicht mehr fortbewege. Schiffsmakler halten den Schritt aber für extrem ungewöhnlich. Selbst wenn ein Frachter in einem Hafen oder auf offener See ruhe, sei das gewöhnlich erkennbar, heißt es unter Fachleuten.

Der Spielraum der Bundesregierung, den Fall eigenhändig aufzuklären, ist begrenzt. "Nach einer rechtlichen Prüfung des Sachverhalts auf Grundlage des derzeitigen Kenntnisstands bestehen keine Handlungs- und Eingriffsmöglichkeiten nach deutschem Recht", heißt es. Das Schiff fährt unter der Flagge Antiguas und Barbudas. Um es zu stoppen oder zu untersuchen, müsste zunächst ein Rechtshilfeersuchen an den Karibikstaat gerichtet werden.

Umständlich - aber machbar. Man habe "mit dem Flaggenstaat bereits Kontakt aufgenommen", heißt es im Wirtschaftsministerium.

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