Bürgerkrieg gegen den IS PKK rekrutiert immer mehr Syrien-Kämpfer in Deutschland

Der Konflikt zwischen der Terrormiliz "Islamischer Staat" und kurdischen Rebellen erreicht Deutschland: Nach SPIEGEL-Informationen ziehen immer mehr PKK-Kämpfer aus der Bundesrepublik nach Syrien. Die Behörden sind alarmiert.
Polizisten nach Kämpfen zwischen Kurden und mutmaßlichen Salafisten in Hamburg-St.Georg: "Richtig Druck im Kessel"

Polizisten nach Kämpfen zwischen Kurden und mutmaßlichen Salafisten in Hamburg-St.Georg: "Richtig Druck im Kessel"

Foto: Bodo Marks/ dpa

Die Zahl der aus Deutschland stammenden Kämpfer, die sich der kurdischen Terrororganisation PKK anschließen, nimmt stetig zu. Nach Informationen des SPIEGEL sind bereits etwa 50 Freiwillige aus der Bundesrepublik nach Syrien gereist, um sich dort gegen den "Islamischen Staat" (IS) zu engagieren. "Es fing langsam an, aber jetzt ist richtig Druck auf dem Kessel", sagt ein Beamter.

Angaben aus Sicherheitskreisen zufolge sprechen zumeist speziell geschulte Rekrutierer die potenziellen Aktivisten an. Nach einer ideologischen Erstbeschulung in den Niederlanden oder in Belgien werden die Freiwilligen über den Irak ins türkische Grenzgebiet geschleust, wo sie eine militärische Ausbildung erhalten.

Die Ausreise der PKK-Kämpfer zu verhindern, fällt den deutschen Sicherheitsbehörden deutlich schwerer als bei islamistischen Terror-Touristen. "Diese Leute sind nicht so blöd wie die Dschihadisten", sagte ein Geheimdienstler dem SPIEGEL. Man könne sie kaum von normalen Reisenden unterscheiden. Im Unterschied zu den IS-Anhängern posteten die PKK-Rebellen auch selten Fotos in sozialen Medien. "Wir stochern da ziemlich im Nebel", so ein anderer Beamter.

"Starke Emotionalisierung"

Jedoch beobachten Polizei und Verfassungsschutz mit Sorge, wie sich die Präsenz der zurückkehrenden PKK-Kämpfer auf das angespannte Verhältnis zur salafistischen Szene in Deutschland auswirkt. In einer vertraulichen Lageeinschätzung hatte des Bundeskriminalamt (BKA) bereits kürzlich vor einer "starken Emotionalisierung" der Kurden gewarnt.

Die Einnahme Kobanes "mit denkbaren Massakern an der Bevölkerung" stellte "unter Gefährdungsgesichtspunkten betrachtet" für Deutschland die nächste Eskalationsstufe dar, so die BKA-Staatsschützer in dem Papier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Bilder und Berichte von Gräueltaten könnten massive Reaktionen unter den Kurden in Deutschland auslösen. Gerade in Kreisen junger PKK-Anhänger dürfte sich dann eine ohnehin bestehende Gewaltbereitschaft weiterhin erhöhen.

Es sei zudem zu befürchten, dass Kurden die aus ihrer Sicht zu zurückhaltend agierende Regierung in Ankara und die internationale Staatengemeinschaft verantwortlich machen könnten, wenn Kobane fallen sollte. Ziele militanter Aktionen könnten daher türkische Einrichtungen, aber auch Banken, Fluglinien und Geschäfte in Deutschland werden. Womöglich rückten auch amerikanische Objekte in den Fokus fanatischer Kurden, warnte das BKA in dem mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) abgestimmten Dokument.

Auch das nordrhein-westfälische Innenministerium befürchtet inzwischen, dass es zu Angriffen von Kurden auf Islamisten kommen könnte. Es lägen vermehrt Hinweise darauf vor, "dass es vor allem in kurdischen und jesidischen Kreisen, teilweise aber auch in schiitischen Gruppen, eine wachsende Bereitschaft gibt, mit Gewalt gegen erkannte Salafisten vorzugehen." So heißt es in einem Schriftstück, das unlängst nach einem Treffen zwischen Verfassungsschützern und Staatsschützern des Düsseldorfer Landeskriminalamts erstellt wurde.

Der "Hass" auf Sympathisanten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) könne sich "jederzeit durch Handgreiflichkeiten entladen", ohne dass es dazu weiterer Provokationen bedürfe, so das Innenministerium. Gefährdet seien vor allem öffentlich auftretende salafistische Missionierungstrupps, deren Betätigung von kurdischen Kreisen als "unerträgliche Propaganda des IS" wahrgenommen würde.

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