Syrien Menschenrechtler prangern Raketeneinsatz gegen Zivilisten an

Human Rights Watch spricht von einer "Eskalation der Tötungstaktik" in Syrien. Nach Angaben der Menschenrechtler greifen Truppen des Assad-Regimes Rebellengebiete vermehrt mit Raketen an. Das Ausmaß der Zerstörung sei gewaltig, Opfer der Attacken vor allem Zivilisten.
Zerstörte Gebäude in Aleppo: "Ein neuer Tiefpunkt"

Zerstörte Gebäude in Aleppo: "Ein neuer Tiefpunkt"

Foto: MUZAFFAR SALMAN/ REUTERS

Beirut/Damaskus - Die syrische Armee greift nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten Rebellen-Gebiete verstärkt mit Raketen an. "Ich habe viele Angriffsschauplätze in Syrien besichtigt, aber niemals solche Zerstörung gesehen", sagte der Human-Rights-Watch-Experte Ole Solvang am Dienstag. "Genau dann, wenn man denkt, dass es nicht mehr schlimmer werden kann, findet die syrische Regierung Wege zur Eskalation ihrer Tötungstaktik."

Ballistische Raketen gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen, sei selbst für die Führung in Damaskus "ein neuer Tiefpunkt". Solvang besuchte nach eigenen Angaben vier betroffene Gegenden im Norden Syriens. Bei den Angriffen seien dort jeweils 15 bis 20 Häuser vollkommen zerstört worden, erklärten die Menschenrechtsorganisation. Allein in der vergangenen Woche sollen durch die Raketenangriffe mindestens 141 Zivilisten getötet worden sein, die Hälfte von ihnen Kinder.

Das Ausmaß der Zerstörung und Berichte von Aktivisten seien deutliche Hinweise dafür, dass die syrische Regierung ballistische Raketen eingesetzt hätten, so Human Rights Watch. Ein weiteres Indiz sei die Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Angriffe keine Flugzeuge oder Hubschrauber gesichtet worden seien. Nichts habe darauf hingedeutet, dass sich in den Gebieten außer Zivilisten auch Kämpfer oder Rebellenstellungen befunden hätten, sagen die Menschenrechtler. Dies würde bedeuten, dass die Angriffe rechtswidrig gewesen seien.

Assad-Regime dementiert Einsatz von Scuds

Allerdings hat Human Rights Watch bei seinem Besuch keine Überbleibsel von Raketen gefunden. Die Gruppe konnte daher nicht bestimmen, welche Art von Geschoss genau eingesetzt wurde.

Syriens Informationsminister Omran al-Soabi hatte am Sonntag einem Medienbericht zufolge dementiert, dass seine Regierung in dem Konflikt Scud-Raketen einsetzt. Im Dezember hatte die Nato aber erklärt, die syrischen Truppen hätten mehrfach Scuds abgefeuert. Die Militärallianz äußerte sich nicht dazu, wo die Geschosse einschlugen, bezeichnete ihren Einsatz aber als Verzweiflungsakt. Die Opposition zählte nach eigenen Angaben mehr als 30 Angriffe mit ballistischen Raketen seit Dezember, von denen mehrere in unbewohnten Gebieten niedergingen.

Moskau: Syrische Opposition von Extremisten dominiert

Der russische Außenminister Sergej Lawrow machte "extremistische" Aufständische für den anhaltenden blutigen Konflikt in Syrien verantwortlich. "Die Extremisten haben derzeit die Oberhand in den Reihen der Opposition", sagte Lawrow am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Moskau. Diese setzten "auf die militärische Lösung und blockieren jede Initiative für einen Dialog".

In der syrischen Hauptstadt Damaskus kamen bei einem Anschlag offenbar mehrere Menschen ums Leben. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana sprach von einem Selbstmordattentat mit einem Auto. Nach Angaben von syrischen Menschenrechtsaktivisten wurde ein militärischer Kontrollposten getroffen. Mindestens fünf Soldaten seien bei dem Anschlag vom Montagabend getötet worden, zudem habe es mehrere Verletzte gegeben. Die Explosion und eine folgende heftige Schießerei lösten nach Angaben von Augenzeugen Panik in der Stadt aus.

Oppositionsgruppe doch bei Treffen der Freunde Syriens

Präsident Baschar al-Assad versucht seit fast zwei Jahren, einen Aufstand gegen seine Herrschaft niederzuschlagen. Dieser hat sich inzwischen zu einem Bürgerkrieg ausgeweitet. Zehntausende Menschen sind getötet worden, Hunderttausende sind vor der Gewalt ins Ausland geflohen. Nach Uno-Angaben wurden bereits rund 70.000 Menschen in Syrien getötet.

Das größte Bündnis syrischer Oppositionsgegner, die Nationale Syrische Koalition (NSC), kündigte an, nun doch an einem Treffen der Kontaktgruppe der Freunde Syriens in Rom teilzunehmen. Ihr Vorsitzender Moas al-Chatib erklärte über das soziale Netzwerk Facebook, die Koalition habe sich nach langen Diskussionen entschlossen, an den Gesprächen am Donnerstag teilzunehmen. Anschließend würden die Beziehungen zwischen der syrischen Opposition und der internationalen Gemeinschaft neu bewertet, hieß es weiter.

heb/Reuters/dpa/AP
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